Die geduckte Keimzelle des Erfolges

120404_Yangon 1_Autor mit Kaempferin

Im Hauptquartier der Nationalen Liga für Demokratie (NLD)

Größe ist nicht alles. Die Wale sind fast ausgestorben, und der Ameise geht es glänzend. Daran muss ich denken, als ich in Yangon vor einer Parteizentrale stehe. Ich hatte sie mir anders vorgestellt. Schließlich schaut die ganze Welt hierher.

Zwei unauffällige, geduckte Häuser bilden die Keimzelle eines politischen Kampfes, der Menschen und Nationen bewegt. Ich stehe mittendrin im Hauptquartier der Nationalen Liga für Demokratie (NLD) in Myanmar.

Mein Führer Soe Thu Ra hat mich mit seinem klapprigen Taxi hergefahren, einen Tag nach den Parlamentsnachwahlen. 40 von 45 stehenden Sitzen gingen an die NLD. Aung San Suu Kyi wird ins Parlament einziehen.

Ein Erdrutschsieg, ein historischer Erfolg für die ehemals Verfemte, für das birmanische Volk. Beginn einer neuen Ära in einem Land, das seit 1962 von einer Militärdiktatur unterdrückt, ausgebeutet, gelähmt wird und international bis vor kurzem nahezu völlig isoliert war.

Bis vor kurzem. Seit seinem Amtsantritt im Februar 2011 hat der neue Präsident Thein Sein, selbst ehemaliger General, politische und wirtschaftliche Reformen auf die Schiene gesetzt. Radikalität und Tempo verblüffen. Nun fällt es mir und vielen leichter, dieses wunderbare, oft magische Land zu besuchen. Schon jetzt steigen die Besucherzahlen, schon jetzt sprechen die Reiseveranstalter vom Myanmar-Boom. Also nutzte ich die Gelegenheit zum Trip, bevor der große Ansturm einsetzt.

Geplant hatte ich einen schnellen Weiterflug von Yangon nach Nyaung U zu den Tempeln von Bagan. Doch nun, da ich Zeitgeschichte schnuppern kann, bleibe ich einen Tag länger im ehemaligen Rangun. Die Mitarbeiter Suu Kyis winken mich heran. „Schau dich um“, sagen sie, „herzlich willkommen.“

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Arbeit statt Party im Suu Kyi NLD Hauptquartier (Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Für einen Ort, an dem Geschichte geschrieben wird, geht es beschaulich zu. Verhalten nur zeigt sich der Stolz derer, die für Suu Kyi kämpften, gedämpft auch von leisem Zweifel: Ist das alles wirklich und wahr? Wie werden die Generäle reagieren, die de facto noch immer die Macht haben? Werden Sie sich damit begnügen, ihre Kontoauszüge von Singapur-Banken zu lesen, wie manche Medien schreiben? Oder werden Sie, wie schon 1990, den Erfolg der „Lady“ ignorieren und rigoros an der Macht bleiben?

Die Frauen und Männer in der 97B West Shwegondaing Road, Ortsteil Bahan, diskutieren, lächeln, klopfen sich auf die Schultern. Dies ist ein existentieller Moment. Hier geht es nicht um Luxusprobleme, nicht um die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Die Frauen und Männer genießen die freie Rede und einen Augenblick, der Perspektive signalisiert und vielleicht sogar bescheidenen persönlichen Wohlstand. Zukunft scheint endlich wieder ein Versprechen.

An der Straße und im Büro blüht der Devotionalienhandel. Jung, alt, arm, gut situiert, Arbeiter, Lehrer, Studenten, Frauen, Männer, Kinder sichern sich die Fanartikel. Aung San Suu Kyi hat sie alle erreicht. Noch vor anderthalb Jahren schien unvorstellbar, was nun passiert. Dann wurde Suu Kyi von ihrem Hausarrest erlöst. Nun ziert sie Pins, Sticker, T-Shirts, Stirnbänder, CDs mit Liedern, DVDs mit ihren Reden. Mit jedem Fanartikel legt der Käufer ein Bekenntnis ab, das nicht mehr Lebensgefahr bedeutet.

In ganz Yangon reißen sich die Menschen um Raubkopien des Films „The Lady“, in dem Michelle Yeoh Burmas Ikone Suu Kyi mit schockierender Ähnlichkeit und Intensität verkörpert. Regisseur Luc Besson (hier seine Facebook-Seite) bekannte nach dem Dreh: „Diese Frau hat mein Leben verändert.“

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Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Im Café gegenüber vom NDL-Hauptquartier saßen noch vor zwei Wochen Mitarbeiter der birmanischen Staatssicherheit und beobachteten interessiert, wer gegenüber so alles aufkreuzte. Nun ist das Café leer. Das Interesse der Beamten für das Leben der Anderen mag noch nicht erlahmt sein – doch wer will sich Gesichter, Namen, Autokennzeichen merken, wenn alle zwei Sekunden ein neues Gesicht auftaucht, ein neues Autokennzeichen? Wenn ganze Gruppen in roten NLD-Shirts durchs Bild laufen?

Eine Viertelstunde Autofahrt vom Parteiquartier entfernt, in der University Avenue, steht Suu Kyis Privathaus. Fast zwei Dekaden lang durfte die heute 66-Jährige ihr Domizil nicht verlassen. Verdammt zur politischen Untätigkeit. Meditierend, Zeitungen und Bücher lesend, in Selbstgespräche vertieft. Beim Volk stets präsent – aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Auch heute noch bewehrt Stacheldraht die Mauern des Grundstücks. „Es ist nicht möglich, sie jetzt im Haus zu besuchen“, meint mein Taxichauffeur Soe Thu Ra. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen.

120404_Yangon 1_Suu-Kyi-Helden-Vater+TochterEs ist seine Art zu sagen: Am liebsten würden Suu Kyis Anhänger ihr ins Haus folgen. Um sie zu berühren. Um aufzupassen, dass ihr nichts passiert. Denn sie wird noch gebraucht.

Ihr Vater Aung San ist ein Held in Birma. Er kämpfte erfolgreich für die Unabhängigkeit des Landes von britischer Kolonialherrrschaft. Kurz vor Besiegelung der Unabhängigkeit wurde er 1948 von politischen Gegnern ermordet. Aung San Suu Kyi war damals gerade zwei Jahre alt.

Ein politischer Märtyrer in der Familie reicht.

Fotos: B. Linnhoff/Faszination Fernost

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