„Sterben kann gar nicht so schwer sein, bisher hat es noch jeder geschafft.“ Norman Mailer

Death Café Bangkok: Manche Gäste wollen gar nicht mehr weg (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Nun weiß auch ich, wie das ist, wenn einer den Deckel zumacht. In meinem Fall erledigte das Khun Piya, ein junger Mann von heiligem Ernst. Jeder Zoll der geborene Bestatter. Piya kümmert sich um die Gäste im Kid Mai Death Awareness Café zu Bangkok. Diesen Laden im Ari-Viertel der Hauptstadt hielt ich zunächst für einen originellen, wenn auch makabren Spaß. Doch diese Einschätzung wird dem Café des Todes nicht gerecht.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Piyas Mission ist es, das Bewusstsein der Besucher für den Tod zu schärfen, damit sie das Leben intensiver würdigen können. Wer ein Gefühl für den Tod bekommen will – oder fürs Sterben? -, kann sich drei bis fünf Minuten in einen thailändischen Sarg legen. Fürs Probeliegen gibt`s den Kaffee danach mit Rabatt. Wir einigen uns auf drei Minuten, angesichts meiner Platzangst eine stolze Strecke. Sollte ich jedoch von innen gegen den Deckel treten, würde ihn der Bestatter sofort öffnen.

Vor dem Einstieg schaue ich noch einmal an mir herunter und stelle fest: Es stimmt. Mein letztes  Hemd hat keine Taschen. Piya gibt mir noch zwei Gebote mit auf die Reise:

Reinige den Geist, damit er das Leben nicht auf die leichte Schulter nimmt (für mich kein Problem, mein Geist liegt noch vom Vorabend in Spiritus)

Schließe im Sarg die Augen und konzentriere dich auf deinen Atem. Stell dir vor, es wäre dein letzter Atemzug – was würdest du gerne vorher noch erledigen? (Den Hochschulabschluss nachholen, sage ich. Piya verzieht keine Miene).

 

Und dann ist der Deckel zu, es wird Nacht. Heiße, stickige Nacht. Ich konzentriere mich auf meinen Atem; da ist noch Luft nach oben. Wie lange wohl würde der Sauerstoff reichen würde in meinem großzügig gezimmerten Anzug aus Teakholz? Plötzlich erinnere ich mich daran, dass ich als Kind diverse Geschichten über Scheintote gelesen habe. Über Särge, deren Deckel Kratzspuren aufwiesen. Von innen. Das blieb bis heute meine Vorstellung von Horror. Vielleicht rührt meine Platzangst daher.

Ein Aufenthalt im Sarg setzt so einiges in Bewegung. Es ist gar nicht einfach, sich den letzten Moment vor dem eigenen Tod vorzustellen oder den Zustand an sich. Was würde ich als letztes tun wollen, wenn ich die Chance überhaupt hätte? Wem noch etwas sagen und was?

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Die drei Minuten sind um, ich atme wieder frei. Atmen wird unterschätzt.

Nun wäre ein Kaffee nicht schlecht. Im Café des Todes werden keine Gefangenen gemacht, das Menü ist eindeutig. Geren würde ich Piya fragen, warum der Kaffee am teuersten ist, wenn man noch einen Monat Zeit hat bis zum Abnippeln. Und warum kalter Kaffee generell teurer ist – das widerspricht doch jeder Lebenserfahrung. Aber der Bestatter ist gerade nicht zur Hand.

„Drei Viertel der Erdbevölkerung glauben an Wiedergeburt und Seelenwanderung. Jeder Mensch stellt sich doch in irgendeiner Form die Frage nach einem tieferen Sinn. Wir alle spüren insgeheim, dass es da draußen Dinge gibt, die wir nicht auf Anhieb verstehen“, sagt die Schauspielerin Shirley MacLaine, „in unserer materialistischen Gesellschaft sind allerdings viele Leute so mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt, dass sie weder die Zeit noch den Mut zur Reflexion finden.“

Reinkarnation ist eine zentrale Säule des budhhistischen Glaubens. Daher haben die meisten Asiaten ein anderes Verhältnis zum Tod als wir Westler. In Thailand zeigt sich das im Straßenverkehr. Hätten sie nur ein Leben, die Thais würden anders fahren. Und doch ist der Tod in bestimmter Hinsicht auch für sie ein Tabu.

Weil sie fürchten, dass eintritt, worüber man spricht. Oder schreibt. Deshalb mag meine Frau Toey diesen Beitrag nicht; das Bild von mir im Sarg findet sie alles andere als lustig. Nach zehn Jahren im Land fällt es mir nicht mehr so leicht, ihre Angst als Unsinn abzutun. Ich habe zu viele unerklärliche Momente erlebt in dieser Zeit.

„Comment from the coffin“ – „Kommentar aus dem Sarg“ heißt es auf einer Bilderwand im Death Café. Dort haben Menschen ihre Gedanken verewigt, nachdem sie die Waagerechte zugunsten der Horizontalen verlassen haben. Für viele war die Erfahrung offensichtlich deutlich mehr als ein Instagram-taugliches Erlebnis.

Bangkok ist eine Stadt, die das Leben feiert. Und genau deshalb passt das Café gut dorthin. Weil es das Leben würdigt und bei vielen Menschen einen Nerv trifft, wie der Kommentar von Namwan Taung auf der Facebook-Seite zeigt:

Thank you! You made my life worth living.
Changed my attitude immediately!
Now is the best moment.
You did a great great great job!

So einfach kann es sein, den Tod ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Wo er offenbar vorher keinen Platz hatte.

Zum Abschied sehe ich Khun Piya noch einmal und frage ihn, warum er beim Öffnen meines Sarges doch einmal das strenge Gesicht zu einem Lächeln verzerrt habe. Ganz kurz nur, aber immerhin. „Das sah nur so aus“, antwortet er, „ich habe mir unter dem Deckel den kleinen Finger eingeklemmt.“

Fotos: B. Linnhoff

Das Death Awareness Café liegt etwa 150 m Fußweg entfernt von der Skytrain/BTS-Station Ari. Der Besuch des Cafés kostet keinen Eintritt; es besteht auch kein Verzehrzwang.

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