Verliebt in eine Fassade

Liebe auf den ersten Blick ist, das liegt in der Natur der Sache, eine Ode an die Optik. Ich habe mich in eine Fassade verliebt. Verzeihlich beim Anblick einer aufregenden Frau, eher selten bei der Auswahl eines Hotels. In beiden Fällen ohne Gewähr.

Vor einem Jahr saß ich im ersten Stock des angesagten Burger-Braters „Potato Head“ in Chinatown und schaute durchs Fenster auf die warm schimmernde Front des Hotels Naumi Liora. Und ich beschloss: „Dort werde ich wohnen bei meinem nächsten Singapur-Trip.“

Potato Head Singapur

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Nun, Anfang März 2016, lockte das Singapore Jazz Festival. Vor der Buchung des Hotels hätte ich Freunde am Ort fragen können. Doch mir reichte ein hastiger Blick auf die Tripadvisor-Urteile zum „Naumi Liora“: „Die Zimmer könnten ein wenig größer sein“, so der Tenor.

Schwarmintelligenz? Für mich klang es eher nach Erbsenzählerei.

Ich buchte das Naumi Liora auf der Direttissima, über die offizielle Homepage. „Seeing is believing“ hieß es dort, ein virtueller Geniestreich, das erkenne ich neidlos an – die 3D-Fahrten durch die Zimmer suggerierten Weite und Tiefe.

Nun leiste ich Abbitte bei Tripadvisor.

Ein Zimmer der kurzen Wege

Wir kamen rein und standen schon am Fenster. „Verlaufen werde ich mich hier nicht“, sagte meine Freundin Toey, „aber wo kann ich hin, wenn ich dich mal leid bin?“ Also buchte ich zum Zimmer der Kategorie „Liora Quaint“ überstürzt noch einen Balkon hinzu. Ohne ihn mir vorher anzuschauen. Für 60 Sing-Dollars extra, Rabatt schon reingerechnet. Anfänger, ich.

Hotel Naumi Liora Singapur

Zwar war der Balkon deutlich größer als das Zimmer, doch das ausgesucht originelle und kreativ platzierte Mobiliar trieb Toey schnell wieder zurück ins Mini-Gemach. Dort bewegten wir uns tagelang ähnlich vorsichtig wie Igel beim Akt. Wenn wir Auslauf benötigten, gingen wir hinunter in die Lobby. (Sind Selfies eigentlich gesund fürs Gesicht?)

Fürs Zimmer (und den heimeligen Balkon) zahlten wir 170 Euro die Nacht. Denn Preis-/Leistungsverhältnis wird hier anders definiert. Weil:

Seit 2014 ist Singapur die teuerste Stadt der Welt, wie die britische Analyse-Firma „Economist Intelligence Unit” in diesen Tagen bestätigte. Immer wieder verblüfft der Stadtstaat mit der staunenswerten Fähigkeit, aus natürlichem Platzmangel künstliche Attraktionen zu zaubern und unnatürlich viel Profit.

So gesehen ist das „Naumi Liora“ Singa pur.

Update 3. 11. 2017: Die 3D-Fahrt durchs Zimmer gibt es nicht mehr auf der Homepage, ebensowenig das Motto „Seeing is believing“. War vielleicht doch ein bisschen dick aufgetragen

Singapore Chinatown

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Kurz vor der Abreise habe ich sie mir noch mal angeschaut, die Fassade unseres Hotels, diesmal bei Tageslicht. Die hat was, oder?