Interview, Teil 2: Das große Fressen kostet

Elephant Special Tours

Faszination Fernost: Herr Förster, wo sehen Sie die gravierendsten Veränderungen der letzten zwanzig Jahre in Ihrem Geschäft?

Förster: „Heute gibt es mehr Individualtouren, wie sie auch bei uns angeboten werden. Vor allem aber arbeiten die Elefanten mehr als früher. Morgens die normale Tour, nachmittags die Spezialtour. Das läuft meinem Grundgedanken von damals zuwider: Mit guten Einnahmen dafür Sorge zu tragen, dass die Tiere weniger arbeiten müssen.“

FF: Sind die Elefanten in den Camps heute überlastet?

Förster: „Es gibt immer mehr Camps, immer mehr Tiere werden gebraucht. Die Zahl der asiatischen Elefanten aber sinkt. Also züchten die Besitzer und Camps mehr als vorher. Die Preise für Elefanten sind gestiegen; früher war ein Kalb eine Last, weil die Mutter nicht zur Arbeit eingesetzt werden konnte, heute ist es eine Investition. Wenn die ausgewachsenen Tiere aber immer mehr arbeiten müssen, dann sind sie früher müde. Dann reagieren sie wie Menschen: Sie haben keine Lust, sie sind zu kaputt.“

Elephant Special Tours

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

FF: Kürzere Arbeitszeit bedeutet mehr Lust, und schon haben wir die Lösung?

Förster: Zumindest einen Teil der Lösung. Ja, wir brauchen mehr Ruhepausen für den Elefanten. Keine Sieben-Tage-Woche. Zwei Monate im Jahr muss er Ruhe haben. Auch wenn er dann kein Geld einbringt und nur frisst und kostet. Aber in der aktuellen Situation reicht diese Maßnahme nicht, da wünschen wir uns weitere Änderungen.

FF: Welche?

Förster: Um vernünftig zu züchten, brauchen wir eine landesweite Koordination. Das Elephant Conservation Center in Lampang könnte diese Aufgabe leisten, zusammen mit dem angeschlossenen National Elephant Institute. So lange jeder für sich züchtet, werden die zuchtfähigen Bullen in Thailands Süden verkauft und fallen damit für eine strukturierte Zucht aus. Früher sind die Elefanten aus den Camps in der Trockenzeit in ihre Heimatdörfer gelaufen, wo vier Bullen zum Decken bereit standen. Heute sind diese Bullen nicht mehr da.

FF: Wie realistisch ist Ihr Vorschlag?

Förster: Das werden wir sehen. Erst einmal muss man diesen Ansatz formulieren.

Elephant Conservation Center Lampang

Das Elephant Conservation Center in Lampang nahe Chiang Mai (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Faszination Fernost: Was schlagen Sie an weiteren Veränderungen vor?

Bodo Jens Förster: Eine Verlagerung der Futtermittelsituation in Thailand. Der erwachsene Elefant frisst nun mal seine 250 Kilogramm Pflanzliches am Tag, in der Natur fast nur Bambus, dazu Holzartiges, Rinde, Wurzeln; im Süden Thailands mehr Elefantengras, Mais, Ananasstrünke – ein Futter, das teilweise voller Fertilizer und Pestizide ist. Ein Tier frisst normalerweise 20 Stunden am Tag. Pflanzen haben weniger Energie, also muss es mehr davon fressen.

Für unsere Camps haben wir eine Lösung gefunden. Den Farmern sagen wir: Baut nicht Mais an oder Reis, liefert uns Heu. Sie vertrauen mir, wir geben im Jahr 30 000 Euro allein für Heu aus. Eine Tonne Heu kostet in Deutschland 100 Euro, in Thailand aber umgerechnet 180, weil es weniger Heu gibt. In Nordthailand Gras anzupflanzen ist nicht so einfach. In der Regenzeit wird es nicht trocken, und in der Trockenzeit wächst nichts, da ist es zu heiß. Die anderen Camps scheuen Investitionen, wie wir sie machen.“

Bodo Foerster Elephant Special Tours

Bodo Jens Förster (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

FF: Da ist es doch ein Grund zur Freude, dass Ihre Camps bei den Reiseveranstaltern hoch im Kurs stehen und Konkurrenten gestrichen werden.

Förster: Das ist überhaupt keine Lösung des Problems. Ein Elefant muss Geld verdienen, nicht nur in unseren Camps. Nachhaltigkeit geht nur über Finanzierbarkeit. Meine Mahouts sind krankenversichert, das gibt es vielleicht in fünf Prozent der Camps in Thailand. Aber auch die nicht ‚zertifizierten‘ Camps werden weiter existieren, denn die Zahl der chinesischen Besucher wächst immens. Denen sind die Bedingungen für die Elefanten egal, weil sie dafür kein Bewusstsein entwickeln konnten. Eine Sensibilisierung von mehr als einer Milliarde Menschen kann man nicht erwarten.

FF: Warum können sich die Reiseveranstalter mit dieser nüchternen Sicht nicht anfreunden?

Förster: Die Reiseveranstalter wollen durch Festlegen bestimmter Kriterien wirtschaftlichen Druck ausüben, damit die Campbesitzer sich zu diesen Kriterien bekennen. Der Gedanke ist gut, aber nicht praktikabel. Es ist ein Gedanke, der in den Gehirnen von Westlern entstanden ist. Aber von zehn Touristen hier sind nur zwei aus dem Westen, der Rest kommt aus Asien. Zudem könnten die Veranstalter mal überlegen, dass manches Camp mehr in zielführende Maßnahmen investieren würde, wenn die Veranstalterprovision von 22 Prozent für jeden gebrachten Touristen geringer wäre oder ganz entfiele.

Elephant Conservation Center

Elephant Conservation Center (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

FF: Finden Sie es gruselig, wenn Elefanten in Camps für Touristen malen, Fußball oder Instrumente spielen? Die Organisation WAP (World Animal Protection) lehnt Arbeiten mit Elefanten sogar grundsätzlich ab.

Förster: Keine Ahnung, was die für Antworten haben. Grundsätzlich gilt: Elefanten zu beschäftigen ist besser als sie herumstehen zu lassen, so lange es nicht widersinnig ist. Ich finde manches gruselig. Wenn aber das Geld in ordentliche Behandlung fließt und ordentliches Futter, okay. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß oder Richtig oder Falsch. Wir brauchen unterschiedliche Konzepte, keiner hat die Wahrheit gepachtet.

FF: Was ist ‚widersinnig‘ für Elefanten?

Förster: „Was sie in ihrem normalen Leben nie tun würden. Ein auf zwei Beinen stehender Elefant ist okay, schließlich deckt er auch auf zwei Beinen. Wenn er auf einem Bein stehen muss, ist das abartig. Der mittlerweile verstorbene Verhaltensbiologe Fred Kurt hat dies mal in einem Interview mit der ‚WELT‘ sehr klar gemacht. Ich habe nicht alle seine Ansichten geteilt, aber diese auf jeden Fall:

Zitat: „Die meisten Trainer haben keine Ahnung, was man Elefanten körperlich zumuten kann. Von einer Kuh mit drei Tonnen Gewicht kann man keinen einarmigen Handstand verlangen. Die Nummer hält sie ein paar Wochen durch. Danach kann sie nur noch im Stehen schlafen, weil sie aus dem Liegen nicht hochkommt. Auch der größte deutsche Zirkus, der Circus Krone, hat das Problem, dass seine Elefanten auf arthritischen Füßen stehen. Wir haben sie immer körperlich überfordert. Das ging los mit den Römern. Die Türme, die sie ihren Kriegselefanten aufgeladen haben, waren viel zu schwer.“ Zitatende

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Türme der Römer

Fotos: B. Linnhoff, Civilization Forum (1)

Förster-Interview (1) – Ja zum Elefanten im Tourismus
Förster-Interview (3) – Ich nehme die Knarre nicht in die Hand