This is Thailand: Ein Kampf mit Witz und Mut

Helm auf zum Gefecht (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Willkommen in Bangkok. Woanders gibt es zum Nachtisch ein Leckerli, in Bangkok ein Verhüterli. Ohne Gebrauchsanweisung. In einem renommierten Restaurant, besucht auch von Familien.

Waffen führen ihrem Wesen nach zum Krieg. Und Kondome?

Wir haben gut gegessen, die Rechnung ist bezahlt, und da liegt er nun auf dem Teller, der Präser, und schaut mich an. Bettelt um  Aufmerksamkeit. Seit ich verheiratet bin, setzt er mich zumindest nicht mehr unter Druck.

Doch Geschenke soll man ehren, heißt es, und in einer Großstadt sind der Gelegenheiten viele, dieses Geschenk seinem Wesen nach einzusetzen. Am besten vor dem Zerfallsdatum.

Cabbages and Condoms (Kohlköpfe und Kondome) heißt das Restaurant in der Sukhumvit Road, Soi 12, nahe der BTS-Station Asok. Wenn Freunde aus Deutschland zu Gast sind in Bangkok, wie gerade heute Rolf und Susana, gehe ich gerne mit ihnen hierher. Denn das Lokal lehrt – unfreiwillig – eine wichtige Lektion: In Thailand ist nichts wie es scheint. Auf den ersten Blick bestätigt das Dekor im „Cabbages and Condoms“ Bangkoks feucht-warmes Image. Kondomskulpturen hier, Kondom-Lampenschirme dort, der Nikolaus heißt Santa Condom.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

So öffentlich, so offenherzig geht Thailand selten um mit sexuellen Themen. Es ist ein nach außen traditionell prüdes Land, das mag manchen überraschen. Die Thais haben kein Problem damit, mit weitläufig Bekannten über alle Aggregatzustände der Verdauung zu sprechen. Über Sex reden sie auch gerne, aber nur im vertrauten Kreis.

Aufklärung im Elternhaus, über Verhütung zum Beispiel, wird etwa so häufig praktiziert wie im Deutschland der Fünfziger Jahre. Doch in Thailand gibt es keine Bravo. Keinen Dr. Sommer, der den Eltern diese Qual abnimmt. Aktuell ist es das Land mit den zweithäufigsten Teeny-Schwangerschaften in Asien.

Den Film „Fifty Shades of Grey“ durften in Frankreich schon 12-Jährige sehen, in Thailand war er freigegeben ab 20. Allerdings kamen auch 19-Jährige rein, falls verheiratet und mit der Urkunde als Beleg. Viele blieben daheim, weil sie keinen Babysitter fanden.

Wie Meechai zum König der Kondome wurde

Typenlehre (Foto: Faszination fernost/B. Linnhoff)

In Bangkok als Sohn einer schottischen Mutter und eines thailändischen Vaters geboren (beide Ärzte), stürzte sich ein junger Mann namens Meechai Viravaidya um 1970 auf die Themen Kondome und Familienplanung in ländlichen Gebieten. Zu dieser Zeit wurden einer thailändischen Familie im Schnitt sieben Kinder geboren; heute sind es anderthalb, statistisch gesprochen.

Khun Meechai im Einsatz (Foto: Chiang Rai Times)

Später Aktivist und Politiker, war Meechai auch wesentlich beteiligt an Thailands effektivem Kampf gegen HIV-Infektionen/AIDS. Längst gilt er in seiner Heimat als „King of Condoms“; im thailändischen Sprachgebrauch werden Präservative auch „Meechais“ genannt. 1973 gründete der Mann eine Non-Profit-Organisation, die auf dem Land Aufsehen erregende Wettbewerbe für Kinder veranstaltete (Aufblasen von Kondomen zum Beispiel) und zudem eine Restaurantkette gründete. Ihr Name: Cabbages and Condoms.

Die Kette ist nicht nur in Bangkok präsent. Ihre Botschaft ist simpel: Die Prophylaktischen, die Verhüter gehören zum Alltag, es gibt keinen Grund, sich ihrer zu schämen.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

So haben wir heute im Restaurant für einen guten Zweck gefuttert. Das Menü, auf der Homepage einsehbar, ist nicht so originell gestaltet wie das Ambiente. Die Gerichte aber sind bestens geeignet für jeden, die sich behutsam an Thailands Küche herantasten will. Viele Speisen sind nicht oder nur wenig scharf (sofern man es nicht anders wünscht); Experimentierfreudige können sich zu vernünftigen Preisen einmal quer durch Thailands vielfältige Küche fräsen.

Spaß? Aber sicher doch! (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

„Unsere“ Kondome haben wir auf dem Rechnungsteller liegen lassen. Falsche Zielgruppe. Aber gerne erzählen wir die Geschichte hinter der Geschichte.

Video: B. Linnhoff

Fotos: B. Linnhoff, Chiang Rai Times (1)