Weniger Bangkok Noir, mehr Moderne

Mama Noi Bangkok

Bill Gates postet ein Foto auf Instagram.  Mama Noi ist tot. Und wo sind all die Blumen hin, wo sind sie geblieben?

Was hat das alles mit Bangkok zu tun? Eine Menge.

Bill Gates war in der Stadt und hat ein Foto auf Instagram gepostet. Mit all dem Oberleitungschaos, für das Bangkok berüchtigt ist. Für mich waren die Knäuel immer das treffendste Symbol für Thailands Hauptstadt:  Ein oft unentwirrbares, heillos verknotetes und doch funktionierendes Chaos. Verführerisch, an den losen Enden gefährlich, manchmal tödlich auch.

Skyline Bangkok

Skyline Bangkok (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Bangkok mag laut sein, überdreht, animierend, hart, aber herzlich. Auf keinen Fall: Cool, politisch korrekt, überreguliert, verzagt. „Hier brennt die Luft“, habe ich gedacht, als ich 2008 dorthin zog.

Es hat abgekühlt seither. Manches von dem, was Luft und Menschen zuvor erhitzte, wird gerade platt gewalzt. Begraben unter Apartment-Hochhäusern und Hotels, den Kathedralen des schnellen Profits. Heißer denn je sind nur die Immobilienpreise.

Mama Noi BangkokEnde Januar starb Mama Noi. Ein Menetekel: Das alte Bangkok geht dahin. Vor fünfzig Jahren kam Noi  in die Stadt der Engel. Ein wunderhübsches Landei, das im „Starlight Club“ Weltstars wie Bing Crosby und Bob Hope den Kopf verdrehte.

Mama Noi war die einzige Konstante im ältesten Nightclub der Stadt. Die Mutter der Kompanie. Ihr Arbeitsplatz, der zuletzt unter „Check Inn 99“ firmierende Nightclub, musste vor wenigen Tagen schließen. Obwohl das Etablissement bei TripAdvisor zu den „Top 20 versteckten Juwelen der Welt“ zählte.  Kein Sonntagsjazz mehr, keine Lesungen mehr, kein Treffen der Bangkok-Autoren Christopher G. Moore, John Burdett, Kevin S. Cummings. Nun ist dort Ruhe. Und Platz für ein Hotel. Noch ein Hotel.

Jede Metropole verändert sich. Aber keine so rasant wie Bangkok. Eine Weltstadt heute. Mit phantastischen Hotels, Restaurants, Bars jeder Couleur, mit kulturellen und architektonischen Landmarken. Schmelztiegel vieler Ethnien, bevölkert mit lebenslustigen Besuchern und freundlichen Gastgebern. Und bei aller Weltläufigkeit immer auch unverwechselbar ASIEN.

Was wird davon bleiben?

Kürzlich stand ich in der Thonglor Road vor einem Wellblechzaun. Wenige Wochen vorher hatte ich hier noch das Fat Gut`z besucht, meine Lieblingsbar, Spielfeld mitreissender Live-Musiker wie Keith Nolan. Von einem Wellblechzaun kannst Du keinen Bluesrock erwarten, das liegt nicht in seiner DNA. Nun tönt dort Heavy Metal – der Pressluftbohrer.

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Pak Khlong Talat (Foto: Bangkok Premium)

Weitere Einträge auf der Vermisstenliste: Pak Khlong Talat – mit über 1 600 Händlern einer der grössten Blumenmärkte der Welt. Abgerissen, um die Bürgersteige wieder frei zu machen für Fußgänger. Ergebnis: Ein menschenleeres, depressives Fleckchen Beton. Verschwunden auch: Die populären Garküchen an der Sukhumvit 38.

Garküchen Sukhumvit Soi 38 Bangkok

Garküche Sukhumvit Soi 38 (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

In wenigen Tagen, zum 1. August 2016 wird es am Siam Square und in der Ratchadamri Road keine Strassenhändler mehr geben. Auch die gewachsene Gemeinde am historischen Mahakan Fort soll umgesiedelt werden und einem Park weichen – das Areal gehört der Stadt.

Im März 2017 ist Schluss für die völlig verrückte Cheap Charlie`s Bar, allabendliche Abschussrampe für die Besucher der Partymeile Sukhumvit Soi 11. Mit dem „Billigen Jakob“ verabschieden sich die angrenzenden Lokale The Alchemist, Snapper New Zealand, Charley Brown`s, Tapas  Café. In bester Innenstadtlage werden sie duch ein Hotel ersetzt oder einen Apartmentkomplex. Was auch sonst?

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Cheap Charlie`s (Foto: Bangkok Coconuts)

Zugestanden, es sind bevorzugt Nostalgiker, die Bangkoks Wandel beklagen. Ausländer, die hier leben. Old habits die hard. Asiaten schauen generell eher nach vorne, probieren Neues aus. „Alt“ ist für sie eher ein Synonym für rückständig. Thailands Militärregierung will Bangkok nach dem Vorbild Singapurs modifizieren, so heißt es. Die Kanten und Ecken der Stadt werden geschliffen. Weniger Bangkok  Noir, mehr geordnete Moderne, gebremster Schaum.

Bangkoks Zentrum wird zu teuer

Der Trend geht einher mit schleichender Gentrifizierung. Auf Deutsch: Für den Normalverbraucher wird Bangkoks Zentrum zu teuer. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen sowieso und allüberall. An den Werbeplaketen sollt Ihr die Zukunft erkennen:

Eines preist „super luxury condominiums“ an. Wer auf der Website Näheres erfahren will, muss Name, Mailadresse und „Budget“ angeben – so wird die Spreu vom Weizen getrennt. Eines der neuen Apartment-Hochhäuser trägt gleich die Zielgruppe im Namen. „The Rich“. Eröffnet wurde es mit einem „VVIP Day“. Für  die Very Very Important Persons. Wenn diese überaus Wichtigen im eleganten „EM Quartier“ einkaufen, können sie ihren Lambo oder Ferrari jetzt im Sektor „Supercars“ parken.

Was bedeutet die jüngste Entwicklung für den Tourismus? Wenig bis nichts, vermutlich. Der Ruf des Königreichs als sichere Destination bleibt unangetastet. Thailands Tourismusbehörde TAT meldet Jahr für Jahr neue Rekorde, für die Hauptstadt, fürs ganze Land. 36 Millionen Ausländer erwartet man in 2017, der Anteil der Chinesen dürfte dann bei zehn Millionen liegen.

160718_Check_Inn_99_neuBesucher aus dem fernen Westen werden in Bangkok nicht vermissen, was sie nie gekannt haben. Die Gäste aus den asiatischen Nachbarländern  aber werden den Wandel lieben. Allen voran die Chinesen – der Besuch von hippen Einkaufszentren und Restaurants gilt gerade den neuen Mittelschichtlern als Beleg für sozialen Aufstieg.

Bleiben wir nüchtern: Aus dem Alten kann auch Neues entstehen. Das Fat Gut`z hat bereits eine neue Bleibe gefunden, das Check Inn 99 ebenfalls, unverändert gut besucht in nun zeitgemäßem Ambiente. Doch werden hier noch einmal Legenden des Nachtlebens geboren?

Mit neuen Restaurant-Malls, Wohlfühlzentren für Feinschmecker, ist Bangkok nun vielleicht sogar Trendsetter. Für die, die es sich leisten können.

Die überraschendste, ganz frische und zweifelsfrei erfreulichste Pointe des Wandels: Selbst die Oberleitungen müssen verschwinden.

Dem Besuch von Bill Gates folgte wenige Tage später die Anordnung des thailändischen Ministerpräsidenten Prayut Chan-o-cha, innerhalb von fünf Jahren alle elektrischen Leitungen unter die Erde zu bringen. Was so ein Instagram-Foto doch bewirken  kann – wenn es von einem VVVVIP wie Bill Gates gepostet wird.

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Foto: Bill Gates/Facebook