Willkommen im Jahr der Askese

Auf dem Rückflug von Deutschland nach Thailand lese ich Martin Suters Buch „Abschalten“, es wird ein Omen sein. In gewohnter Brillanz schildert Suter am Beispiel der (Schweizer) Manager-Kaste deren Unfähigkeit, sich im Urlaub auf Frau, Kinder, Strand und Nichtstun einzulassen und Firma sowie Kommunikationskanäle loszulassen. Ich bin auf dem Weg zur Insel Koh Kood, auf dem Weg zur totalen Entspannung. Ich bin kein Manager und habe weder Frau noch Kinder noch eine Firma – da ist also nichts, auf das ich mich einlassen müsste. Und loslassen müsste ich nur die Kommunikationskanäle – genau an denen hänge ich allerdings.

140102_1 Koh Kood Flughafen

Erste Station: Der schnuckelige Flughafen von Trat (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Zum Jahreswechsel erwische ich via Telefonbuchung die letztmögliche Unterkunft: Montana Hut, umgerechnet 22 Euro pro Nacht. Die Unterkunft sei recht abgelegen, sagt man mir, und das benachbarte Khlong Hin Beach Resort am gleichnamigen Strand fest in russischer Hand. Letzteres stört mich nicht, die Lage aber erfordert eine neue Defintion des Begriffs „recht abgelegen“. Noch weiß ich nicht, dass hier letztlich alles abgelegen ist, zunächst einmal das Eiland selbst.

140102_2 Koh Kood Ao SaladKoh Kood Princess heißt die Fähre, die gut eine Stunde braucht vom Festland nahe Trat bis zum Pier von Ao Salad, einem Fischerdorf auf Stelzen. Der Ankunft folgt eine 40minütige Hügel- und Talfahrt mit umgebautem Pick-up auf der Ringstraße der Insel, ehe wir noch einmal 15 Minuten über Stock und Stein zum Quartier holpern. Montana Hut: Fünf kleine Bungalows, an einer Lagune gelegen. Silvester: Der Rest des letzten Tages des Jahres liegt vor mir. Anfangen mit Abschalten.

 

140102_3 Koh Kood Montana Hut

Abschalten kann ich gut, von jetzt auf gleich. Vor allem dann, wenn genügend Lesestoff in Griffweite liegt. Dazu habe ich den Rechner dabei, über Monate gespeicherte Internetlinks wollen angeklickt und ihre Inhalte gelesen werden.

Das Mobiltelefon ist nun ausgeschaltet, die Welt also außen vor, eine stabile Internetverbindung, mehr brauche ich jetzt nicht. Internetzugang aber ist rar auf Koh Kood, so lerne ich, und in meiner Hütte bleibt er reine Illusion. Die nächste kalte Dusche ist jene im Bad. „Nächstes Jahr“, verspricht die bemühte Eigentümerin Tum, „haber wir WiFi und warmes Wasser.“ „Das ist ja schon morgen“, sage ich. Tum lächelt auf diese subtile, leicht zweifelnde Art, mit der die Thais manchmal Ausländer anstaunen. „Komische Leute seid Ihr“, sagt dieses Lächeln, „aber wir halten das aus.“

Ich setze meine Kopfhörer auf, um mich meinem Blues auch musikalisch zu ergeben, alle Nebengeräusche bleiben außen vor. Als ich die Kopfhörer wieder absetze, fällt mir auf, dass es keine Nebengeräusche gibt. Koh Kood ist nicht ruhig, sondern still. Nirgends sonst war ich meinem Tinnitus so nahe.

Mangels Alternative gehe ich an diesem denkwürdigen Silvesterabend sehr früh zu Bett, mangels Alternative mit Philippe Djians Roman „Wie die wilden Tiere“. Ein größerer Gegensatz zwischen Fakt und Fiktion lässt sich in diesem Moment nicht denken. Russische Raketen reißen mich aus dem ersten Schlaf, ein Feuerwerk am gerade mal 30 Meter entfernten Traumstrand empfängt 2014 standesgemäß. Meine Hoffnungen auf eine erholsame Nacht zerschlagen sich anschließend an der knüppelharten Matratze; am Morgen benötige ich gut sieben Minuten, um mich aufzurichten. Ein Kickstart ins Neue Jahr sieht anders aus.

„Wie hast du geschlafen“, fragt Tum beim Frühstück. „Schlag noch ein paar Nägel in die Matratze“, sage ich, „2014 ist das Jahr der Askese.“ Nun muss ich ihr den Begriff Askese erklären. Danach bringt sie eine weiche Decke, die auf die Matratze gelegt wird und die folgenden Nächte erträglicher machen soll. So langsam freunde ich mich an mit Koh Kood.

Koh Kood (2) – Thailands letzter Inselschatz?
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Von Koh Kood nach Koh Chang

Externer Link:

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