Das Streben nach Glück und die Realität

Glück ist wichtiger als Wohlstand: Ein hehres Ziel. Doch Bhutan versucht nicht die jüngste Version des Neuen Menschen. Auch am Fuße des Himalaya gibt es den Mann, der nächtens seinen Müll in des Nachbars Garten kippt.  Auch auf diesem Fleckchen Erde gibt es eine Anti-Korruptionsbehörde, also auch Korruption. Der Jugend des Zwergenlandes fehlen Arbeit und Perspektive. Die Alternative ist uns im Westen nicht fremd: Marihuana und pharmazeutische Drogen.

Akut Verletzte oder Kranke landen nach langer, beschwerlicher Anreise im Hauptkrankenhaus in Thimphu und auf einer langen Warteliste. Denn die Zahl der Ärzte hielt nicht Schritt mit modernen Entwicklungen: Steigende Lebenserwartung, steigende Einwohnerzahl; immer mehr Menschen drängen vom Land in die Städte; immer mehr Autos fahren umher und verursachen immer mehr Unfälle. Es wird gebaut wie jeck. Und wenn für ein Dammprojekt Menschen umgesiedelt werden, sehen die Satellitenstädte aus wie überall: scheußlich.

1999 (!) führte das Königreich das Fernsehen ein, als letztes Land weltweit. Internet folgte wenig später, Mobilfunk gibt es seit 2004. Das Fenster zur Welt ist seither weit offen. Was nun terrestrisch, per Satellit, Kabel oder online in Bhutans einfache Wohnstuben flimmert, kollidiert oft mit traditionellen Konventionen und ist nicht zu kontrollieren. Koreanische und amerikanische TV-Serien sowie die einheimische Variante von „Deutschland sucht den Superstar“ transportieren neue Reize und Werte, genauso wie Indiens Bollywoodkino.

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Rooney: Waynes World gibt’s auch hier (Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Natürlich werden Traditionen gepflegt wie der Nationalsport Bogenschießen. Doch der Altersdurchschnitt der hervorragenden Schützen steigt; die Jugend will Englands Premier League kicken sehen.

Also ist das Ziel des Bruttonationalglücks doch nur ein Marketing-Gag, der die Touristen ins letzte Shangri-La zieht?

Die vier Säulen des Glücks sind, laut Verfassung von 2008: Gerechte und nachhaltige sozio-ökonomische Entwicklung; Erhalt der Umwelt – mindestens 60 Prozent des Landes müssen von Wald bedeckt sein; Erhalt und Förderung der nationalen Kultur und Traditionen, denn beide sind wichtige Säulen auch für die Identität von Individuen. Die letzte Säule: Gute Regierungsführung. Dafür steht die konstitutionelle Monarchie mit demokratischer Grundordnung. Diese Demokratie hat Substanz, ist nicht nur Etikett.

Bhutan ist im Umbruch und und verheimlicht das nicht. Chencho Tshering, Manager des größten Medienkonzerns Kuensel, sagt ganz nüchtern: „Alle Probleme, die sonst auf der Welt existieren, haben wir auch, aber in sehr viel kleinerem Maßstab.“ Dennoch gibt es Fakten, die den um Balance bemühten politischen Weg positiv belegen: 65 Prozent des Landes sind bewaldet. Bergsteigen ist verboten, der höchste unbestiegene Siebentausender Welt steht in Bhutan: Gangkhar Puensum (7570 m).

Jagen ist verboten, das Ergebnis eine hohe Vielfalt der Fauna. Königstiger, Leoparden, Elefanten, Bären, Nashörner, Nebelparder bleiben unbehelligt, um nur die größten Tiere zu nennen. Es gibt 620 Vogelarten, 46 Sorten von Rhododendron, 2674 Gletscherseen.

Was bedeutet nun Glück in Bhutan, und vor allem: was nicht? „Es geht nicht um Vergnügen, Aufregung, Nervenkitzel“, sagt Karma Tshiteem von der Kommission für ‚Gross National Happiness‘, „es geht um eine tiefe Form von Zufriedenheit. Wir wissen, dass sie in Dir angelegt ist. Es gibt keine externe Quelle: das schnellere Auto, das größere Haus, schönere Kleidung. Das ist alles vergänglich. Der Staat muss die Bedingungen dafür schaffen, dass seine Bürger nach Glück streben können.“

Die Ehrenrunde des Thronfolgers

Den Herrschenden in Bhutan ist es ernst, auch im Kleinen. Als junger Schüler stand der heutige König dank miserabler Noten mal vor der Nicht-Versetzung. Oha, dachte sich der zuständige Lehrer, der wird mal König, da drücke ich besser beide Augen zu. Daraufhin wurde der Lehrer entlassen, und der Thronfolger drehte die Ehrenrunde. Zum unverhohlenen Vergnügen seiner künftigen Untertanen. Denn was wäre das Brutto-Nationalglück ohne Humor?

Fotos: Bernd Linnhoff

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Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost