Ist die Hauptstadtauf dem Weg nach Singapur?

Häuser am Fluss Chao Praya (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

„Jetzt reißen sie die alten Häuser am Chao-Praya-Ufer ab!“, postete jüngst eine Facebook-Userin, „gerade die machen Bangkoks Atmosphäre doch aus!“ Ist was dran, dachte ich für einen Moment. Wir hängen an dem, was wir mögen. Doch mal ehrlich: Wer von uns würde gerne in diesen authentischen Bruchbuden wohnen? Müssen die Bangkokians für uns Ausländer Atmosphäre spielen? Oder geht es vielleicht doch um bessere Lebensverhältnisse, um Würde letzlich?

Vier Jahre habe ich in Bangkok gelebt. Die Stadt und ihre Menschen nahmen mich auf wie einen Freund, das vergesse ich ihnen nicht. Deshalb bin ich gerne immer mal wieder da und schaue hin: Was verschwindet und warum? Und was gibt´s Neues?

Denn seit meiner Ankunft 2008 hat sich Thailands Hauptstadt deutlich verändert. Rasend schnell und nicht immer zum Vorteil.

Am Chao Praya 2008 und 2020. Jeweils im Hintergrund: Das Hilton Millennial Hotel (Fotos: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Immer mehr Stahl, Beton, Glas

Jede Metropole verändert sich. Aber kaum eine so rasant wie Bangkok. Eine Weltstadt heute. Schmelztiegel vieler Ethnien, weltweite populärste Destination lebenslustiger Besucher, Heimat freundlicher Gastgeber und doch ein umbarmherziger Ort für viele, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Bei aller Weltläufigkeit unverwechselbar ASIEN. Noch. Unverändert laut, überdreht, animierend, hart, manchmal herzlich, noch immer nicht cool oder verzagt.

Bangkok 2008 (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Keine Ahnung, ob es im Thailändischen das Wort Stadtplanung gibt. Schaue ich auf das Gewirr aus Straßen, Gassen, Kanaälen, Über- und Unterführungen: Eher nicht. Angetrieben von Fortschrittsglauben, viel Geld und einer ungeheuren Energie mutierte die Stadt der Engel in den letzten dreißig Jahren ungebremst zu einer wild wuchernden Kakophonie aus Stahl, Beton und Glas. Immerhin, so berichten Augenzeugen, haben die Engel den Wandel ohne sichtbare Blessuren überlebt.

Die architektonischen Zeugen des alten und jüngeren Bangkok kämpfen ums Überleben. Manchmal haben sie ihre Zukunft hinter sich, oft geht die lokale Politik mit dem Vermächtnis schludrig um. Wenn Abrissbirne und Schaufelbagger Profit versprechen, werden historische Schätzchen humorlos plattgewalzt. An ihre Stelle treten meist ein weiteres gesichtsloses Hotel, ein noch höheres Apartmenthaus, das nächste tolle Einkaufszentrum. Die reine Liebhaberei für Immobilieninvestoren und -eigner. Bis Corona die Szene vorerst sedierte.

Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff

Schleichende Gentrifizierung

Der Weg in die Moderne ist mit steigenden Preisen gepflastert. Dank schleichender Gentrifizierung wird das Leben im Zentrum für den Normalverbraucher zu teuer. An den Werbeplakaten sollt ihr die Zukunft erkennen:

„Super Luxury Condominiums“

Wer auf der Website Näheres zu den Luxuswohnungen erfahren will, muss Name, Mailadresse und „Budget“ angeben – so wird die Spreu vom Weizen getrennt. Eines der neuen Apartment-Hochhäuser trägt die Zielgruppe gleich im Namen: „The Rich“. Eröffnet wurde es mit einem „VVIP Day“. Für die Very Very Important People. Wenn die überaus Wichtigen im eleganten „EM Quartier“ einkaufen, können sie ihren Lambo oder Ferrari jetzt im Sektor „Supercars“ parken.

Stets bedroht: Streetfood

Manch traditioneller, beliebter Markt wurde in den letzten Jahren umgesiedelt oder aufgelöst. Weil Bangkoks Stadtverwaltung jeden Einwand mit dem Totschlag-Argument zerschoss, die Hauptstadt werde dadurch optisch aufgewertet. Dank der optischen Aufwertung dürfen wir am selben Ort später den Papaya-Salat für 300 Baht essen statt wie bisher für 50. Und beim Kauen trauern wir den Garküchen der Suk Soi 38 nach, die es nicht mehr gibt.

Vergangenheit: Streetfood in der Soi 38 (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Alljährlich steigt aus den Büros der Stadtverwaltung das Gerücht auf, weiteren Streetfoodzentren drohe die Schließung. Gefolgt vom öffentlichen Aufschrei und einem hastigen Dementi. Die populären Garküchen in Chinatown oder an der Khao San Road seien nicht gemeint. Aber was ist mit den tausend anderen Standorten?

Und wie steht es um das Nachtleben?

Mit Mama Noi starb eine Epoche

Ende Januar 2016 starb Mama Noi. Mit ihr starb ein Symbol des alten Bangkok. Vor fünfzig Jahren kam Noi in die Hauptstadt, ein wunderhübsches Landei, das im damaligen„Starlight Club“ Weltstars wie Bing Crosby und Bob Hope den Kopf verdrehte.

Mama Noi blieb die einzige Konstante im ältesten Nightclub der Stadt zum Schluss als geachtete Mutter der Kompanie. Ihr Arbeitsplatz, der zuletzt unter „Check Inn 99“ firmierende Nachtclub, musste in jüngster Vergangenheit drei Mal umziehen, war zuletzt in der Sukhumvit Soi 33 zuhause und ist nun dauerhaft dicht.

Kein Sonntagsjazz mehr, keine Lesungen und kein Stelldichein der Bangkok-Noir-Autoren Christopher G. Moore, John Burdett, Kevin S. Cummings, John Gartland. TripAdvisor zählte das Etablissement einst zu den „Top 20 versteckten Juwelen der Welt“. Doch Erinnerungen zahlen keine Miete.

Wann beginnt die gute alte Zeit?

Für mich 2008. Das ist ganze zwölf Jahre her und sagt alles aus über die Geschwindigkeit der Veränderungen. Mehr als einmal stand ich in den letzten Jahren an einem Wellblechzaun, hinter dem gerade ein geliebtes Wasserloch verschwand. Das Fat Gut`z zum Beispiel in der Thonglor Road. Meine Lieblingsbar, Bühne mitreißender Live-Musiker wie Keith Nolan. Einem Wellblechzaun aber liegt der Bluesrock nicht in der DNA. Heavy Metal schon eher, wenn der Presslufthammer sein Lied anstimmt.

Es gibt Gründe, warum man trotz grenzenloser Auswahl immer wieder bestimmte Kneipen und Restaurants aufsucht. Rituale sind gesund. Erstaunlich viele Etablissements jedoch existieren schon heute nur noch in meiner Erinnerung.

Livemusik im Climax (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

In der Soi 11 an der Sukhumvit Road verschwanden: Die Clubs Q Bar und Bed Supperclub; die Diskothek Climax in der Tiefgarage; die kleinen Bars am Straßenrand. Die Restaurants Tapas Café, Chez Papé, The Alchemist, Snapper New Zealand mussten einem Hotelkomplex weichen, wie originell. So auch das Cheap Charlie`s, die allabendliche Aufwärm- und Abschussrampe.

Cheap Charlie`s

Die Perlenkette der Streetfoodküchen in der Soi 7 ist ebenso Vergangenheit wie das belebte Hufeisen voller Bars in der Suk Soi 22. Das wunderbare Hemingway`s („Papa ist tot“) in der Suk Soi 12 gibt es nicht mehr im Original, der notgedrungen bemühte Nachkömmling steht in der Soi 11. Auch das Cheap Charlie`s fand eine neue Heimat, weiter draußen.

So lösten sich Institutionen des Nachtlebens auf in Kleinholz und bröckelndem Gesteinsbrocken. Oder sie wurdenb vertrieben. Dabei spreche ich nur von meinem einstigen Revier, einem winzigen Ausschnitt des riesigen Bangkok.

Party im alten Ironferries an der Thonglor Road (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Noch immer ein bisschen Venedig des Ostens

Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff

Venedig des Ostens wurde Bangkok einst genannt. Das Leben spielte am und auf dem Wasser. Manches Haus hat überlebt, auf einer Tour mit dem Longtailboot durch die Khlongs (Kanäle) knattert man durch die Vergangenheit. Und sieht, dass die alte Zeit nur selten gut war. Vielleicht sehnen wir uns nur nach einer Welt zurück, in der selbst Bangkok noch übersichtlicher schien, weniger komplex, dem menschlichen Tempo entsprechend.

Fort Mahakan (Fotos: Faszination Fernost/B. Linnhoff, Reknown Travel)

Was alt ist, gilt vielen Asiaten als überholt und rückständig. Sie schauen eher nach vorne. Modern ist das Zauberwort. Dafür werden nun die Kanten und Ecken der Stadt geschliffen.

Selbst eine gewachsene Gemeinde wie die am historischen Mahakan Fort im Rattanakosin-Viertel wurde vertrieben, inklusive Zerstörung der alten Häuser, die Denkmalschutz verdient gehabt hätten. Die Stadt als Eigentümer des Areals modifizierte die lebendige Heimat vieler Menschen zur Grünfläche. Weil: „Grünflächen sind eine wichtige Maßnahme gegen Luftverschmutzung“, sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung, die mit grünen Ideen selten auffällig wird.

Vergangenheit (Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Weniger Bangkok Noir, mehr Glätte ist erwünscht, im übertragenen Sinne. Geht es nach Premierminister Prayut, soll die Kapitale werden wie Singapur. So sauber, so ordentlich, so smart – so modern. Doch wie soll das gehen? Copy and paste? Weiß er, wieviel Mühe, Kosten, Wissen, Strategie und Gespür Singapurs Planer investiert haben? Nicht zuletzt, um über der Gegenwart die Zeugen der Vergangenheit nicht zu vergessen?

Derweil stehen in Bangkok die Shopping Malls, die Büro- und Apartmenthochhäuser dicht an dicht. Wann werden wir Bangkok nicht mehr von Seoul unterscheiden können?

Lichtblick in der Gegenwart

Im Schatten der neuen Zeit: Old Custom`s House (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

In Bangkoks Gegenwart regiert nicht nur stumpfe Profitsucht. „The Old Custom House“, das alte Zollamt, steht seit 130 Jahren am Ostufer des Flusses Chao Praya, ein paar Schritte entfernt vom berühmten Hotel Mandarin Oriental.

Gebaut wurde die Zollstation in der Ära des Königs Rama V. Er regierte von 1868 bis zu seinem Tod 1910 und wird als König Chulalongkorn von der Bevölkerung noch heute sehr verehrt. In seiner Ägide öffnete sich Siam dem Westen und damit auch der westlichen Architektur. Das Zollhaus, erbaut im Palladianischen Stil, geht zurück auf den Venedig-stämmigen Architekten Andrea Palladio.

Schon 1954 wechselte die Zollbehörde in ein neues Hauptquartier im Stadtteil Klong Toey. Das alte Gebäude beherbergte erst die Marinepolizei und danach die Feuerwehr des Stadtteils Bang Rak, ehe es immer mehr verfiel. Thailands Finanzministerium, Eigentümer der Immobilie, schloss nun einen Vertrag mit dem Investor U City. Der will den alten Bau renovieren und in ein Luxushotel umwandeln. Zuvor jedoch soll das Fine Arts Department alle Details über Baumaterialien, Architektur und Design des Ursprungsgebäudes zusammentragen. Dann kann es wiederauferstehen – als geschichtsträchtige Hülle für ein Sterne-Hotel.

Ein Mix aus historischer Architektur und neuem Verwendungszweck – ist das die Zukunft für kränkelndes Erbe?

Bill Gates und das Prinzip Face

Nichts trifft Thailands Politiker so sicher wie internationale Kritik. Gesichtsverlust droht. Erst recht, wenn ein Super-VIP involviert ist.

Bill Gates war in Bangkok und postete ein Foto auf Instagram. Mit all dem Oberleitungsnetzwerk hoch über den Köpfen der Passanten. Für mich waren die Knäuel immer das treffendste Symbol für Thailands Hauptstadt: Ein scheinbar unentwirrbares, heillos verknotetes und doch funktionierendes Chaos. An den losen Enden gefährlich, manchmal tödlich.

Gates`Besuch folgte wenig später die Anordnung des thailändischen Premiers, innerhalb von fünf Jahren alle elektrischen Leitungen unter die Erde zu bringen. Mittlerweile sind einige wenige Oberleitungen tatsächlich im Untergrund verschwunden, der große Rest grüßt immer noch von oben. Und nun haben alle dank Covid-19 andere Sorgen.

Kunst, Kommerz und ein neues Wahrzeichen

Fotos: Faszination Fernost/B. Linnhoff (3), Bangkok Post (1)

Wer im Chinesenviertel an der Station „Wat Mangkon“ aus der U-Bahn steigt, wirft einen Blick in die Zukunft. Kommerz und Kunst, Sponsor Nescafé und Künstlerin Phannapast Taychamaythakool wurden Partner. Auch das Nachtleben muss sich dank neuer Attraktionen wie Maggie Choo`s, Sing Sing, Havana oder Flamenco nicht hinter den Legenden von einst verstecken.

Maggie Choo`s (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Bangkok beherzigt Buddhas Lehre: Veränderung ist die einzige Konstante. Das Netz von Skytrain/BTS und U-Bahn/MRT wird kontinuierlich ausgebaut und forciert die Transformation der Hauptstadt. Sie beeinflusst nicht nur die Optik, sondern auch das Leben ihrer Bewohner, ihre Werte und Hoffnungen. Stadtviertel, die einst an der Peripherie lagen, gleiten dank besserer Anbindung ins wachsende Zentrum hinein.

Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff

Und das neue Wahrzeichen Maha Nakon Tower, das nun höchste Gebäude der Stadt, lässt keinen Zweifel an Bangkoks Visionen: Schneller. Weiter. Noch höher.

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff