Roter Reis aus Bhutan, gletschergewässert, ist ein Premium-Produkt unter den weltweit angebauten Reissorten. Die Hänge sind steil nahe dem Himalaya, die Felder klein. Doch auf den Märkten sehen wir Pfirsiche, Tomaten, grüne Bohnen, Kartoffeln, Chilis, Erbsen, Knoblauch, Gurken und und. 60 Prozent der Bhutaner sind Bauern, sie verwenden kaum Pestizide oder chemischen Dünger. Als Buddhisten fühlen sie sich verpflichtet, nett zur Erde zu sein und zur Umwelt. So sind sie Bio-Bauern, ohne sich so zu nennen.

Auch ihr Leben bleibt von der einziehenden Moderne nicht unbeeinflusst. Wie empfinden die Menschen in Bhutan den langsamen, doch offensichtlichen Umbruch? Wir bitten unseren Führer Sangay, in einem Dorf Kontakt zu knüpfen, und so lernen wir Langha Lem kennen, eine 84-jährige Frau, die uns in ihrem Lehmhaus empfängt.

Den ersten Stock erreichen wir über eine einfache Leiter, an der Schwelle ziehen wir die Schuhe aus, queren barfuß die Küche und finden Langha Lem am Boden sitzend, gelassen, weder scheu noch verärgert über den ungewöhnlichen Besuch. Aufmerksam hört sie unseren Fragen zu, antwortet konzentriert, die Stimme ein wenig schwach, und wenn Sangay übersetzt, reibt sie sich das rechte Handgelenk.

Zwischen zwei Bullen geraten

Frau Lem geht es nicht gut. Kaum schafft sie noch den Weg zur Toilette. Bis vor einem Jahr kletterte sie die Leiter mehrmals am Tag rauf und runter, dann geriet sie inmitten ihres Viehs in einen Streit zweier Bullen. Die Hörner Trafen ihren Rücken und den Arm. Seither sitzt sie in wallenden Tüchern und Kissen am Boden, untätig und manchmal mit dem Schicksal hadernd.

Nie ist Langha Lem aus ihrer Provinz herausgekommen, nie würde sie ihre Verletzungen im Krankenhaus behandeln lassen. Denn auch dort war sie in ihrem Leben noch nicht, es wäre für sie das Wartezimmer des Todes. Wir können den Blick nicht lösen von Langhas Gesicht, in dessen Landschaft ein ganzes Leben Platz findet mit den Spuren von Güte, Humor und harter Arbeit. Und wir fragen uns, ob Botox und Skalpell tatsächlich schöner machen als eingravierte Erfahrung. Als läse sie unsere Gedanken, sagt Langha wehmütig lächelnd: Entschuldigt, dass ich nicht mehr so gut aussehe wie früher.

Langha Lem lebt mit Tochter (63), Enkelin (32) und Urenkelin (7) unter einem Dach. Keine Spur von einem Mann im Haus. Liegt es daran, dass eine Scheidung in Bhutan so einfach ist wie die Heirat?

Das Geheimnis einer glücklichen Ehe wird in Bhutan so definiert: Der Mann ist taub, die Frau blind.

Bhutan (1) – Glück ist wichtiger als Kohle
Bhutan (2) – Fertig vom Landen
Bhutan (3) – Dämonen bekämpfen mit dem Penis
Bhutan (4) – Von Timphu nach Punakha
Bhutan (6) -Menschen und Märkte
Bhutan (7) – Die Dzongs
Bhutan (8) – Mythen und Magie
Bhutan (9) – Taktsang: Mit dem Pferd zum Tigernest
Bhutan (10) – Das letzte Shangri-La?