Im Reich der Staubsauger

Ohne Augen, Nase, Mund sieht auch der Erleuchtete nur aus wie ein Lego-Soldat nach verlorener Schlacht. Doch dann schlägt die Stunde der Kunst, die Stunde des Handwerks. Die Stunde der Männer, die Staub saugen, um Buddha ein Gesicht zu geben. Für welchen Lohn: Gutes Karma? Staublunge?

Strasse der Marmorschleifer Mandalay

In den Tempeln Südostasiens habe ich mich oft gefragt: Wer zaubert dem Buddha diese Güte ins Antlitz und diese Gelassenheit? Jetzt weiß ich es, denn ich war dabei. In Mandalay. In Deutschland hingegen fragte ich mich nie, wie die Holzschnitzer dem Gekreuzigten eigentlich das Leiden ins Antlitz kerben. Denn bei der Wahl zwischen Qual und Gelassenheit liegt mir Buddhas Lehre doch näher als die christliche. Gott verlangt Gehorsam, Buddha Bewusstsein.

In Mandalays Straße der Marmorschleifer ist jeder Besucher willkommen, auch der, der ganz genau hinschaut, so wie ich. Ohne Staubmasken schleifen Männer dort Buddha den Nacken glatt. Kleine Buddhas könnten wir kaufen als Souvenir, die größeren stehen irgendwann in Pagoden, Klöstern, Tempeln und schauen gütig auf die Gläubigen hinab.

Mandalay Myanmar

Die nächsten Abnehmer warten schon in der Nachbarschaft (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Die Buddhas dominieren diese zwei, drei Straßen in Mandalay, aber wir sehen auch Löwen, Elefanten und Feldherren hoch zu Ross. Aus Marmor gehauen und geschliffen, einem Stein, der so hart ist wie schön. “Saygin” lautet die Bezeichnung für Marmor in Myanmar. Weil er von den Sagyin-Hügeln stammt nahe Mandalay. Von reinem Weiß bis Graublau ist jede Nuance vertreten.

Die Buddha-Statuen Myanmars schauen noch jünger und liebevoller drein als ihre Ebenbilder in Thailand oder Laos. Kleine Locken bedecken den Kopf, darunter ein breites Stirnband. Das Gewand birgt viele Falten und Schnörkel oft. Und leuchtet golden, wenn sich das Werk der Vollendung nähert. Dann sehe ich den Buddha, den ich kenne. Den gütigen, gelassenen. Das Geheimnis ist gelüftet. Die Faszination bleibt.

Marmorschleifer Mandalay

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

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