Hallo Ballett: Rudern als Kunstform

Wenn nach dem ersten Jägermeister der zweite heranrauscht, ruft der Kneipenchor: Auf einem Bein kann man nicht stehen! Die Männer vom Inle-See sehen das ganz anders. Sie stehen sogar hauptberuflich auf einem Bein. Fangen so Fische, halten das Boot in der Balance. Ihretwegen sind auch wir hierher geflogen, ins Zentrum Myanmars. Der Inle-See kommt ohne große Werbekampagnen aus. Ein paar Fotos der Einbein-Tänzer, und schon fallen die Touristen ein.

fishermen inle lake

Vermutlich wundern sich die Fischer selbst, wie einfach die Herrschaften aus aller Welt zu beeindrucken sind, die da – wie wir – im Longtailboot über den 160 qkm großen Süßwassersee flitzen.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

fishermen inle lake

Aber die Technik der Burmesen ist nun einmal hoch originell. Sie verlängern ein Bein mit einem kurzen Ruder. Um beide Hände frei zu haben für die konischen Bambusreusen oder fürs Netz. Es gibt Rechts- und Linksbeiner.

Ein Tanz nur für Singles

Der Methode wohnt eine innere Logik inne, gleichwohl findet sie national wie international wenig Nachahmer. Denn die Männer vom See haben Rudern zur Kunstform erhoben. Ihre fließenden, mal anmutigen, mal kraftvollen Bewegungen vor der Kulisse der Shan-Berge wirken auf uns wie ein Tanz, choreographiert nur für Singles.

fsihermen inle lake

Wie Myanmar seit der Öffnung 2011, so zieht auch das Überwasser-Ballett vom Inle-See alljährlich mehr Besucher an. So viele, dass manche Fischer in der Hochsaison nur noch hinausfahren, um das Bein zu heben. Soll lukrativer sein als der alte Beruf und schont die Ressourcen.

fishermen inle lake

Schattentheater im Gegenlicht: Wir waren am Ende der Trockenzeit da, kurz vor Beginn der Monsun-Phase. Die Sonne schien, da gehört Glück dazu. Die Einbein-Ruderer konzentrierten sich mit stoischen Mienen auf ihren Job. Was aussah wie Tanz, war Arbeit.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Von Mandalay zum Heho Airport

Ankunft in Heho (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Von außen sieht der Heho-Flughafen aus, als sei er mit Lego-Steinen erbaut worden. Zwei neue Fluglinien bereichern unsere Sammlung: Mit Yadanarpon Airlines fliegen wir aus Mandalay heran, mit Yangon Airlines zurück. In beiden Fällen mit dem Turboprop-Hockdecker ATR 72-600 vom französisch-italienischen Kurzstrecken-Spezialisten Avions de Transport Régional. Die Maschinen sind klein, zur Hochsaison sollte man frühzeitig buchen.

Vom Flughafen fahren wir durch den Ort Nyaung Shwe und kleinere Dörfer; nach etwa einer Stunde erreichen wir das Villa Inle Resort. Ein Oldie but Goldie am Ostufer des Inle-Sees.

See und Hotel: 900 Meter über dem Meeresspiegel!

Let it swing – das Bett hängt an der Decke (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Bei unserer Ankunft steht das Villa Inle Resort & Spa fast leer. Zur Nebensaison lockt das komfortable Hideaway, eingebettet in tropische Flora, mit halbem Preis für seine traumhaft schönen Holzbungalows. Preis plus Qualität plus Freundlichkeit des Personals ergeben in der Summe drei überzeugende Argumente für unseren Aufenthalt.

Zum Abendessen im weiträumigen Restaurant treffen sich drei Pärchen, uns eingeschlossen. Großzügig über den Raum verteilt, wirken wir wie zufällig Versprengte, die einander nicht kennen und diesen Zustand auch nicht ändern wollen.

Das Restaurant (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Anfahrt durch schwimmende Gärten

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Trotz Sonne ist es nicht allzu warm, als wir zur See-Fahrt ins Boot steigen – der See liegt 900 Meter hoch. Zunächst tuckern wir behutsam entlang der schwimmenden Obst-, Blumen- und Gemüsegärten, gerahmt von Häusern auf Stelzen. Die Intha, die hier leben, haben Unterkunft und Lebensstil perfekt angepasst an den See und seine unterschiedlichen Wasserstände. Bald verlassen wir die schmale Gasse der Wasserhyazinthen und beschleunigen in den offenen See hinein.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Wir sind nicht allein unterwegs, doch Stoßzeiten bleiben der Hochsaison vorbehalten. Seit 2015 ist der Inle-See erstes Myanmar-Mitglied der UNESCO Biosphärenreservate; ein großzügig bemessenes Biotop für zahllose Fisch-, Vogel- und Insektenarten und in der Abenddämmerung am Ufer beliebte Spielwiese für Moskitos.

Wo Buddhas zu Klumpen werden

Phaung-Daw-U-Pagode (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Ladies are prohibited (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Es ägert mich immer wieder: Meine Frau Toey muss sich züchtig bedecken, ehe sie die Phaung Daw U Pagode am Westufer betreten darf. Doch der Zutritt zu den fünf Buddhas im Zentrum wird ihr verwehrt. Im Buddhismus gelten Frauen als unrein, weil sie menstruieren.

Die Buddha-Statuen sind als solche nicht mehr zu erkennen. Gläubige haben soviel Blattgold draufgeplättet, dass die Erleuchteten nun ihr Da-Sein als Klumpen fristen.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Eine der Deckenmalereien erinnert mich an die Elefantenparade im Disney-Dschungelbuch; eine andere zeigt die alljährliche Schiffsprozession mit den Buddha-Statuen auf dem See.

Die Katzen springen nicht mehr

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Das Teakholz-Kloster Nga Phe Chaung Monastry trägt den Beinamen „Tempel der springenden Katzen“; Mönche haben den Tieren den einen oder anderen Trick beigebracht. Das wollen wir uns einmal anschauen. Nicht nur wir. Pausenlos sausen Boote heran mit weiteren Interessenten.

Katzentempel (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Wir sehen Buddha-Statuen, aber keine Mönche, wir sehen viele hungrige Katzen gemischten Alters und gemischter Rassen beim Verzehr von Reisspeisen, wir umlaufen diverse Souvenirstände. Eine triste Atmosphäre. Die Menschen schauen uns nicht an, gehen ihren Beschäftigungen nach.

Typische Touristenfalle, denken wir. Und erfahren, dass der für die Tricks zuständige Mönch unlängst verstorben ist. Mit seinem Tod endete das bescheidene Spektakel. Die Katzen springen nicht mehr.

Nach unserer Rückkehr ins Resort fragen wir die Managerin, warum der Tempel der angeblich springenden Katzen noch immer im Programm steht. „Wovon sollen die Menschen und Katzen im Kloster denn leben?“, fragt sie zurück. Klingt nach gelebter Solidarität der Burmesen am See.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Fazit: Der Inle-See und seine Ufer haben deutlich mehr zu bieten, als wir in knapp drei Tagen erleben konnten. Ein Weingut zum Beispiel, das ein Deutscher vor langen Jahren ausgerechnet hier, in Myanmar, auf- und ausgebaut hat.

Wir müssen also nochmal wiederkommen. Auf einem Bein kann man schließlich nicht stehen!

Fotos und Videos: Bernd Linnhoff