Die Dealer, das Produkt, eine hungrige Frau

Auch in Thailand hat es die FIFA zum „big issue“ geschaft, zum Thema des Tages in der „Sunday Post“.  Womit der Sportverband am vergangenen Sonntag wichtiger war als etwa der Entwurf zur neuen Verfassung Thailands oder der Menschenhandel mit den muslimischen Rohingyas aus Myanmar.

Das wundert mich.

Am 29. April 1964 trat Inter Mailands spanischer Superstar Luis Suarez dem kleinen Dortmunder Hoppy Kurrat mit Absicht und Wucht in die Eier, sorry. Schiedsrichter Branko Tesanic stand zwei Meter daneben und tat – nichts. Dank seiner Hilfe sicherte Inter nach einem 2:2 in Dortmund ein 2:0 in Mailand und damit den Einzug ins Europacup-Finale der Landesmeister. Die jugoslawische Pfeife Tesanic verstummte danach, es war sein letztes Spiel. Priorität hatte nun das schöne Haus, das er sich wenig später in seiner Heimat bauen konnte.

Seither lebe ich mit Skandalen im Fußball. Mit gedopten Spielern, gekauften Spielen, geklauten Titeln und der Erkenntnis, dass der Fußball nicht besser sein kann als die Gesellschaft, in der er gespielt wird. Und wie in jeder anderen Religion, so entscheidet auch hier das Bodenpersonal über Qualität und Umsetzung der ursprünglichen Lehre.

Dabei hätten wir Fans doch zum Genuss liebend gerne noch das gute Gewissen. Micky Beisenherz hat diesen Zwiespalt in seiner stern-Kolumne („Sepp Blatter, der dümmste Mensch der Welt“) perfekt verdichtet: „Wir hassen den Dealer und lieben das Produkt.“

Jedoch: Ich hasse den Dealer nicht. Warum sollte ich Zorn, Frustration, Ohnmacht, Resignation, also Energie verschwenden an Figuren wie Sepp Blatter oder Chuck Blazer oder Jack Warner?

Am heutigen Donnerstag ist die FIFA in Thailand nicht wesentlich wichtiger als ein heftig begrüßter Facebook-Eintrag von Kanokvan Kundum, die immerhin für 4 192 Freunde postet. Sie hatte gerade ihr Mittagessen an der Garküche Chalor Rim Nam beendet, als eine Frau näher kam:

„Die Frau ging auf und ab. Als fehlte ihr der Mut, um Essen zu bitten. Doch dann siegte der Hunger, und sie fragte den Besitzer: ‚Kann ich vielleicht etwas Reis haben?‘ Der Mann nickte, gab zum Reis noch ein wenig Schweinefleisch und reichte ihr das Päckchen mit einem Lächeln.

Die Frau setzte sich auf den Erdboden, faltete die Hände zum Wai und weinte.“

Auch das ist Facebook: Eine hungrige Frau und ein großzügiger Garküchenbetreiber in Suratthani bewegen, zumindest in Thailand, so viele Menschen wie die große FIFA und ihr unersättliches Personal.

Beitragsfoto: Westword