Das spirituelle Herz von Myanmar

Es war einer dieser Momente, die du nicht planen kannst. Das reine Glück des Reisenden. In der Kuthodaw-Pagode wollte ich einen alten Mann filmen, der seine Katzen fütterte. Einige Kinder schauten gebannt zu und wenig später noch gebannter auf den Bildschirm meines Handys. Denn da sahen sie sich selbst. Für mich ein Gefühl wie Weihnachten: Ihr Kinderlein kommet – erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier.

Vielleicht gibt es das derzeit nur in Myanmar: Die direkte Begegnung mit der jüngsten Generation in einem alten Bauwerk.

Mandalay verändert sich, erzählten uns die Einheimischen. Optisch, und durch den Zuzug vieler chinesischer Geschäftsleute auch atmosphärisch. Wir waren zum ersten Mal in der Stadt, uns fehlte der Vergleich.

Mandalay am Fluss

Das Leben am Fluss (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Doch immer noch gilt: In Mandalay bist du dem alten Burma so nahe wie nirgends sonst. Weil hier die Traditionen gelebtes Vermächtnis sind: Tanz, Musik, Drama, Kunst und Kunsthandwerk.

Manches sieht so alt aus, als stamme es aus dem Mittelalter unserer Zeitrechnung. Doch Mandalay wurde erst 1857 gegründet und war die letzte Hauptstadt des birmanischen Königreichs. Offizieller Name: Yadanabon.

Wir aber kamen, ungeachtet der steinernen Zeugen glorreicher Vergangenheit, in eine umtriebige und quirlige Stadt, deren Bewohner mehrheitlich um ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen. 50 Jahre Militärdiktatur bescherten nur wenigen Auserwählten Wohlstand, dem Land hingegen Armut.

Mandalay

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

In harten Zeiten brauchen die Menschen etwas, woran sie glauben können. Einen spirituellen Anker. Buddhas Lehren zum Beispiel.

Die Hälfte aller burmesischen Mönche residiert in Mandalay und Umgebung. Uns hat nicht nur die schiere Anzahl der buddhistischen Monumente (mehr als 700) erschlagen, sondern auch ihre Architektur – an diesen unverändert belebten Orten ist Mandalay schön und einzigartig.

Mandalay das spirituelle Herz Myanmars

Das spirituelle Herz Myanmars (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

An anderen Stellen hat Myanmars zweitgrößte Stadt rasend schnell den Sprung in die Moderne geschafft – in modernen Supermärkten, schicken Restaurants und an den ATM-Geldautomaten, wo man die einheimischen Kyats ziehen kann. Noch vor zwei Jahren war dies ein so dringlicher wie vergeblicher Wunsch, wenn man nicht genügend frisch gewaschene und gebügelte Dollars in der Tasche hatte; andere wurden beim Tausch gegen Kyats nicht akzeptiert.

Guide Zaw Zaw MandalayUnser Guide: Zaw Zaw

Kurz vor Reiseantritt riefen wir einen Freund an in Yangon: Ob er uns einen Guide in Mandalay empfehlen könne? Er konnte. Kurzer Mailwechsel hin und her – Zaw Zaw holte uns am Flughafen ab, und nach nur zwei Tagen empfehlen wir diesen kundigen und sympathischen Familienvater aus Überzeugung weiter: zawzaw21@gmail.com!

Mingalaba Mandalay!

Hallo Mandalay!

Airport Mandalay

Airport Mandalay (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

1. Tag – Im Zeichen der Pagoden

Wir wohnten im „Bagan King“ und haben das genossen, ein paar Anmerkungen dazu und zu anderen Unterkünften unter dem separaten Link Hotel-Tipps Mandalay: Bagan ist King.

Frühstück im Shwe Bagan Restaurant des „Bagan King“

(Fotos: Fred Bellomy, B. Linnhoff)

Mya Nan San Kyaw: Der Königspalast

Königspalast Mandalay

Der Palast erinnert an die blühendste Periode des Königreiches Birma. König Mindon (1853 – 1878) war der vorletzte Herrscher, ehe das Land an die Briten fiel.

Mindon machte Mandalay zur Hauptstadt der letzten Monarchie und ordnete den Bau der meisten Pagoden und Tempel an. Seine karge Freizeit widmete er den vier Haupt- und 45 Nebenfrauen, in genau festgelegter Reihenfolge, meist zwei am Tag, damit die Abstände nicht zu groß wurden. Für die Damen. Den zahlreichen Verbindungen entsprangen zahllose Nachkommen; die Großfamilie konzentrierte sich im Wesentlichen auf höfische, oft mörderische Intrigen.

Die einstige Teakkonstruktion des Palastes brannte im Zweiten Weltkrieg komplett aus, im eher einfachen Nachbau wurde Teak durch Metall ersetzt.

Kloster Shwenandaw – den Bomben entgangen

Shwenandaw war zunächst das Privatgemach des Königs Mindon, dort starb er auch. Sein Nachfolger Thibaw ließ den Teakholz-Bau 1880 zerlegen und am Rande des Mandalay Hill wieder aufbauen – so blieb die Anlage von den Bomben des Zweiten Weltkriegs verschont, die den königlichen Palast zerstörten.

Kuthodaw-Pagode: Das größte Buch der Welt

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Foto: Tripadvisor

Dieses Buch liest niemand im Bett. Es ist das größte der Welt und steht in einer der wichtigsten religiösen Stätten Mandalays, der Kuthodaw Pagode am Fuß des Mandalay Hill. Ein Buch in Reih und Glied aus 729 Marmorplatten, auf denen die Tipitaka eingraviert ist – jeder einzelne Text des Pali-Kanons, der Heiligen Schrift des Theravada-Buddhismus. Jede Tafel wird von einer eigenen weißen Stupa gegen die Witterung geschützt.

Sandamuni: Der größte Eisen-Buddha der Welt

Sandamuni-Pagode Mandalay

Gleich nebenan spazieren wir durch die Anlage der Sandamuni Pagode, errichtet über dem Grab des Prinzen Kanaung. Die Attraktion dieses Tempels ist der größte aus Eisen gegossene Buddha der Welt.

Mahamuni Pagode – Blattgold trägt auf

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Entgegen gängiger Vorstellung war Buddha schlank, fast athletisch schon und eben nicht gut gepolstert. Daher könnte es sein, dass der Buddha der Mahamuni-Pagode ein wenig mit seinem Schicksal hadert. Denn der wird immer dicker.

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Fotos (2): Blog Reisen von US

Neben dem Goldenen Felsen und Yangons Shwedagon Pagode zählt die Mahamuni Pagode zu den Hauptpilgerzielen Myanmars. Zum Zeichen ihrer Wertschätzung heften die Gläubigen der Statue Buddhas kleine Blattgoldplättchen an. Seitdem wissen wir: Blattgold trägt auf. Die Schicht soll schon 35 Zentimeter dick sein.

Jeden Morgen zwischen vier und fünf Uhr wäscht ein Mönch des Buddhas Antlitz und putzt seine Zähne. Bei geschlossenem Mund.

Kyauktawgy-Pagode – Sitzriese aus Marmor

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Wir bleiben am Mandalay Hill, es wird uns durchaus nicht langweilig. Es wartet die nächste Pagode (Kyauktawgy) des unermüdlichen Bauherrn König Mindon, es wartet der nächste rekordverdächtige Buddha. Ein Sitzriese; er wurde aus einem einzigen Block des kostbaren Sagaing-Marmors gehauen. Alles in allem wurde er drei Jahre lang gehauen, vielleicht schaut der Erwachte deshalb nicht ganz so milde drein wie gewohnt.

Pause am großen Ayeyarwaddy

Ayeyarwaddy River

Zeit für eine Pause, der Magen meiner thailändischen Freundin knurrt. Bei Thais ist das nicht nur ein Zeichen für akuten Hunger, sondern auch eine Ermahnung zur Dringlichkeit: Nahrung sofort, sonst Blaulicht.

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Mya Nandar (Foto: Iolanda Andrade)

Das Restaurant Mya Nandar bietet dem Gast sowohl burmesische als auch chinesische Küche und einen entspannten Blick auf den berühmten Ayeyarwaddy, mit 2000 km längste Wasserstraße Myanmars und Taktgeber des alltäglichen Handels und Wandels.

Ausflug zur U Bein Brücke

Gegen 16. 30 fahren wir zum Taungthaman-See. Wir nähern uns dem erhofften Höhepunkt unserer Tage in Mandalay. Weswegen ich diesem Trip an die Peripherie der Stadt eine separate Geschichte gewidmet habe:

U Bein: Sonnenuntergang in Teak

Und ein Video:

Zum Abschluss Wiener Schnitzel…

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…oder aber das gegrillte Lachsfilet mit Püree aus grünen Erbsen und mediterranen Gemüsen…

…und dazu ein freundliches Mandalay-Bier. Wir sind immer noch in dieser Stadt, auch wenn es sich bei diesen Speisen nicht so anfühlt. Das Bistro@82nd ist ein europäisches Restaurant in der Stadtmitte, eröffnet am 1. August 2014 und vielleicht ein Vorreiter der künftigen kulinarischen Entwicklung in den größeren Orten Myanmars. Einer der Gründer des Bistros ist der Schweizer Renato Buhlmann, der zuvor für das berühmte Strand-Hotel in Yangon kochte.

Die 48 Plätze des Restaurants werden vor allem von ausländischen Geschäftsleuten und Touristen genutzt. Die Preise setzen vielen Burmesen eine natürliche Schmerzgrenze, ohne für unser Verständnis übertrieben hoch zu sein.

2. Tag – einmal mehr im Zeichen der Pagoden

Sagaing Hill Mandalay

Der Hügel von Sagaing am Ayeyarwaddy (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Statt unseres gewohnten Führers Zaw Zaw kutschiert uns heute sein befreundeter Kollege U Win durch den Tag, genauso freundlich, genauso ortskundig. Er besteht auf früher Abfahrt an unserem Hotel, da wir auf die andere Seite des Ayeyarwaddy fahren wollen, nach Sagaing und Mingon, gut 20 km vom Zentrum Mandalays entfernt.

Sagaing Hill

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Auch Sagaing war im Laufe der Geschichte Hauptstadt des Königreichs. Mingun ist und bleibt ein Dorf, aber auch dort ziehen spektakuläre Bauwerke Touristen an aus aller Welt.

Wir begnügen uns mit den wichtigsten Informationen, die Zahlen erschlagen uns einmal mehr: Auf dem Hügel von Sagaing und drumherum stehen 600 Pagoden und Kloster, dazu 100 Meditationszentren. Hier leben 6000 Mönche und Nonnen.

U Min Thonze Pagode – Freude und Andacht

U Min Thonze Pagoda Sagaing

In einem Wort? Magisch! Im Inneren der „Pagode der 30 Höhlen“, die wir durch einen der dreißig schmalen Eingänge betreten, sitzen im Halbkreis 45 überlebensgroße Buddhas vor einem türkisfarbenen Mosaik. Normalerweise sind die Buddhas in Gold gefasst, doch bei unserem Besuch nahmen die Maler Anleihen bei den frühen Rolling Stones: Paint it black!

Sun U Ponnya Shin-Paya Pagode

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Es ist der herrliche Blick von der Hügelspitze, der dieses Kloster auch für Einheimische so attraktiv macht. Oder ist es doch der Bronzefrosch? Jeder poliert andächtig den Schädel – das soll Glück bringen. Allein der riesige Buddha  des Tempels wirkt bei unserem Besuch ungewohnt schmallippig; er sitzt nicht bequem, er wird renoviert.

Von Sagaing nach Mingun

Fahrt nach Mingun in Myanmar

Auf dem Weg nach Mingun (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Der chaotische Verkehr zwingt uns oft zu langsamer Fahrt. So bekommen wir etwas mit vom ländlichen Leben nahe Mandalay. Erreichen kann man das Dorf Mingun auch über den großen Fluss. Die Fahrt von Mandalay aus dauert etwa eine Stunde. Im Dorf aber vergehen nur wenige Sekunden, ehe wir von freundlich-hartnäckigen Jugendlichen eingekreist werden, die entweder etwas zu verkaufen oder zu erzählen haben. Meist beides.

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Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Mingun mag ein Dorf sein, auch hier aber wurden Legenden in Stein gemeißelt. Das „gebrochene Herz“ zum Beispiel erinnert an eine untröstliche Mutter, die ihre beiden Kinder verlor – das Monument wird auch „Tempel der Verzweiflung“ genannt.

Der nächste Rekord: Die Pahtodawgyi-Pagode ist die größte unvollendete Pagode der Welt. Oder auch der Welt größter Ziegelhaufen. König Bodawpaya plante die Pagode einst mit einer Höhe von 152 m. 1790 begannen Tausende Fronarbeiter mit dem Bau, doch schon bald machte die Prophezeiung eines Wahrsagers die Runde, nach Fertigstellung des Bauwerks würde das ganze Land kollabieren. Damit war das Thema Pagode erledigt. Heute sieht es aus, als habe überall ein Blitz eingeschlagen, doch die Schäden stammen von einem Erdbeben 1838.

160812_Mingun_GlockeMeisterschaft kann zum Tode führen. Der Mann, der im Auftrag des Königs eine Glocke mit drei Metern Höhen und fast 90 Tonnen Gewicht für die Pagode goss (noch heute die zweitgrößte intakte Glocke der Welt), wurde nach vollbrachter Tat getötet. Damit er nicht in Versuchung geriet, noch einmal ähnlich Schönes zu schaffen.

Das Zentrum der Welt

Die wunderschöne Hsinbyume-Pagode wirkt bei Sonnenschein vermutlich noch einnehmender als an unserem regnerischen Tag. Sie symbolisiert den mythischen Berg Meru, das Zentrum der Welt. Sieben mit Wellen geschmückte Terrassen stellen die sieben Meere dar, von denen der Meru nach buddhistischer Vorstellung umgeben ist.

Staubschlucker im Namen Buddhas

Die nächste Station unseres gut ausgefüllten Tages liegt am (Rück-)Weg. Irgendwann haben wir uns gefragt, wo eigentlich all die Buddha-Statuen herkommen, besser: Wer gibt ihnen Form und Gestalt? Und so suchten und fanden wir

Die Buddha-Schleifer von Mandalay
Marmorschleifer Mandalay

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Mandalay: Und abends mit Beleuchtung

7 Monuments Mandalay

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Zum Abendessen fahren wir mit dem Taxi. Auf dem Weg zum Mandalay Hill Hotel sucht nun auch uns eine Art Erleuchtung heim. Oder auch Beleuchtung? Mandalays Stadtväter ließen einige der Originalbauten aus der Mindon-Ära nachbilden, als begehbare Lichtskulpturen.

Erst bei Dunkelheit entfalten diese Replicas ihren Charme, dem vor allem die Einheimischen erliegen. Wir aber auch. Zunächst allerdings müssen wir im Auto warten, bis der Junkie vor uns wieder abzieht, der einige Zeit vernehmlich auf die Kühlerhaube schlägt. Unser Fahrer bleibt ruhig, die Tür geschlossen. „Ist nicht schön“, meint er lakonisch, „aber kommt vor.“

Dinner in Burma: Pizza aus Kanada

Wie viele seiner Landsleute, so ist auch Willie Fong nach der politischen Wende aus dem Ausland in die burmesische Heimat zurückgekehrt. Mit der Erfahrung von 25 Jahren im Pizzabacken. Die fließen nun ein in Pizzen unterschiedlicher Größe und Geschmacksrichtung im Restaurant „Shwe Pizza“. Mintgrüner Außenanstrich, schwer zu verfehlen (31. Straße, zwischen der 80. und 81. Straße). Für uns ein bodenständiger Abschluss nach zwei Tagen vornehmlich spiritueller Kost.

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Foto: Shwe Pizza/Facebook

Fotos, so weit nicht anders ausgezeichnet: B. Linnhoff, Kesorn Chaisan

Stories zum Thema Mandalay in diesem Blog:

Die Buddha-Schleifer von Mandalay
U Bein: Sonnenuntergang in Teak
Hotel-Tipps Mandalay – Bagan ist King
Mythos Mandalay: Oft besungen – keiner war da

Externe Links:

„Wo das spirituelle Herz Myanmars schlägt“: Reiseautor Volker Klinkmüller hat für das Magazin „Der Farang“ ein ausführliches, atmosphärisch dichtes und treffendes Porträt mit praktischen Tipps verfasst

Buch-Tipp: „Der Glaspalast“ von Amitav Ghosh – spielt weitgehend in Mandalay

Flugverbindungen von Thailand aus: Bangkok Air und Air Asia

Für Individualreisende ideal ist das erste Online-Reiseportal Myanmars, auf dem man Flüge, Touren, Mietwagen und Unterkünfte buchen kann:  Fly Ma

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Story in „Der Farang“: Airbnb jetzt auch in Myanmar