Chao Praya – die Lebenslinie Thailands

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Schaue ich von der Terrasse des „Oriental“ zum Chao Praya, scheint er gemütlich Richtung Süden zu mäandern, zum Golf von Thailand.

Terrasse mit Blick auf den Fluss: Mandarin Oriental Hotel (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Knattere ich jedoch wenige Zentimeter über dem Wasser in einem Longtail-Boot, gewinnt der „Fluss der Könige“, wie er auch genannt wird, an Leben, an Kraft. Da bin ich mittendrin im Gewusel, auf Augenhöhe mit gut gefüllten Ausflugsbooten, Hotel-Dschunken, winzigen Schleppern vor riesigen Lastkähnen und preiswerten Expressbooten, den Wassertaxis von Bangkok.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Auch Thailands große Hauptstadt fing klein an: Als Siedlung in sumpfigem Gelände, direkt am Chao Praya. Der Fluss selbst wird täglich neu im Wasser gezeugt. 240 km nördlich von Bangkok, in der Provinz Nakhon Swan, bei der Vereinigung von River Ping und River Nan. „Keinen anderen Strom verehren wir so wie den Chao Praya“, sagt Kwanrudee „Kwan“ Maneewongwatthana, „er verkörpert Kultur und historisches Erbe, war immer die Lebenslinie Thailands.“

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Des Landes Lebenslinie wird sich bald verändern. An den Rändern. Zum Guten? Zum Schlechten? Kwan blickt zuversichtlich nach vorn, das muss sie auch. Als Marketing-Chefin einer Immobilienfirma werkelt sie mit am neuen Design. Im Marketing-Sprech klingt das so: „Wir wollen nicht nur das Leben an den Ufern neu definieren, sondern auch einen positiven, zeitlosen Beitrag leisten zur Wiederbelebung des Chao Praya.“

Allerdings haben weder Bangkoks Bewohner noch Touristen das Gefühl, der Fluss müsse wiederbelebt werden.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Zum Vergrößern auf die Karte klicken

Derzeit bieten die Ufer des Chao Praya noch das gewohnt vielfältige Bild. Zwischen drei- oder vierstöckigen Wohnhäusern, Wolkenkratzern, Restaurants, Lagerhäusern und den zusammengezimmerten Behausungen der Armen blinken Bangkoks berühmteste Tempel: der Große Palast mit Wat Phra Kaeo (Tempel des Smaragd-Buddhas), Wat Pho (Tempel des Liegenden Buddhas), Wat Arun (Tempel der Morgenröte). In der Nachbarschaft finden sich einige Hotel-Ikonen (Mandarin Oriental, Royal Orchid Sheraton, Hilton Millennium, Shangri-La, Anantara Riverside und seit Kurzem das Raweekanlaya Boutique-Hotel).

Als Farbtupfer dazwischen der berühmte Ghost Tower als Menetekel menschlicher Gier sowie zwei Relikte des alten Bangkok: Die 1786 von Portugiesen gebaute römisch-katholische Kirche des Heiligen Rosenkranzes sowie das erste Hauptquartier der East Asiatic Company, gegründet 1901 von holländischen Kaufleuten.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

„There’s nothing you can do that can’t be done.“ (John Lennon)

Fotos: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Gastro-Kreuzfahrten bei Nacht

Eine kühle Brise weht, die Konturen der Tempel, Kirchen, Hütten, Hochhäuser fransen aus. Bangkok bei Nacht ist eine andere Stadt. Die Lichter der Metropole funkeln; in ihrem Schatten warten Geheimnisse, die entdeckt werden wollen. Natürlich nicht auf leerem Magen.

Grand Palace, Bangkok (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Während der abendlichen Dinner Cruises auf dem Chao Praya haben selbst in Ehren ergraute Zyniker schon ihre romantische Ader entdeckt. Beim verführerischen Mix aus leckerem Essen, Party und Sightseeing. Aus Trinken und Erzählen, Lachen und Staunen. Renovierte Reisbarken, ausgestattet mit luxuriösen Teakmöbeln, schlagen die Brücke zwischen der ach so guten alten Zeit und dem Heute. Die moderneren Schiffe gleiten als Lichterketten durch die Nacht.

Dinner Cruise vor dem Wat Arun (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Selbst die Cocktails ehren das Gewässer, auf dem sie serviert werden: „Heart of the River“ (Rum und Tequila mit süßem Limonensaft) zum Beispiel oder „Sweet Chao Praya“ (Curacao mit Ananassaft und Grapefruit).

Foto: Uwe Wojatzek

Die Fahrten dauern etwa zwei Stunden. Am Ende dieses Beitrags habe ich einige der Anbieter  aufgelistet.

Ein Blick in die Zukunft

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

An den Ufern sehen wir die Zukunft Bangkoks bei der Arbeit. Immobilien greifen nach den Sternen. Kleine, alteingesessene Gemeinden werden ausgesiedelt. Riesige Einkaufszentren wuchern, historische Bauten verschwinden.

Seit etwa 2014 geistert ein kontroverses Projekt durch die Stadt und durch die Medien. Eine Flusspromenade über viele Kilometer, für Fußgänger und Radfahrer. Dazu neue Brücken, ein himmelhoher Aussichtsturm. Erektionsarchitektur. Die Befürworter der Projekte erhoffen sich einen Turbo für die lokale Wirtschaft und einen besseren Zugang der Öffentlichkeit zur ausgedehnten Wasserfront. Auf Kosten von Gemeinden, die dort schon seit Jahrzehnten residieren. Manche auf illegalem Grund. Die Stadtverwaltung hat angekündigt, 14 kleine Gemeinden im Zuge des Projektes zu rasieren und die Bewohner umzusiedeln. Gruppen wie die „Freunde des Flusses“ stemmen sich gegen die Pläne, erzwingen zumindest Machbarkeitsstudien.

Foto: Khaosod

Sollten die ursprünglichen Pläne realisiert werden, sieht es am Chao Praya bald aus wie an der Rheinufer-Promenade in Düsseldorf. Rheinländer fühlen sich hier dann wie zu Hause, aber eigentlich wollen sie sich ja fühlen wie in Bangkok.

Regierung und Stadtverwaltung legen es offensichtlich darauf an, der Stadt der Engel ihren Charakter auszutreiben. „Welche Stadt wollen wir gerne sehen?“, fragt die Bangkok Post, „eine, die sauber ist, aber trocken und langweilig?“

Die Optimisten hoffen, dass das Bewahrenswerte überleben wird. Reale Gegenwart aber ist der Bau des riesigen „Icon Siam“, genannt die „Mutter aller Einkaufszentren“, am rechten Ufer des Chao Praya im Bezirk Thonburi. Geplante Fertigstellung: noch in 2018. Das benachbarte Hotel Millennium Hilton bewarb bisher mit Recht die tolle Rundumsicht von seiner Dachterrassenbar „360 Grad“. Nach Norden schaut die Kundschaft nun auf Beton.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Dinner Cruise auf dem Chao Praya: Die Anbieter

Test: Die neun besten Bangkok-Kreuzfahrten auf WhatsonSukhumvit

Titelfoto: Hotel Mandarin Oriental

Videos: B. Linnhoff, Oriental Escape

Musik: DJPeter Original – Into the Blue

Fotos: B. Linnhoff, Klaus Hoeltzenbein (1), Khaosod (1)