In dubio pro libido

„Nur wer nicht das geringste Verlangen mehr verspürt, erlangt einen Zustand höchster Zufriedenheit.“ Soweit der Buddha zum Thema Erotik/Sex (u. a.)

Schriftsteller Frédéric Beigbeder formuliert es etwas anders: „Die Welt verspricht Vergnügen, aber Glück ist eine andere Sache. Vergnügen kann traurig machen.“

Und was denkt Uthaiphan Charuwattanakitti? „In dubio pro libido.“ Im Zweifel für die Lust.

Herr Uthaiphan hätte sicher nichts dagegen, hieße man ihn einen Missionar der Erotik. Sollten Sie den Mann nicht kennen, geht es Ihnen wie den meisten Thailändern. Was mit seiner Obsession zu tun haben mag: Erotische Kunst. Diese Obsession aber lebt er nicht heimlich aus oder privat, sondern offensiv, mehr noch: öffentlich.

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Missionar der Erotik: Uthaiphan Charuwattanakitti (links im Bild)

Das Angebot öffentlich ausgestellter und begehbarer erotischer Kunst ist dünn in Thailand. Es erklärt sich aus der kulturellen Tradition eines Landes, das nicht in all seinen Handlungen, wohl aber in der expliziten Darstellung die Dezenz bevorzugt. Auch das erst, seit westliche Kultur und Werte Einzug hielten in Thailand. Da habe die Popularität erotischer Kunst empfindlich nachgelassen, behaupten Historiker. Frauen, ob in Gemälden oder als Skulpturen, mussten fortan züchtiger, bedeckter dargestellt werden.

Zuvor pinselten Künstler sogar in buddhistischen Tempeln Damen an die Wand, die ihre Wertsachen freilegen – so im Wat Thung Sri Muang in Ubon Ratchathani oder auch im Wat Kongkaram Potaram in der Provinz Ratchaburi.

Jäger und Sammler

Uthaiphan Charuwattanakitti ist viel herumgekommen. Auf seinen Reisen besuchte er stets Museen oder Ausstellungen, die sich der Liebe Lust verschrieben. Ein fruchtbares Hobby. 2000 Sammlerstücke kamen so zusammen in 35 Jahren, bevorzugt aus China, Indien und Japan. Exponate, die ausgestellt, gesehen, wahrgenommen werden wollen – Zeichnungen, Skulpturen, einhändige Lektüre und „paladkiks“, Amulette in Penisform.

So entstand das Kamavijitra in Bangkok. Offizieller Name: Siam Private Erotic Art Museum. Das erste seiner Art in Thailand. Beheimatet in einer Seitenstraße der Sukhumvit Road, unweit der Skytrain/BTS-Station Phra Khanong. Die Website wurde erst aus dem Verkehr gezogen und dann wieder erlaubt. Auf der Facebook-Seite wird das Kamavijitra als Kunstmuseum/Kunstgalerie geführt.

Zur Eröffnung des Museums kamen Spitzen der thailändischen Society und der nationalen Polizei sowie Vertreter des Diplomatischen Corps in Bangkok. Die Medien sprachen von einem Festakt.

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Siam Private Erotic Art Museum

Adresse: 25/14 Soi Saengchai, Soi Sukhumwit 38, Phra Kanong, Bangkok 10110
Telefon: +66 (0) 2-381-7604; +66 (0) 80-994-6683.
Geöffnet: Täglich von 10.00 – 18.00 pm
Eintritt: 1000 baht

Sex sells: Service ist Verdienst am Kunden

Bei Chantawipa Apisuk geht es eher um Sex als um Erotik, eher um das älteste Gewerbe der Welt als um intime Lust. Es kann nicht überraschen, dass ihr Museum am Rande Bangkoks öffentlich nicht zugänglich ist – Besuch ist nur nach vorheriger Verabredung möglich. „Thailand hat so seine Ansichten“, sagt die 68-Jährige dazu; Angriffsflächen will sie vermeiden. Doch sie weiß auch: Schmutzige Träume liegen oft in sauberen Betten.

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Chantawipa Apisuk (Foto: Oliver Holmes/Guardian)

„This is US“ heißt Chantawipas Museum – So und nicht anders sind wir. Zu sehen gibt es Sex-Spielzeug, Tanzstangen (so what?) oder Kondome; eine separate Abteilung beleuchtet den Anteil des Rotlicht-Geschäfts am Bruttosozialprodukt.

Der Preis für sexuelle Dienstleistung hat sich gar nicht so sehr verändert im Lauf der Zeit. Vor 400 Jahren, in der Ära des Tauschens, kostete Sex 15 Kilogramm Reis – was heute einem Gegenwert von ca. 25 Euro entspräche, die Kalorien nicht mitgerechnet.

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Foto: Oliver Holmes/Guardian

Chantawipa Apisuk unterstützt die Sex Worker, wie sie sich selbst nennen, und wehrt sich gegen das kollektive Urteil, in diesem Business würden die Frauen ausgebeutet. „Sie haben einen normalen Job, sie sind keine Opfer“, behauptet sie steif und fest. Ihr Feldzug ist eher einer, der oberflächliche, politisch korrekte Urteile mit einer Realität kontert, die viele gerne ignorieren würden.

All meine Weisheiten zu Chantawipas Museum beziehe ich aus einem lesenswerten Porträt im „Guardian“, das den Blick auf Bangkoks Nachtleben durchaus verändern kann.

Erotische Parks – in Chiang Mai und Pattaya

Erotic Garden Chiang Mai

Der Erotische Garten von Chiang Mai befördert die Lust an die frische Luft. Hausherrin Katai Kamminga verweist gerne und stolz darauf, ihr Park sei der einzige dieser Ausrichtung im Königreich.

Uthaiphan setzt seine Mission fort – auf Phuket

Mit dem Kamavijitra-Museum in Bangkok ist Uthaiphan Charuwattanakittis Ehrgeiz noch nicht gestillt. Vielleicht ist das Haus einfach nur zu klein für seine große Sammlung. Auf Thailands größter Insel Phuket, in einer der touristischen Hochburgen, plant Uthaiphan zusammen mit einem chinesischen Konsortium einen riesigen Komplex mit Boutique-Hotel, Einkaufszentrum, erotischem Museum und einem Haus für erotische Opern. Für die Premiere vorgesehen: Verdis „Aida und der Deckoffizier – eine Kreuzfahrt in vier Akten“.

Fotos: Oliver Holmes/The Guardian (2), Sacred Siam (2), B. Linnhoff (1)

Update am 28. Februar 2016 – Meldung in „Der Farang“: Erotik als Touristenattraktion