Klassischer Konflikt: Lieben wir Bali zu Tode?

Wie zerstören wir am effektivsten ein Paradies? Indem wir es beschreiben. Es ist das ewige Dilemma der Reiseführer, Träume so effektiv zu wecken, dass ihre Erfüllung die gepriesenen Orte verändert. Selten zum Vorteil. Ein Vorwurf, mit dem die Backpacker-Bibel Lonely Planet vom ersten Tag an leben musste.

Bali Map

Was hat das mit Bali zu tun? Bei gleichbleibender Entwicklung werden bald mehr als dreimal so viele Gäste auf der Insel einfallen wie vor dem Bombenanschlag von Kuta 2002, der mehr als 200 Menschen das Leben kostete und erst einmal viele Touristen fern hielt.

Bali Gedenktafel Terroranschlag 2002 in Kuta

Gedenktafel in Kuta für den Terroranschlag 2002

Tourismus hat den Terrorismus als Bedrohung abgelöst. „Mehr und mehr Farmer verkaufen ihr Land an Investoren, aus 1000 Jahre alten Reisterrassen werden Hotels, aus Bauernsöhnen Fremdenführer“, schrieb die ZEIT schon 2012: „Brandspuren im Paradies“.

5000 Hektar landwirtschaftlich genutzten Bodens sind seit 2005 vernichtet worden, um Platz zu schaffen für kommerzielle Projekte. All diese Villen, Hotels, Straßen und Läden beeinflussen das soziale Leben und die Natur der Insel. Doch wer will den Inselbewohnern verdenken, mehr Geld leichter verdienen zu wollen als mit der Knochenarbeit auf den Feldern?

Der tägliche Spagat zwischen tief verankerter Tradition und der Moderne, zwischen Spiritualität und Profit kostet die vier Millionen Balinesen Kraft. Hier die Versuchung rapide wachsenden Wohlstands (durchaus nicht für alle), dort limitierte natürliche Ressourcen und das kulturelle sowie spirituelle Erbe.

Götter und Dämonen schauen einem an jeder Ecke in die Augen; permanente Rituale, Gebete, Prozessionen strukturieren den hinduistischen Alltag. Jedes Haus hat einen Tempel, jedes Dorf mehrere, die ganze Insel 20000. Ob Musik oder Tanz – der Hintergrund ist stets ein religiöser. Ich spreche nicht von den Discos.

Jeden Morgen liegt vor jeder Haustür ein kleines, liebevoll gebasteltes Opfer für die Götter. Ein Palmblatt-Quadrat mit ein paar Reiskörnern, dazu eine Orchidee, eine Frucht, ein Ei, ein wenig Wasser; es macht gar nichts, dass im Laufe des Tages Füße, Fahrräder, Mopeds die Opfergaben platt machen. Dass Enten, Ameisen oder Tauben von den Früchten naschen – wer weiß schon, in welcher Gestalt sich die Götter heute zeigen?

Welchen Weg wird Bali gehen?

In absehbarer Zukunft wird Bali sich entscheiden müssen. Welchen Weg werden Politiker, Investoren, Profiteure wählen? Das schnelle, das rücksichtslose Geld oder die Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Bewahren all dessen, was Bali erst zur Trauminsel machte: Natur, Spiritualität, Liebenswürdigkeit seiner Menschen? Das wäre dann Profit unter dem Dach von Nachhaltigkeit und Verantwortung.

Noch konzentriert sich der Großteil der Besucher auf die Strandregionen im Süden, wo sie dem Sonnengott ihre bleiche Haut opfern können. Noch findet jeder Suchende im Rest der Insel reichlich Oasen, die seinen Träumen von Bali entsprechen.

Werde ich wieder nach Bali reisen? Werde ich die Truppen verstärken, die Bali Einnahmen bringen und auf Dauer verändern? Aber sicher! Aus purem Egoismus. Es gibt noch soviel zu entdecken; noch bin ich mit Bali nicht fertig.

Silberkoenigin Suarti BaliVielleicht gelingt den Balinesen ja der Spagat zwischen Erbe und Versuchung. Es ist eine Frage der Balance. Wie bei Desak Nyoman Suarti, Balis „Silberkönigin“. Schon mit 12 Jahren war sie eine vollendete Malerin, Musikerin und Tänzerin. Heute verkauft sie mit großem Erfolg Preziosen, doch auch ihr von Hand gefertigter Silberschmuck ist ohne spirituellen Hintergrund nicht zu denken, wie sie verrät – einige ihrer Schmuckstücke sind den grazilen Handbewegungen balinesischer Tänzerinnen nachempfunden.

Vertrauen wir darauf, dass Bali auch in diffizilen Situationen seinen Charme behält. So wie am Flughafen nahe Denpasar, wenn die Touristen zum Abschied einchecken. Viele mit leiser Angst, weil überladen mit Souvenirs. Sechs Arme möchten sie haben, für die Bilder, Buddha-Statuen, Holzskulpturen. Für die Erinnerungen an einen besonderen Ort und eine besondere Zeit.

Doch nur ein Stück Handgepäck ist erlaubt.

Aber da, nur wenige Meter vom Schalter entfernt, wartet die Lösung im Regal. Klein der Preis, riesig die Taschen in knalligen Farben mit dem Schriftzug Bali. Und darin finden, in den letzten Sekunden auf balinesischem Boden, Bilder, Statuen, Skulpturen Platz. In einem einzigen Stück Handgepäck. Auch das ist: Werbung für Bali. Die Insel der Götter und Dämonen, die Insel der Harmonie, der Balance und des Augenzwinkerns.

Fotos: B. Linnhoff, Uwe Wojatzek, The Australian, Suarti-Homepage

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