Timphu: Die einzige Hauptstadt ohne Ampeln

Erker, Fenster, Dächer in Bhutan müssen traditionelle Elemente enthalten – Wandmalereien mit mythischen Figuren, verspiegelte Fenster. Oder auch, in erstaunlicher Häufigkeit, einen Phallus, erigiert, meist ejakulierend. Dieser Kult geht zurück auf den „verrückten“ oder auch „bösen Heiligen“ Lama Drukpa Kunley, der mit seinem Penis Dämonen bekämpfte und auch sonst ein originelles Leben führte. Nahe Punakha ist ihm ein eigener Tempel gewidmet, der „Tempel der Fruchtbarkeit“, was sonst.

Bhutan ist im Umbruch. Tante Emma lebt, aber ein paar Meter weiter findet sich die Swiss Bakery, in der nächsten der drei Hauptstraßen sehen wir ein Thai-Restaurant. Und das Ambient Café, dank hervorragendem Kaffee und Kuchen Treffpunkt der wenigen hier lebenden Expats. Auch Einheimische kommen hierher, hübsche Frauen oft und auf entspannte Art selbstbewusste Männer. Bevorzugtes Accessoire der jungen Intelligenzija: das MacBook Pro.

Ländliches Leben und städtisches Ambiente harmonieren in den Städten Bhutans noch in entspannter Nachbarschaft. Da halten die Autos auch mal an, wenn Pferde über die Straße laufen. Thimphu ist die einzige Hauptstadt der Welt ohne Ampeln. An der Kreuzung, an der ein Polizist den spärlichen Verkehr mit den mal abgehackten, mal wunderbar fließenden Bewegungen des frühen Michael Jackson regelt, sollte einst eine Ampel in den Boden gedübelt werden. Daraus wurde nichts. Denn dann, so die Einheimischen, hätte der Polizist ja keinen Job mehr gehabt. Die Logik der Empathie.

Das Nationalstadion Changlimithang sah 2002, am Tag des WM-Finales zwischen Deutschland und Brasilien, ein ebenso denkwürdiges Fußballspiel. In Timphu trafen die beiden Letzten der FIFA-Weltrangliste aufeinander, Bhutan (Rang 202) und die Kicker der Karibikinsel Montserrat. 25 000 Zuschauer sollen das Spiel an Ort und Stelle verfolgt haben, obwohl das Fassungsvermögen offiziell nur 10 000 betrug. Der Film „The Other Final“, auch als DVD erhältlich, zeigt in 87 Minuten weit mehr als nur Szenen des „Endspiels“ der beiden schlechtesten Mannschaften der Welt. Gut zehn Jahre später hat sich nicht allzuviel geändert: Bhutan und Montserrat tragen die Rote Laterne der Weltrangliste, zusammen mit San Marino und den Turks-und-Caicos Inseln.

Bhutans Nationaltracht – der Gho für die Männer, die Kira für die Damen – ist in den einfachen Varianten absolut alltagstauglich. Steht jedoch eine der vielen Festivitäten ins Haus, mit denen die Bhutaner die stolze, tief religiöse und extrem farbenfrohe Tradition des Bergstaates zelebrieren, kann die Kira – langer Rock plus Brokatjäcken – für eine Dame der High Society schon mal 3000 Euro kosten und zwei Jahre Arbeit.

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Bhutan (2) – Fertig vom Landen
Bhutan (4) – Von Timphu nach Punakha
Bhutan (5) – Besuch der alten Dame
Bhutan (6) -Menschen und Märkte
Bhutan (7) – Die Dzongs
Bhutan (8) – Mythen und Magie
Bhutan (9) – Taktsang: Mit dem Pferd zum Tigernest
Bhutan (10) – Das letzte Shangri-La?