Lungenpfeifen am Fuß des Himalaya

Guru Rimpoche also, in Bhutan verehrt wie der Buddha selbst, flog auf einem Tiger in ca. 3100 m Höhe, um in einer Höhle im Westen Bhutans drei Jahre, drei Monate, drei Wochen, drei Tage und drei Stunden zu meditieren. Wenn das kein Grund ist, ein Kloster zu bauen um die Höhle herum! Taktsang heißt es – das Tigernest.

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Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost

Eine Legende, schön und gut: Doch wie zum Teufel haben die Bhutaner im 17. Jahrhundert das Kloster in dieser Höhe an den Felsen gedübelt? Als es 1998 zum zweiten Mal komplett ausbrannte, dauerte die Wiederherstellung sieben Jahre – zu Beginn des 21. Jahrhunderts!

Es ist die heiligste Stätte der lokalen Buddhisten, und als Fotomotiv symbolisiert sie Bhutan in aller Welt. Auch für uns war das Plakat am Reisebüro „East meets West“ in Bangkok die Initialzündung. Genau da wollten wir hin. Und nun standen wir auf 2 300 m Höhe, das Kloster ein diffuser Gruß aus umwölkter Höhe, ein veritables Weltwunder.

Zwei Untrainierte guten Willens

800 Höhenmeter warteten auf zwei Untrainierte guten Willens. Die erste Hälfte des auf zwei Stunden veranschlagten Aufstiegs absolvierten wir im Sattel: Marscherleichterung. Die Pferde kannten den Weg, schienen aber nicht wesentlich trainierter als die Deutschen im Sattel. Ihr Rahmen war, so der Führer, für Reiter von maximal 75 kg Gewicht ausgelegt. Freund Uwe „Disco“ Wojatzek gab – in einem Anflug von Realitätsverlust – genau dieses Gewicht an. Dennoch zitierte unser Guide, Menschenkenner von Berufs wegen, noch ein drittes Pferd herbei. Ein Ersatzpferd. Für alle Fälle.

Obwohl jetzt halbhoch zu Ross, ließ der Anstieg nur Schrittgeschwindigkeit zu. Ab und an mussten sich Auf- und Absteiger den anderthalb Meter breiten Weg teilen. Alle zehn Meter blieben die Zossen stehen und pumpten. Später, auf der zweiten Hälfte des Aufstiegs zu Fuß unterwegs, sollte ich für die Tiere ein gewisses Verständnis entwickeln.

Der Rest des Gipfelsturms zog sich hin und ist doch schnell erzählt: Unser Guide Sangay tänzelte hinauf, Disco ließ keine sichtbaren Schwächen erkennen, und ich pumpte wie die Gäule zuvor, in identischen Abständen. Die Luft wurde immer dünner, aber offensichtlich nur da, wo ich ging. Wasser kocht in dieser Höhe schon bei 92 Grad Celsius; ich kochte bereits bei 15 Grad. Auch die Tatsache, dass ich vier Tage zuvor ganz bewusst die letzte Zigarette geraucht hatte, erweiterte mein Lungenvolumen nicht.

Ein paar Minuten lang liefen wir gar oberhalb des Klosters auf das Tigernest zu – ein ganz besonderer Augenblick, denn von da an ging es erst einmal bergab und doch dem hohen Ziel entgegen.

Als wir am Fuße der Treppe zum Kloster standen, wusste ich: Gerade hatte ich meine größte athletische Leistung seit ca. dreißig Jahren hingelegt. Damals spielte ich nach einer, sagen wir, durchwachten Nacht 90 Minuten Fußball. Ein Teamkollege würdigte meine Leistung mit den Worten: Du spielst jeden Tag schlechter, aber heute hast du gespielt wie übermorgen.

Gut eine Stunde wanderten wir durch jene Tempel der Anlage, die Besuchern offen stehen. Skulpturen, Wandmalereien, Ikonen. Fotografieren verboten. Die phantasievollen Spenden der Besucher für Heilige und Mönche legten eine durchaus bodenständige Beziehung der Spender zu den Adressaten nahe. Unter den milden Gaben sahen wir Kartoffelchips, Kaugummi, Obst, Wasser – den Erleuchteten soll es in ihrem Reich an nichts fehlen.

Der Abstieg, so dachten wir, würde ein Fest für Beine und Lungen. Inzwischen aber hatte heftiger Regen eingesetzt, schon aus 100 Metern Entfernung war das in Wolken gehüllte Tigernest nicht mehr zu sehen. Pech für die nun Ankommenden: Sie sahen nichts, und die Kameras blieben notgedrungen im Halfter.

Wir zehrten immer noch von der Euphorie, den Aufstieg geschafft zu haben. Bis uns eine Frau begegnete, gebeugt von Jahrzehnten harter Arbeit und der Last des Alters, auf einen Stock gestützt, dennoch stetig mit kleinen Schritten dem Ziel näher kommend. Sie war unten zu Fuß gestartet, wo wir uns in den Sattel geschwungen hatten. War diese Frau die Inkarnation einer bhutanischen Bergziege? Ihr Durchhaltevermögen relativierte unsere Leistung doch deutlich. Sie rief uns etwas zu, unser Führer übersetzte: „Seid vorsichtig, Jungs, es ist glatt und auch runter steil.“ Den Rest des langen Weges gingen auch wir am Stock. Mental.

Fotos: Bernd Linnhoff

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