Titelbild: Preparing for Shooting, Nguyen Dao, 1969 (Ho Chi Minh City Museum)

Update Juli 2019: Agent Orange – das Gift ist zäh

War Remnants Museum, Ho-Chi-Minh-City (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Irgendwann habe ich aufgegeben. Mir die Fotos nicht mehr angeschaut. Ich litt mit den Opfern eines Krieges, der faktisch 50 Jahre zurückliegt und doch bis in die Gegenwart hineinreicht.

Das „Museum der Kriegsrelikte“ in Ho-Chi-Minh-City hieß früher „Museum für französische und amerikanische Kriegsverbrechen“. Da der Name Besucher aus diesen Ländern abgeschreckt haben soll, wurde er entschärft. Die Lektion der Bilder aber bleibt universell: Nirgends ist der Mensch so fantasievoll wie bei der Kreation von Waffen und Foltermethoden.

Dieser Nagel wurde einem gefangenen Vietcong in die Ferse getrieben (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Den Vietnamkrieg erlebte ich als Jugendlicher und als Student in Münster, aus der Ferne also. Mit den „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“-Rufen der Kommilitonen konnte ich wenig anfangen, die Proteste gegen den Aggressor USA aber entsprachen meinem Empfinden. Wie auch anders, lautete die Parole der US-Regierung doch: „Burn all, destroy all, kill all in Vietnam.“

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Die Erinnerungen an den Vietnamkrieg sind – zumindest in den USA – noch immer sehr lebendig. Deutlich lebendiger auch als die Opfer auf beiden Seiten; 58 000 Amerikaner und knapp drei Millionen Vietnamesen starben. Noch immer gibt es in Vietnam 28 Regionen, deren Böden stark mit Dioxin verseucht sind – die Folge der US-Einsätze mit dem Entlaubungsmittel „Agent Orange“. Auch 50 Jahre nach dem Krieg verursachen die kontaminierten Böden gesundheitliche Probleme für die einheimische Bevölkerung.

War Remnants Museum, Ho-Chi-Minh-City (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Mein Freund John Fengler und ich haben uns schon am Museumseingang getrennt. Als Amerikaner verarbeitet er die Exponate noch einmal anders als ich. Später treffen wir uns draußen, setzen uns auf eine Bank. Die Eindrücke müssen sacken. Dann spazieren wir ohne konkretes Ziel durch Saigons dritten Distrikt. Und stehen nach fünfzig Metern vor Cowboy Jack`s American Dining.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Diesen Anblick müssen wir erst einmal verdauen. Abrupt sind wir wieder im Hier und Jetzt. Pizza und Pasta: Der Todfeind von einst präsentiert sich als wohl gelittener Gastgeber.

Daher bin ich heute der Überzeugung, dass die Amerikaner den Vietnamkrieg in gewisser Weise doch noch gewonnen haben. Frei nach dem Motto: Friede geht durch den Magen.

Bild links: Touristin in Cu Chi nahe Saigon – vietnamesische Partisanen versteckten sich im Krieg in gut getarnten Tunnelsystemen (Foto: Kesorn Chaisan; zur Vergrößerung auf das Bild klicken)

Die Relikte des Krieges ziehen noch immer Touristen an, Amerikaner vornehmlich. Oft Veteranen auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für die meisten Vietnamesen aber ist der Krieg Geschichte, ein Bild im Museum.

Nahezu zwei Drittel der 96 Millionen Vietnamesen wurden nach dem Vietnamkrieg geboren, der Altersdurchschnitt liegt bei 27,8 Jahren (Deutschland: 44,9 Jahre). Für die Nachwachsenden zählen Gegenwart und Zukunft; sie ticken naturgemäß anders als die, die den Krieg noch erlebt haben.

Café in Ho-Chi-Minh-City (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

2. Dezember 2017: Die Amerikaner erobern Hanoi

Was die US-Armee nicht geschafft hat, gelang McDonald’s – die Eroberung von Hanoi. Auch Fast Food kann verbinden, und Menschen können verzeihen. „Mitten im Herzen der roten Kapitale des kommunistischen Vietnam hat die amerikanische Kette ihre erste Filiale eröffnet“, staunte das Magazin „Der Farang“. In Saigon ist McDonald`s bereits seit 2014 vertreten, mit nunmehr knapp 20 Filialen.

Sind Burger etwa stärker als Bomben?