Die Spenden des Tages

Sayagyi U Shein gilt als reicher Mann. 14 Autos und drei Häuser soll er besitzen. Doch er heilt in einem recht bescheidenen Ambiente. Spirituell-buddhistisch-animistisch, das ganze Programm. An den Wänden Fotos des Schamanen mit buddhistischen, militärischen, akademischen Würdenträgern. Seine Mitarbeiter wuseln geschäftig umher. Und das ist es ja auch, ganz nebenbei: ein Geschäft.

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Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Obwohl U Shein für die Behandlung kein Honorar verlangt. Jeder gibt, was er will oder kann. Vor dem zweistöckigen Haus steht eine Schiefertafel, auf der mit Kreide die Spenden des Tages festgehalten werden. Beeindruckend, es ist ja noch früh am Morgen.

Der alte Herr ist fit. Jedes Bein ein knorriger, kraftstrotzender Ast. Der Blick klar, hellwach, durchdringend. Er nimmt, so heißt es, selbst 20 Kügelchen mit Goldasche am Tag. Zehn Stunden, so erzählt er uns nach der Begrüßung, sitze er jeden Tag auf dem Boden und versuche zu heilen: „Ohne müde zu werden.“ Nur die Reisen erspare er sich nun. Wir sind gleichwohl angemessen beeindruckt.

U Shein Yangon

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

„Schon bei seiner Geburt war erkennbar, dass es sich um ein außergewöhnliches Kind handelt, denn sein Gesicht war bedeckt mit einer dünnen weißen Membrane. Dies ist … ein deutliches Zeichen dafür, dass ein besonderer Mensch, ein zukünftiger Heiler und Schamane, geboren wurde. 20 Jahre diente er in Burmas Armee, wurde mehrfach verwundet, konnte schließlich seine Finger nicht mehr bewegen. Doch dann hatte er einen Traum, in dem ihm seine Schwester aus einem früheren Leben erschien…“

So steht es in seiner Biografie.

U Shein fragt, woher wir kommen. „Ah, Deutschland! Dort war ich schon einige Male. Auch da gibt es Menschen, denen ich helfen konnte. So wie in Österreich. Es ist noch gar nicht lange her, dass meine Medizin dort eine Frau vom Krebs geheilt hat.“ Stolz verweist er auf seine goldene Armbanduhr: „Das war der Dank.“

Wir sitzen dem Schamanen gegenüber und versuchen, geschmeidig zu bleiben.

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Im nächsten Moment wirft uns U Shein eine Mappe nach der anderen vor die Füße. Referenzen aus aller Welt! Dankesschreiben! Zeugnisse! Rezepte.

Seltsam. Als müsse er uns erst noch überzeugen.

Eine der Mappen enthält nur Namen. Unter vielen einer, den ich kenne: Clemens Kuby. Für sein Projekt „Unterwegs in die nächste Dimension“ reiste der Dokumentarfilmer um die Welt, besuchte Alchimisten, Geistheiler, Schamanen und porträtierte sie. Auch Sayagyi U Shein. Das Buch habe ich vor einigen Jahren mit großem Interesse gelesen, die DVD liegt bei mir im Regal, Kubys Dokus liefen schon im deutschen Fernsehen.

Ein Lippenstift? Metall!

Und nun: Showtime! Der Übersetzer leitet U Sheins Frage auf Englisch an uns weiter. Warum wir hier seien, will der Gastgeber wissen.  Ich deute auf meinen Bruder und sage: „Muskelprobleme in den Beinen.“ Der Schamane weist ihn an, das T-Shirt auszuziehen. Walter und ich schauen uns an. „Für die Beine?“ fragt Walter. Aber schulmedizinische Ansätze haben ja bis dato versagt.

Den schamanischen Ansatz wird U Shein nun auf die Spitze treiben. Er hat einen kleinen Stift in der rechten Hand, eine Art Lippenstift. Allerdings aus Metall, auch die sehr spitze Spitze. Die bohrt er meinem Bruder ansatzlos in die linke Brustwarze. Ebenso ansatzlos liegt Walter quer in der Luft, reines Entsetzen in den Augen. Neue Eindrücke sind eben doch stärker als Vertrautes. Nur Schock und gute Erziehung verhindern, dass mein Bruder dem Schamanen einen linken Haken verpasst.

(Was er später weit von sich weisen wird. Er sei schließlich Rechtshänder).

U Shein lässt los, mein Bruder kehrt zur Erde zurück. „Die Herz-Seite ist in Ordnung“, verkündet der Heiler ohne erkennbare Regung. „Muss ich jetzt feiern?“, flüstert Walter, das Gesicht zu einem Grinsen verzerrt. Doch da saust der Stift auch schon in die rechte Brustwarze. Und wieder straft das Opfer die Schwerkraft Lügen. Der Hausherr schüttelt nachdenklich den Kopf, die rechte Körperseite gefällt ihm nicht so. Mein Bruder pumpt. Und ich habe ein schlechtes Gewissen.

Ende der Behandlung. So plötzlich, wie sie begonnen hat. Walter ist erleichtert. U Shein empfiehlt ihm überraschenderweise Goldasche und ein spezielles Heilöl. Wir kaufen ein für hundert Dollar, für mich mit. Denn wir wollen trotz allem wissen, was die Goldasche so kann. Der stabile Tresor nicht weit von uns entfernt wird die Scheine schon verkraften.

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Der Tresor (rechts) – für die Tageseinnahme (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Beim Mannschaftsbild mit Schamane (siehe „Titelbild“) sperrt sich mein Bruder erfolgreich gegen ein versöhnliches Lächeln. Zu tief sitzt immer noch der Schock. Auch Kaffee, Kuchen und frisches Obst stimmen ihn nicht heiterer. Derweil behandelt U Shein bereits den nächsten Gast, einen etwas schwermütigen Mann mittleren Alters. Seine Frau oder Freundin schildert schüchtern die Beschwerden ihres Begleiters, der ein wenig dem jüngeren Muhammad Ali ähnelt.

Wir verabschieden uns, die Medikamente im Gepäck. Walter atmet wieder normal. Er will nun „zu diesem Markt in der Stadt, wo es alles gibt. Wie heißt der noch?“ „Bogyoke-Markt“, antworte ich, „warum?“ „Neue Nippel kaufen.“

Vier Wochen lang haben wir nach dem Gastspiel beim Schamanen seine Medizin nicht angerührt. Dann siegte die Neugier. Fünf Tage lang staunten wir über eine angeregte Verdauung. Dann beendeten wir das Experiment. Wir zweifeln nicht an den Fähigkeiten des Heilers. Für meinen Bruder aber war er nicht der Richtige.

Unser Besuch liegt schon ein wenig zurück. Bevor ich die Geschichte heute, am 4. Mai 2015, für diesen Blog schreibe, vertiefe ich mich noch einmal in den aufregenden Lebenslauf des burmesischen Weisen. Er ist tot, lese ich. Doch noch über den Tod hinaus gibt er uns Rätsel auf. Denn so stand es tatsächlich in seiner Biografie: Dr. Sayagyi U Shein ist im November 2015 im Alter von 89 Jahren gestorben.

Das allerdings entpuppte sich als Druckfehler. 2014 sollte es heißen.

Seine Enkelin führt nun die Arbeit ihres Großvaters fort.

Teil 1: Termin beim Schamanen: Goldasche in Yangon
Teil 3: Last minute: Blaues Auge in Yangon
Teil 4: Im Himmel über Bagan