Wie die USA den Vietnamkrieg am Ende gewannen

War Remnants Museum, Ho-Chi-Minh-City (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Irgendwann habe ich aufgegeben. Mir die Fotos nicht mehr angeschaut. Ich litt mit den Opfern eines Krieges, der faktisch 50 Jahre zurückliegt und doch bis in die Gegenwart hineinreicht.

Das „Museum der Kriegsrelikte“ in Ho-Chi-Minh-City hieß früher „Museum für französische und amerikanische Kriegsverbrechen“. Da dieser Name Besucher aus diesen Ländern abgeschreckt haben soll, wurde er entschärft. Die Lektion der Bilder aber bleibt universell: Nirgends ist der Mensch so fantasievoll wie bei der Kreation von Waffen und Foltermethoden.

Dieser Nagel wurde einem gefangenen Vietcong in die Ferse getrieben (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Den Vietnamkrieg erlebte ich als Jugendlicher und als Student in Münster, aus der Ferne also. Mit den „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“-Rufen der Kommilitonen konnte ich wenig anfangen, die Proteste gegen den Aggressor USA aber entsprachen meinem Empfinden. Wie auch anders, lautete die Parole der US-Regierung doch: „Burn all, destroy all, kill all.“

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Die Erinnerungen an den Vietnamkrieg sind – zumindest in den USA – noch immer sehr lebendig. Deutlich lebendiger auch als die Opfer auf beiden Seiten; 58 000 Amerikaner und knapp drei Millionen Vietnamesen starben. Noch immer gibt es in Vietnam 28 Regionen, deren Böden stark mit Dioxin verseucht sind als Folge der US-Einsätze mit dem Entlaubungsmittel „Agent Orange“. Auch 50 Jahre nach dem Krieg verursachen die kontaminierten Böden gesundheitliche Probleme für die einheimische Bevölkerung.

War Remnants Museum, Ho-Chi-Minh-City (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Nach zwei Besuchen in Ho-Chi-Minh-City, wie Saigon heute offiziell heißt, bin ich zu der überraschenden Schlussfolgerung gekommen, dass die Amerikaner den Vietnamkrieg letztlich doch gewonnen haben.

Zunächst aber traf ich zwei prominente Zeitzeugen, die die Niederlage der Amerikaner vor 50 Jahren erlebten.

Zeitreise – ein Tag mit Peter Arnett und Nick Ut

Peter Scheid, links, und Peter Arnett, rechts (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Dass ich Arnett und Ut kennenlerne, verdanke ich Peter Scheid. Wir kennen uns seit gut 20 Jahren, trafen uns einst in Düsseldorf. Als Dokumentarfilmer/Free Lancer für das WDR-Fernsehen ging Peter dahin, wo es weh tat: In die Krisenregionen Afrikas.

Schon damals hatte Peter engen Kontakt zu den journalistischen Ikonen des Vietnamkriegs. Zu Horst Faas, Tim Page, Richard Pyle, zu Nick Ut auch, dem Fotografen des „Napalm-Mädchens“. Und zu Peter Arnett.

Arnett und Nick Ut erhielten schon in jungen Jahren den Pulitzerpreis für ihre Stories bzw. Fotos vom Vietnamkrieg; Arnett wurde später mit seinen exklusiven CNN-Live-Reportagen vom Irakkrieg zum berühmtesten Kriegsreporter der Welt.

Peter Scheid lebt seit 2005 in Ho-Chi-Minh-City, ich wanderte 2008 nach Thailand aus. Trotz der relativ geringen Distanz sahen wir uns erst Ende 2017 wieder.

Mit Nick Ut (Foto: John Fengler)

Wenig später organisiert Scheid für die beiden Medien-Veteranen und ein paar Freunde einen Ausflug zu zwei Stätten des Vietnamkriegs. Ich bin dabei. Es werden zwölf denkwürdige Stunden.

„Peter, we again“, sagt Nick Ut in Richtung Arnett, als wir in den Bus einsteigen. Peter, wir nun wieder. Beide arbeiteten während des Krieges für die amerikanische Agentur Associated Press (AP), beide sind in Vietnam noch immer enorm populär. Arnett wird zu Vorträgen eingeladen; Ut ist, obwohl längst amerikanischer Staatsbürger, ein populärer Sohn seiner vietnamesischen Heimat geblieben.

Vater und Sohn (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Während unseres komplett verregneten Ausflugs vor die Tore Saigons sitze ich im Bus hinter Arnett Sr. und Jr. Andrew Arnett, in Vietnam während des Krieges geboren, produziert gerade eine Dokumentation über seinen prominenten Vater. „Ich will hier eigentlich nur relaxen“, sagt der Senior schmunzelnd, „aber mein Sohn will unbedingt diesen Film drehen.“

So erleben wir Peter Arnett: Bodenständig, nahbar, mit Humor gesegnet, mit scharfem Verstand auch und Selbstironie. Er schwadroniert nicht im nostalgischen Pathos alt gewordener Helden, die gegen das Vergessenwerden kämpfen. Mich verblüfft vor allem das Erinnerungsvermögen des 83-Jährigen. Selbst zerschossene Kühlschränke aus dem Jahr 1964 finden dort Platz.

Memories (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Früher Nachmittag, der Regen legt eine kurze Pause ein. Wir stehen an der damals von US-Verbänden gesprengten Song Be Bridge in der Provinz Phuoc Long. Arnett schaut sich um, nimmt kurze Videos auf.

Anne Solenne, halb Französin, halb Vietnamesin, ist ebenfalls mit uns unterwegs. In Frankreich eine bekannte Schauspielerin, in Saigon jedoch auf der Suche nach den Kochrezepten ihrer Oma. Nun aber interviewt sie Arnett.

„Kannst du dich an diesen Ort erinnern?,“ fragt Anne den einstigen Kriegsreporter. „Natürlich“, sagt der und schildert Kampfhandlungen, als stünde er wieder vor der TV-Kamera. Unaufgeregt, präzise, klar.

„Hier kämpften die Vietcong gegen US-Verbände“, erzählt Arnett, „ich sehe noch die amerikanische Hubschrauberformation über uns. Für Reporter lief das damals so: Wir saßen im AP-Büro in der Stadt, dann rief jemand an und sagte: Da und da sieht es nach Kampfhandlungen aus. Also sprangen wir ins Auto und bewegten uns in die angesagte Richtung. Oder wir fuhren einfach die Straßen entlang, bis wir Action sahen, hörten, vermuteten. Niemand hinderte uns.“

Dank Arnett geraten auch wir Zuhörer in den Vietnamkrieg, ein wenig verspätet allerdings. Wir wissen das zu schätzen.

Vergangenheitsbewältigung ist Ansichtssache

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Arnett und Ut haben das „Museum der Kriegsrelikte“ schon vor langen Jahren besucht. Es zeigt auf drei Stockwerken die Gräueltaten der Amerikaner, auch die unverändert aktuellen Folgen des eingesetzten chemischen Entlaubungsmittels „Agent Orange“. Alles in allem eine einseitige Darstellung, natürlich. Schließlich sind wir in Vietnam.

Mein Freund John Fengler und ich haben uns schon am Museumseingang getrennt. Als Amerikaner verarbeitet er die Exponate noch einmal anders als ich. Später treffen wir uns draußen, setzen uns auf eine Bank. Die Eindrücke müssen sacken. Dann spazieren wir ohne konkretes Ziel durch Saigons dritten Distrikt. Und stehen nach fünfzig Metern vor Cowboy Jack`s American Dining.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Diesen Anblick müssen wir erst einmal verdauen. Abrupt sind wir wieder im Hier und Jetzt. Pizza und Pasta: Der Todfeind von einst präsentiert sich als wohl gelittener Gastgeber.

Bild links: Touristin in Cu Chi nahe Saigon – vietnamesische Partisanen versteckten sich im Krieg in gut getarnten Tunnelsystemen (Foto: Kesorn Chaisan; zur Vergrößerung auf das Bild klicken)

Die Relikte des Krieges ziehen noch immer Touristen an, Amerikaner vornehmlich. Oft Veteranen auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für die meisten Vietnamesen aber ist der Krieg Geschichte, ein Bild im Museum.

„U Minh Guerillas“, gemalt von Thai Ha. Ho Chi Minh City Museum of Fine Arts (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Nahezu zwei Drittel der 96 Millionen Vietnamesen wurden nach dem Vietnamkrieg geboren, der Altersdurchschnitt liegt bei 27,8 Jahren (Deutschland: 44,9 Jahre). Für die Nachwachsenden zählen Gegenwart und Zukunft; sie ticken naturgemäß anders als die, die den Krieg noch erlebt haben.

Café in Ho-Chi-Minh-City (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)Hanoi

2. Dezember 2017: Die Amerikaner erobern Hanoi

Was die US-Armee nicht geschafft hat, gelingt McDonald’s – die Eroberung von Hanoi. Auch Fast Food kann verbinden, und Menschen können verzeihen. „Mitten im Herzen der roten Kapitale des kommunistischen Vietnam hat die amerikanische Kette ihre erste Filiale eröffnet“, staunt das Magazin „Der Farang“ im Dezember 2017. In Saigon ist McDonald`s bereits seit 2014 vertreten, mit aktuell 16 Filialen.

Burger sind halt stärker als Bomben.

Ausflug mit Folgen: Ein Interview für den stern

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Zum Ende unseres Trips sage ich zu Peter Arnett: „Im deutschen Magazin ’stern‘ gibt es die beliebte Rubrik ‚Was macht eigentlich…?‘ Kann ich dich dafür interviewen?“ „For the stern?“, fragt er zurück, „tolles Magazin. Die haben Anfang der Neunziger ein großes Porträt von mir gebracht. Sehr gut bezahlt, nebenbei. Ein Interview? Klar!“

Das Interview (Foto links) erschien in der stern-Ausgabe vom 14. Juni 2018.

Bei unserem Austausch lernte ich Peter als absoluten Profi kennen. Verlässlich, hilfsbereit, uneitel. Er hat auch heute noch viel zu erzählen. Viel mehr, als der Platz auf der stern-Seite hergibt.

Auch deswegen schreibt er Bücher. Sein berühmtestes:

Unter Einsatz des Lebens (Originaltitel: Live from the battlefield)

Sein aktuelles Buch:

We`re taking fire – A reporter`s view of the Vietnam War

Das beste Arnett-Porträt, das ich im Netz fand:

How New Zealand’s Peter Arnett, the world’s greatest war correspondent, found peace at last