Mae Moh: Viel Dorf, viel Natur, viel Kohle

Thailand im Norden (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Ich kam ein paar Minuten zu spät, Jangs Familie saß bereits auf dem Fußboden und aß. Ich setzte mich dazu. Jangs Mutter stellte mir meinen Nebenmann als ihren Lebensgefährten vor. Der bastelte gerade mit flinken Fingern ein Reisklößchen, schob ein Stück Fisch hinein und reichte es mir.

Es sind diese Momente, die in Thailand über Akzeptanz oder Ablehnung eines Farangs, eines weißen Ausländers, entscheiden können. Schon auf einen Meter Entfernung schnupperte ich, wie scharf gewürzt das kleine Stück Fisch war. Akzeptanz hin oder her: Ich vertrage scharfes Essen nicht. Eine diplomatische Lösung musste her. Also bat ich meine Frau Toey, meinen empfindlichen Magen in die Landessprache zu übersetzen.

Mai pen rai, sagte der Mann, kein Problem.

Später am Abend gestand mir Toey: „Ich war so froh, dass du abgelehnt hast. Das Bällchen wäre dir garantiert schlecht bekommen.“ „Warum hast du dann nicht sofort etwas gesagt?“, fragte ich zurück. „Das ging doch nicht. Ich war Gast, und der Mann war wesentlich älter als ich.“

In Thailand wird das Alter respektiert; es ist ein bestimmender Faktor in der sozialen Hierarchie und doch nur einer von vielen. Mögen diese Regeln in den großen Städten auch erodieren – auf dem Land gelten sie noch.

Es ist fast Gesetz: Der Ältere hat immer recht. Das spielt mir doch sehr in die Karten, dachte ich, als ich nach Thailand auswanderte. Ich malte mir blühende Landschaften aus… Heute bin ich verheiratet, da werden die Spielregeln täglich neu verhandelt.

Jangs Haus (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Das Leben mit einer Thai ermöglicht mir Einblicke in den thailändischen Alltag, die mir als Single verwehrt blieben. So wäre ich nie in dieses Dorf nahe Lampang gekommen, etwa 130 km von unserem Wohnort Chiang Mai entfernt. Doch Toeys Freundin Jang lud uns für ein paar Tage in ihr Haus.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Für viele Ausländer definiert das hektische Bangkok Thailands Bild in der Welt. Doch Wirtschaft bedeutete im Königreich lange Landwirtschaft. Manches hat sich geändert natürlich, doch der ruhige Rhythmus des Landlebens ist immer noch wesentlicher Teil der nationalen DNA. Cha cha auf Thai: nur keine Hektik. Das heißt nicht zwangsläufig, dass das Leben einfach ist.

In Thailands Dörfern ist von der Hauptstadt und der dort fabrizierten Politik nichts zu spüren. Als noch frei gewählt wurde,  stimmten die Dörfer auf Anraten ihrer Vorsteher oft geschlossen für eine der möglichen Parteien. „Und jeder erhielt dafür 500 Baht“, erklärte mir ein Freund in Bangkok vor Jahren. „Das könnte man mit etwas Strenge als Stimmenkauf bezeichnen“, bemerkte ich höflich. „Wie du meinst“, sagte mein Freund und fuhr fort: „Wenn einer der Dorfbewohner ein Problem hat, eine verhagelte Ernte etwa, einen Streit mit dem Nachbarn oder einen Kredit, den er nicht bezahlen kann – wer hilft ihm dann? Die Regierung in Bangkok oder der Dorfvorsteher mit seinen Beziehungen?“

Städter und Landeier verbindet immerhin die Obsession fürs Essen. Für unseren zweiten Abend war auf Jangs Terrasse ein Fondue angesagt. Shabu-shabu, ein japanisches Feuertopf-Gericht – in meinen Ohren klang das schon wieder ziemlich scharf.

Jang und Toey (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Am Nachmittag fuhren wir zum Markt. Entfernung, ein Weg: 25 kam. Mangelnde Verfügbarkeit wäre für mich ein natürlicher Nachteil des Dorflebens. Den Thais ist das nicht einmal einen halben Gedanken wert. 50 km für frische Zutaten sind 50 km Vorfreude.

Jeder würzt für sich – da bin ich dabei

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Zu meiner großen Erleichterung würzte jeder die abendliche Brühe nach eigenem Gusto. So gebührte auch mir der Status des vollwertigen Mitessers. Meine Frau bereitete mir die Meeeresfrüchte und andere Bissen zu. Auch das ist Tradition. Wer ihr Verhalten als fehlgeleitete Demut vor dem Herrn interpretiert, kennt Toey nicht. Hätte ich mich als furchtloser Ritter der Gleichberechtigung gegen die Fürsorge meiner Frau gewehrt, hätte sie in der Runde das Gesicht verloren und ich mit. Und in Thailand, in Asien gibt es nichts Wichtigeres als Face: Gesicht wahren.

Die alte Frau im Obergeschoss

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Ich habe meine Gastgeber um Erlaubnis gebeten, und doch bleibt es das indiskrete Foto einer alten Frau. Ihre Geschichte in Kürze: Sie war keine Verwandte, „nur“ eine Nachbarin von Jangs Mutter. Sie hatte keine Angehörigen und wurde im Alter dement. Seitdem lebte sie viele Jahre lang im Haus von Jangs Familie, im Obergeschoss. Umsorgt und versorgt bis zu ihrem Tod vor einigen Wochen. Solidarität scheint auf dem Dorf noch eher möglich als in der Anonymität der Städte, die eher Isolation und Einsamkeit fördert – das ist in Deutschland nicht anders.

Jangs Familie – plus Gast (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Natur abseits der ausgetretenen Pfade

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Der Landkreis Mae Moh im Norden ist ein gutes, wenig bekanntes Beispiel dafür, dass Thailand auch abseits der ausgetretenen Pfade wunderschöne Landschaften zu bieten hat und reichlich Natur.

Der Energieriese: Attraktionen mit Hintergrund

Eine der Attraktionen ist der Botanische Garten mit herrlicher Aussicht. Angelegt hat den Park die Electricity Generating Authority of Thailand, kurz EGAT. Ein staatliches Energieunternehmen, das unverdrossen auf fossile Brennstoffe setzt.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Das Denkmal des unbekannten Schaufelbaggers

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Ein Industriemuseum hätte ich in dieser Umgebung zuletzt erwartet. Die Firma EGAT setzte altes, überholtes Gerät in einen sanften Rahmen: in anheimelende Natur.

Die in der Nachbarschaft wohnenden Menschen registrieren die Attraktionen mehr als skeptisch. DWeil sie unweit eines EGAT-Kraftwerks liegen und unmittelbar neben einer 4000 Hektar umfassenden Fläche, die Südostasien größtes Braunkohle-Bergwerk beherbergt.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

131 Nachbarn klagten 2005 gegen EGAT, weil sie wegen der Schwefeldioxid-Ausstöße unter gesundheitlichen Problemen litten. Der Prozess dauerte zehn Jahre; die Menschen gewannen, der Energie-Riese verlor. Für 15 Kläger dauerte der Prozess zu lange, sie starben vor dem Urteil.

Thailand upcountry: Auch Idylle ist immer relativ, die harsche Realität selten mehr als ein paar Meter entfernt.

Fotos: Bernd Linnhoff