This is Thailand: In der Not und im Glauben vereint

 

Somsak Sripetch und seine Freunde fuhren mit zwei Militärjeeps vom Typ „Hummer“ 700 Kilometer aus Nonthaburi heran, um Essen und Kaffee zu kochen für die Menschen, die sich zur Rettung eingefunden hatten. Somsaks Team war eins von sieben, die die Menschen umsonst versorgten.

Acht geübte Felsenkletterer, die ihr Geld mit dem Einsammlen der Eier aus hoch gelegenen Vogelnestern verdienten, kamen zur Unterstützung der Taucher aus Trang (Südthailand) geflogen. Sie waren erfahren im Auskundschaften begehbarer Höhlenschächte. Air Asia übernahm die Rückflugkosten.

Die älteren Damen vom lokalen Kräutercenter Huen Pa-yha Spa in Mae Sai massierten die Rettungskräfte in einem improvisierten Massagesalon kostenlos.

Chan Jaichantra war nur einer von vielen Bauern, die mit dem Fluten ihrer Felder einverstanden waren. So konnte Wasser aus der Höhle abfließen. Chan: „Holt die Jungs erst einmal raus. Der Reis kann sterben. Ich kann neuen pflanzen.“

Onkel Lek kochte in seiner Garküche „guay tiew“, die populäre thailändische Nudelsuppe, und verteilte sie kostenlos. 

Dazu: 84 Elitetaucher der Thai Marine. Etwa 1000 Soldaten der Königlich-Thailändischen Armee. 100 medizinische Betreuer, Ärzte, Sanitäter, Krankenschwestern etc. vom Gesundheitsministerium.  Der umsichtige Gouverneur der Provinz Chiang Rai, Narongsak Osothanakorn, der Leiter der Operation. Seine Versetzung in eine andere Provinz stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest. Angeblich hatte er einigen Großprojekten einflussreicher Leute in Chiang Rai im Weg gestanden.

Thais können ausgesprochen egoistisch sein bei der Durchsetzung eigener Interessen. Doch in Krisen finden sie zusammen. Dann lassen sie alles stehen und liegen, helfen uneigennützig, auch das ist ein Teil ihres Wesens. So war es nach dem Tsunami 2004, so war es beim Drama in der Höhle von Tham Luang nahe Mae Sai/Chiang Rai im Juni 2018.

Zehn Tage lang bewegte das nahezu aussichtslos Schicksal von zwölf Jungen und ihrem nur wenig älteren Trainer die Welt. Ekkapol Chantawon, genannt Coach Ake, war wie zwei der Jungs nicht Thai – er war staatenlos. Schon mit zehn Jahren hatte er seinen Buder und die Eltern durch Krankheit verloren. Acht Jahre lang lebte er in einem Kloster. Dann zog er die Robe wieder aus, um sich um seine kranke Großmutter zu kümmern.

Akes Erfahrung als Mönch rettete seinen Schützlingen das Leben. In der Höhle lehrte er sie das Meditieren, um Energie zu sparen. Nach der Rettung scheute der Coach das Rampenlicht. Voller Schuldbewusstsein bat er die Eltern der Kinder um Vergebung, weil er sie in die Höhle geführt hatte.

Der Australier Liam Cochrane berichtete täglich für die Australian Broadcasting Corporation über das Geschehen im Norden Thailands. Darüber schrieb er ein Buch: „The Cave: The Inside Story of the Daring Cave Rescue“(2018, ABC Books). George Styllis, in Bangkok ansässig, berichtete vor gut einem Jahr für die London Times. Nun hat er das Buch seines australischen Kollegen in der „Mekong Review“ (Ausgabe Nr. 4 2019) unter der Überschrift „Have Faith“ besprochen. Teile davon habe ich für diesen Beitrag übersetzt. 

„Tief in Trance versunken, saß der Mönch nahe einem Stahltisch auf dem schlammigen Grund nahe dem Höhleneingang. Er betete zu den Geistern, dass die gerade beginnende Regenpause dauern möge, damit die Retter ihre Suche nach den Kindern ausweiten könnten. 

Foto: Samulet

Sein Geist, seine Seele reisten durch eine andere Welt. Eine Welt, in der übersinnliche Wesen den Regen beherrschen und ruhelose Geister die Erde bewohnen. Und in einer verborgenen, unterirdischen Ecke der Welt, in der Falle sitzend zwischen alten Felsen und steigendem Wasser, saßen 13 Seelen, dem überlieferten Glauben der Einheimischen zufolge dazu verurteilt, Opfer eines rachsüchtigen Geistes zu werden.

Es war der Geist einer wunderschönen Prinzessin, die einst in den Bergen eines burmesischen Königreichs lebte, regiert von ihrem herrischen Vater. Sie verliebte sich in einen Stalljungen niederen Standes, von dem sie bald ein Kind bekam. Aber der König verbot die Verbindung. Das Paar floh in die Berge Nordthailands und suchte Zuflucht in einer Höhle. Der König blieb rachsüchtig und sandte Soldaten aus, um das Paar zu finden. Eines Tages, als sich der Stalljunge auf die Suche nach Nahrung begab, fingen ihn die Soldaten und töteten ihn. Als die Prinzessin den Ermordeten fand, brach ihr das Herz. Sie nahm ihren langen, scharfen Dolch und stach sich in den Kopf. Ihr fallender Körper wurde zu einem Berg mit Namen Nang Non.

Als das Wasser in der Höhle stieg und den jungen Fußballern den Rückweg abschnitt, saßen sie in der Falle des zornigen Geistes der Prinzessin Nang Non. Mit dem Wasser stieg die Angst. Die Jungs kannten die Geister der thailändischen Mythologie, deren Beute gewöhnlich die Schwachen waren. Ein Junge träumte, er würde von einem schwarzen Tiger gejagt. Titan, der Jüngste, hingegen sah im Traum den Trainer Pi Ek, der sich vor seinen Augen in einen Krieger verwandelte, in der Hand ein Schwert, mit dem er den Jungen in Stücke hauen wollte.

Draußen vor der Höhle saßen und standen Thais, vereint im Gebet. Mitglieder der Rettungsteams hatten den Geistern Teller mit den Köpfen gekochter Schweine und Flaschenbier geopfert. Und die Familien, die die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihren eingeschlossenen Kindern nicht aufgeben wollten,  hingen an den Lippen von Mönchen und Wahrsagern.“

Foto: Stringer/Mekong Review

Nattanuch Prasertong, eine lokale Restaurantbesitzerin, erzählte während jener Tage, in der Nacht vor dem Verschwinden der Kinder habe eine ganze Serie von Träumen begonnen, in denen ihr die Prinzessin erschien und sagte, sie werde die Jungs nur dann freigeben, wenn sie Besuch erhielte vom buddhistischen Mönch Kruba („der verehrte Mönch“) Boonchum Yannasangwalo. Denn der sei die Reinkarnation des Stalljungen, nur er könne sie nach 300 Jahren des Wartens endlich befreien.

Frau Nattanuch hatte lange in den USA gelebt. So war sie auch mit der Denkweise des Westens vertraut. Sie postete ihre Geschichte auf Facebook. Der Beitrag wurde mehr als 40000 Mal geteilt, als Kruba Boonchum dann tatsächlich an der Höhle auftauchte.

Kruba Boonchum Yannasangwalo (Foto: My Daily News)

Der 54-jährige Mönch, der in den Waldtempeln von Thailand und Myanmar der Meditation verschrieben hat, besuchte die Unglücksstelle am 30. Juni. Dort führte er zwei Zeremonien durch und sagte laut „Bangkok Post“: „Macht euch keine Sorgen, die Jungs sind in Sicherheit. In wenigen Tagen kehren sie zurück.“ Einen Tag später ergänzte er: „Die Taucher sind nicht mehr weit von den Jungs entfernt.“ Und wieder einen Tag später wurde seine Prophezeiung wahr – die Kinder waren gerettet.

Ein 79-jähriger Einheimischer namens Boonma Kabjainai, der sechzig Jahre zuvor als junger Mönch die Höhle aufgesucht hatte, behauptete in der Folge, der Geist der Prinzessin sei auch am tragischsten Moment der Rettungsarbeiten beteiligt gewesen. Saman Gunan, ein fitter Ex-Marinetaucher von 38 Jahren, starb unter Wasser, als er gerade anderen Tauchern neue Sauerstoffflaschen bringen wollte. Woran starb er? An Sauerstoffmangel? Am unsachgemäßen Benutzen eines alten Sauerstofffgerätes? Großvater Boonma glaubte nichts von dem. Er war sich sicher, dass die Prinzessin das Leben des Tauchers gefordert hatte als Rache an den Soldaten, die ihren Geliebten getötetet hatten.

Kruba Boonchum kehrte zwei Tage nach geglückter Rettung zur Höhle zurück. Er gab keine Interviews und er sagte kein Wort – er hatte ein Schweigegelübde abgelegt.

Nun strömen die Touristen

Foto: The Thaiger

Die Höhle von Tham Luang wurde vor wenigen Wochen für die Touristen freigegeben, natürlich nur in der Trockenzeit. Sie zählte schon über eine Million Besucher.

Im Dokudrama „The Cave“ müssen die professionellen Rettungstaucher Jim Warny, Erik Brown, Mikko Paasie und Tan Xiaolong als Mitspieler ihre extremen Erfahrungen noch einmal durchleben. „Es war eine unglaubliche Geschichte. Als wir die Jungen damals in der Höhle gefunden haben“, erinnert sich Jim Warny, „wurde der Druck immens. Plötzlich waren wir für das Leben von Menschen verantwortlich. Denn wir mussten sie ja noch herausholen. “

 

„Ich hoffe, diese Geschichte kann Menschen inspirieren, ihre Ängste zu überwinden und etwas Außerordentliches zu tun.“ Jim Warny

 

Jim Warny bei den Dreharbeiten zu „The Cave“ (Foto © De Warrenne Pictures/Bangkok Post)