Interview, Teil 3: Wir brauchen Standards

Elephant Conservation Center

FF: Finden Sie es gruselig, wenn Elefanten in Camps für Touristen malen, Fußball oder Instrumente spielen? Manche Organisationen lehnen Arbeiten mit Elefanten sogar grundsätzlich ab.

Förster: Mit welcher Begründung? Weil Interaktionen mit Menschen schädlich sind für die Tiere? Woher wissen die Kritiker das, obwohl die meisten überhaupt keine praktische Erfahrung haben? Ich lebe seit dreißig Jahren mit Elefanten zusammen und ich weiß immer noch nicht, was im Kopf eines Elefanten vorgeht.

Ich beobachte sie täglich bei uns und sage auf Basis meiner Erfahrungen: Wenn die Tiere gut behandelt werden, schaden Interaktionen nicht. Grundsätzlich gilt: Elefanten zu beschäftigen ist besser als sie irgendwo beschäftigungslos herumstehen zu lassen, so lange die Aktivitäten nicht widersinnig sind. Natürlich ist Malen nicht artgerecht. Wenn aber das Geld der Touristen in ordentliche Behandlung fließt und ordentliches Futter, okay. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß oder Richtig oder Falsch. Wir brauchen unterschiedliche Konzepte, keiner hat die Wahrheit gepachtet.

FF: Was ist ‚widersinnig‘ für Elefanten?

Förster: Was sie in ihrem normalen Leben nie tun würden. Ein auf zwei Beinen stehender Elefant ist okay, schließlich deckt er auch auf zwei Beinen. Wenn er auf einem Bein stehen muss, ist das abartig.

FF: Müssen Haken sein?

Förster: Aus meiner Sicht ja. Im Normalfall dient der Haken den Mahuts und auch den Touristen dazu, die Elefanten zu leiten. Die Spitze wird zum Beispiel hinter die Ohren geführt, um den Tieren die Richtung vorzugeben. Das verursacht überhaupt keine Schmerzen. Wenn ein Elefant Anzeichen von Aggression zeigt, ist der Einsatz des Hakens ein Mittel, ihm zu zeigen: Bis hierher und nicht weiter! Ein domestizierter Elefant ist nicht wild, aber er ist auch nicht zahm. Er kann mühelos einen Menschen töten, und das weiß er. Der Haken dient also auch der Sicherheit von Mahut oder Tourist.

Zweifellos gibt es Fälle, in denen der Haken missbräuchlich eingesetzt wird. Missbrauch ist immer Menschensache. Du kannst mit einem Hammer einen Nagel in die Wand schlagen oder einen Menschen töten. In beiden Fällen kann der Hammer nichts dafür.

Es gibt Camps, die mit dem Slogan werben „Ohne Haken, ohne Ketten“ – mir wäre das zu riskant.

FF: Gilt für Reiseveranstalter – und auch Tierschützer – in vielen Fällen: „Gut gemeint ist nicht gut genug“?

Förster: So weit gehe ich nicht. Manchmal aber denken sie ein Thema nicht zu Ende. Die Veranstalter stellen sich hin und verlangen: ‚Wir wollen keine Kettenhaltung mehr für Elefanten!‘ Hallo?! Soll ich meine Tiere in den Pausen frei herumlaufen lassen? Und was ist mit den Bullen in der Musth, wenn sie voller Testosteron sind? Aktivisten fordern, dass keine Elefanten mehr im Zirkus auftreten sollen. Aber was passiert mit denen? Ich nehme die Knarre nicht in die Hand. Ich höre immer nur Forderungen, aber keine realistischen Lösungsvorschläge.

FF: Kürzlich hat ein dänisches Ministerium vier Zirkuselefanten gekauft und in Rente geschickt. Nun können sich dänische Zoos um die pensionierten Tiere bewerben.

Förster: Das ist doch mal etwas Konkretes! Da hat das Ministerium nicht nur lamentiert, sondern gemacht!

Roger Förster und Natalie Pla, Elephant Special Tours, Chiang Mai, Thailand

Natalie Pla und Roger Förster von Elephant Special Tours

FF: Sie lehnen also radikale Forderungen der Tierschutzaktivisten rundweg ab?

Förster: Buddha sagt: Der Weg der Mitte ist der Weg der Weisheit. Radikale Forderungen, radikale Umsetzung schaden eher als zu helfen. Wenn ich den Asiatischen Elefanten retten will, kann das nur in Kooperation mit Touristen klappen, die – so wie ich und alle unsere Mitarbeiter – von diesen Giganten fasziniert sind und darüber hinaus bereit sind, für ein elementares Erlebnis auch Geld auszugeben.

FF: Gibt es eine Möglichkeit, dass sich Reiseunternehmen, Tierschützer und Campbetreiber wieder annähern?

Förster: Wir brauchen Standards und Zertifikate, sie sind sogar sehr wichtig. Aber sie müssen von unabhängigen Fachleuten entwickelt werden. In Laos passiert das gerade. Dort diskutieren internationale und nationale Tierschutzorgansisationen, Campbetreiber, Reiseveranstalter, Elefantenbesitzer, Mahuts und unabhängige Experten über allgemeingültige Kriterien. Auf diesem Feld sehe auch ich mich in einigen Jahren, nachdem mein Sohn Roger nun die Führung der Camps übernommen hat.

Elefanten-Botschafter Bodo Förster

Elefanten-Botschafter Bodo Förster

FF: Ist eine positive Entwicklung überhaupt denkbar?

Förster: Als ich mit meinem Konzept vor 20 Jahren angefangen habe, gab es wie üblich Mahner zuhauf: ‚Das geht so nicht!‘ Erstens saßen die Gäste den Elefanten im Nacken wie Mahuts; zweitens bewegten wir uns in der natürlichen Umgebung der Tiere; drittens begegnete der Mensch dem Tier Auge in Auge, auf Augenhöhe eben. Keiner hat an mich geglaubt. Wir können also Dinge verändern, nur: Gebt uns mehr Zeit!

Nach einer Studie von Richard Lair gab es 1981 11.000 Arbeitselefanten in Thailand, heute gibt es noch 3.500 – dazwischen liegt das Verbot von Holzeinschlag in Thailands Wäldern, das die meisten Tiere arbeitslos machte und in den Tourismus trieb. Jetzt haben wir wieder wirtschaftlichen Druck und dazu den gesellschaftlichen. Seit etwa 4000 Jahren läuft der Elefant in menschlicher Hand, und nun sollen wir in einer Dekade die Grundlagen ändern. Das geht nicht, auch wenn es gute Gründe gibt für den Wunsch danach.

Förster-Interview (1) – Ja zum Elefanten im Tourismus
Förster-Interview (2) – Elefanten in Camps müssen Geld verdienen
Bericht auf SWR2 über den „Elefantenflüsterer in Thailand“