Bangkok ist eine riesige, sengende, rücksichtslose, buddhistische Megalopolis aus Beton und Teak, voll mit schurkischen Dämonen und sanften Engeln; eine intensive Stadt mit einer warmen, sich ständig ausdehnenden Energie, die dazu geführt hat, dass ich seit 17 Jahren hier leben will

Justin Mills, britischer DJ und Maler

120929_Abschied-von-Bangkok-1_Schule-der-Sinne

„Eine Schule der Sinne“

So nennt John McBeth in seiner Autobiografie „Reporter“ die Stadt am Chao Praya. 1970 verabschiedete sich der ehrgezige Lokaljournalist aus Auckland in Neuseeland. In Londons Fleet Street, im britischen Zeitungsmekka wollte er nach den medialen Sternen greifen. Doch er kam nie an. Das Frachtschiff, mit dem er reiste, lief bei der Ankunft in Indonesien auf Grund. Von da reiste McBeth nach Singapur und, zu einem kurzen Intermezzo, nach Bangkok. Um 16 Jahre zu bleiben.

Viel Beton, viele Staus, kaum klare Luft und die unfassbaren Knäuel der frei hängenden Stromleitungen – dies waren meine wesentlichen Eindrücke,  als ich 1998 erstmals durch Bangkok spazierte. Nicht unbedingt die geeigneten Kriterien, um eine Stadt als Lebensmittelpunkt zu favorisieren. Meine Wahrnehmung war keine exklusive, wie ich später bei einem Merian-Interview mit Roger Willemsen lesen konnte: „Nach wie vor eine hässliche, eine von der Stadtplanung weitgehend unberührte Metropole.“

Was nichts an Willemsens Faszination änderte, und an meiner auch nicht.

Denn wir sprechen über Bangkok.

Am 27. September 2008 setzte ich mich in Frankfurt ins Flugzeug. Der Tag war da, ich wanderte aus. Vom rheinischen Meerbusch in die Zehn-Millionen-Metropole Bangkok. Für mich kein so großer Schritt, wie Freunde und Familie empfanden. Prickelnde Vorfreude bei der Landung auf dem Flughafen Suvarnabhumi und ein Hauch von Abenteuer, ja. Aber vom Start weg eines mit Netz(werk). Hartwig Schüler, ihn kannte ich schon seit 1999, pflasterte mir mit Fahri und den German All Stars den Weg, den ich gehen, auf dem ich heimisch werden wollte. Meine ersten Schritte ähnelten Bangkoks Bürgersteigen: Im Prinzip eben, aber zu 70 Prozent Knöchelfallen.

Dennoch: Zu Beginn schwebte ich eher durch die Stadt der Engel und nahm alle Verheißungen wörtlich. So empfing Bangkok mich wie einen Freund, und ich warf mich mit Anlauf in die weit geöffneten Arme. Im Parallelflug neben mir Uwe „Disco“ Wojatzek, er war am selben Tag in Bangkok angekommen. Wir waren neugierig und bereit, uns überwältigen zu lassen.

Hat geklappt.

Mal tags, mal des Nachts streiften wir nun durch die Stadt. Durch das alte Bangkok in Rattanakosin, durch die wunderbaren Tempel am Fluss der Könige, durch das teils historische, teils kleinstädtische Bangkok nahe Phra Artit unweit der Khao San Road, durch das Künstlerviertel Ari.

Wir fuhren im Longtail-Boot durch die Khlongs, Teil jeden Touri-Programms, weil es eine Ahnung heraufbeschwört vom einstigen „Venedig des Ostens“. Wir frühstückten Brötchen mit Krabbenfleisch auf der Terrasse des Oriental Hotels und tranken einen Capuccino dazu mit Blick auf Chao Praya und Dschunken.

In der Hitze der Nacht feierten wir die Thonglor Road und die Sukhumvit Soi 11 rauf und wieder runter; das Chinesische Neujahr lockte uns in den Trubel Chinatowns, und bei besonderen Anlässen schauten wir vom „Dome“ im 63. Stock des LeBua-Hotels auf die Stadt herab, mit einem Cocktail in der Hand an der Sky-Bar des Restaurants Sirocco, Drehort und Teil des absurden Geschehens von „Hangover 2“ und seither noch frequentierter.

Eine Schule für alle Sinne – das war Bangkok in der Tat. Der ideale Ort, um das Motto „Lebenslang lernen“  mit „Sanuk“ zu zelebrieren, mit Spaß an der Freud`. Und manches Mal dachte ich, frei nach Tom Robbins, dass es nie zu spät ist für eine glückliche Jugend.

Abschied von Bangkok 2 – Die vier besten Jahre meines Lebens