Gute Freunde kann niemand…

…trennen. „Es ist hier in jeder Hinsicht wärmer, es ist alles anders, und ein Thai Smile rettet jeden Tag“: Warum tat ich mich so schwer damit, den Freunden in Deutschland meine Bangkok-Euphorie erschöpfend zu erklären? So endete jeder Versuch in einer Einladung: „Kommt her,“ habe ich gesagt, „das ist keine Stadt, das ist ein Lebensgefühl.“ Viele kamen, die meisten kamen wieder, Christian und Jule zogen gar für anderthalb Jahre her. Das alles zu meinem Glück, denn meine in Deutschland lebenden Freunde und die Gespräche mit ihnen vermisste ich von Beginn an.

Und täglich grüßt die Skyline

120930_Bangkok-2_Foto-TowerEinen Volltreffer landete ich mit meiner Wohnung im JC Tower. 19. Stock. Ideal für einen Menschen mit Höhenangst wie mich. Bei tropischen Gewittern war ich einfach näher dran an Blitz und Grollen als im Erdgeschoss. Immer wieder neu, immer wieder aufregend der Blick auf die Skyline Bangkoks. Und das Haus rechtfertigte in regelmäßigen Abständen seinen Ruf eines Fitnesscenters: Wenn der Strom ausfiel, dann auch der Fahrstuhl.

Mein Vermieter Claudio Conversi, einst Herrscher über ein kleines Gastro-Imperium in Mailand und Impresario von Rockkonzerten mit Eric Clapton und Bruce Springsteen, besitzt seit 20 Jahren eines der populärsten italienischen Restaurants in Bangkok: „Bella Napoli“. Womit das erste Stammlokal schon definiert war.

Der JC Tower ist perfekt gelegen: 10 Minuten Fußweg brauchte ich bis zur Thonglor Road, die sich inzwischen zur Ausgehmeile der Bangkokians gemausert hat. Ganze sieben Minuten dauerte die Fahrt mit dem Motorradtaxi zur Sukhumvit Road, zur 24 Stunden lang geschäftigen Hauptschlagader Bangkoks. Und von dort ging es weiter mit dem Skytrain zur Soi 11 mit ihren Restaurants, Cocktail-Cars, Bars, mit Live-Musik und Discos. Und zum Old German Beerhouse, wo wir samstags die Bundesliga schauten.

Thailand und Bangkok standen von Beginn an für einen kontinuierlichen Lernprozess. Die Gesellschaftsordnung der Thais ist eine streng hierarchische. Das Alter wird verehrt, der Ältere hat immer Recht. Das sah nach blühenden Landschaften aus; schließlich sind mindestens 75 Prozent der Thailänder jünger als ich. Doch in Zeiten von Globalisierung und digitaler Kommunikation brechen Jahrhunderte alte Traditionen auf. Die Jüngeren und ein stetig wachsender Mittelstand hinterfragen heute traditionelle Konzepte, Gesetze, Mythen.

Mögest Du in interessanten Zeiten leben: So lautet ein chinesischer Fluch. Ich kann nicht klagen. 2008 zog ich in eine politisch und gesellschaftlich unruhige Hauptstadt. Der Militärputsch von 2006 lag noch nicht lange zurück, die Straßenschlachten von 2010 standen kurz bevor, als ich durch die Reihen der Rothemden spazierte. Auch wenn Ausländer weder Ziel der Auseinandersetzung noch gefährdet sind: Bei solchen Ereignissen geht die Leichtigkeit flöten.

Meine Liebe zu Bangkok hielt alle Widersprüche aus, und sie hält unverändert an. Dennoch ziehe ich nun weg. Nach mehr als tausend Ritten mit dem Motorradtaxi und nur vereinzelten Nahtoderfahrungen. Der Fahrer trägt schließlich Helm, für die Sicherheit ist also gesorgt. Nach zahllosen Fahrten mit den preiswerten Taxis, deren Chauffeure nach meinen Erfahrungen besser sind als ihr umstrittener Ruf.

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Bangkok ist mir zu laut geworden, zu voll, zu schrill. Noch mehr Autos, noch mehr Wolkenkratzer, noch mehr Shopping Malls. Die Atmosphäre der Stadt verändert sich. Auch ich bin nicht mehr der gleiche. Schon bei meiner Entscheidung fürs Auswandern spielte der Gedanke an die Natur Thailands mit. Die zählt – vom Verkehrsdschungel abgesehen – zu den wenigen Menüpunkten, die Bangkok nicht anbietet.

Künftig also Chiang Mai, 700 km entfernt, im Norden gelegen. Eine Provinzhauptstadt, beliebt bei Touristen aus aller Welt. Und von Natur umgeben. In Chiang Mai gibt es neunzig Prozent von allem, was auch Bangkok offeriert. Nur nicht so oft. Auch in dieser großen Kleinstadt mache ich mir um die Intensität keine Sorgen: Auch Chiang Mai liegt schließlich in Thailand.

Der Abschied von Bangkok fällt mir schwer. Dort erlebte ich dauerhaft die beste Zeit meines Lebens, und das war vorher schon nicht schlecht. Künftig schlafen die Hauptstadt und ich in getrennten Betten. Aber natürlich werde ich wieder kommen, wenn mir nach Weltstadt ist. Schließlich dauert der Flug nur eine Stunde. Und ich will nicht so lange warten wie Roger Willemsen:

„Ich werde bestimmt auf dem Sterbebett liegen und mich danach sehnen, noch einmal in eine Nacht von Bangkok hineingleiten zu dürfen.“

Nachtrag: Weder er noch wir haben damit gerechnet, dass der große Roger Willemsen so früh auf dem Sterbebett liegen würde.

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 Abschied von Bangkok 1 – Eine Schule der Sinne