Endstation Sehnsucht

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Wie oft schon haben uns diese Fotos den Kopf verdreht gen Osten, nach Myanmar – die Schatten der Ballons auf den Tempeln von Bagan, im Licht der aufgehenden Sonne. „Da muss ich hin“, murmelte mein Bruder Walter dann. Nun sind wir da.

320 Dollar pro Person kostet das Abenteuer „Balloons over Bagan“ – ein ansehnlicher Betrag für eine Stunde heißer Luft. 16 Menschen passen in den Korb – plus Fahrer. Die Saison ist kurz: Nur von November bis Anfang April lässt Burmas Wetter Ballonfahrten zu, und auch da kann es vorkommen, dass Regen oder Sturm ein elementares Veto einlegen – das Geld gibt`s dann vom Veranstalter Eastern Safaris problemlos zurück. Einen gelungenen Sonnenaufgang aber kann niemand garantieren.

Um fünf Uhr morgens werden wir abgeholt, es ist frisch und der Drang zu gähnen größer als die Vorfreude. Mit jedem Schuss Helium in die zunächst recht schlapp darnieder liegenden Ballons wachsen Respekt und Anspannung.

Realität schlägt Vorstellungskraft

Mir fehlt die Gabe, die nächsten siebzig Minuten in ihrer Intensität und Vollkommenheit adäquat zu schildern. Die Erinnerung daran aber wird nie auch nur verblassen. Wir steigen langsam und stetig, der Korb lässt allen Platz für prächtige Sicht, 16 Menschen fotografieren, lassen die Kameras sinken, schweigen; einige kämpfen mit den Tränen, erfolglos meist.

Sonnenaufgang Ballonfahrt Bagan

Im Ballon über Bagan

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Auch dem schönsten Video, dem perfekten Foto fehlt in unserer Ära der Bilderschwemme die Dimension der Gefühle. Betrachten heißt nicht: Erleben. Erst recht, wenn die Realität jede Vorstellungskraft übertrifft. Nichts gegen Facebook, nichts gegen Instagram oder Youtube – aber das Leben findet draußen statt.

Unsere Busse folgen uns mit Mühe auf der Sandpiste, denn wechselnde Winde treiben die Ballons auch mal in Regionen abseits der angepeilten Ziele. Mit diesen Bussen, die Sitze dünn gepolstert, die Federung hart, kurvten einst Englands Kolonialherren durchs Land; in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, als ein gewisser George Orwell als Polizeioffizier diente, den Dienst quittierte und als Schriftsteller seine „Tage in Burma“ beschrieb – ein Buch, dessen deutsche Ausgabe ich neben dem Ananda-Tempel entdeckte.

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Einer unserer Ballons wird tatsächlich vom Winde verweht; auf uns hingegen warten nach sanfter Punktlandung fröhliche Souvenirhändler und ein Sektfrühstück. Gelobt sei der gute Wille, aber dafür wir sind noch nicht bereit. Auch heiße Luft kann satt machen, über den magischen Tempeln, im Himmel von Bagan.

Fotos: Faszination Fernost/Bernd und Walter Linnhoff, Balloons over Bagan (2)

Die Vorgeschichte:

Termin beim Schamanen: Goldasche in Yangon (1)
Goldasche in Yangon (2): Mein Bruder schwebt
Last minute: Blaues Auge in Yangon