Ein Sehnsuchtsort wie Shangri-La

Kipling`s Bar in Mandalay

Mythos Mandalay. Eine Ahnung von fremden und fernen Reizen. Ein Sehnsuchtsort wie Shangri-La. In Liedern und Gedichten so oft gewürdigt und besungen wie New York, Paris, Berlin. Von berühmten Künstlern. Die alle eins verbindet: In Mandalay waren sie nie.

Aber ich. Keine große Sache. Mandalay, gelegen im Zentrum des heutigen Myanmar, läuft für mich unter Nachbarschaft. Gerade mal anderthalb Flugstunden entfernt von meinem Wohnort Chiang Mai im Norden Thailands.

Schon lange wollte ich den Mythos selbst erleben und an der Realität messen. Dann dachte ich: Welchen Mythos überhaupt? Mandalay ist ein ganz realer Ort, anders als das fiktive Shangri-La irgendwo im Himalaya, wo Menschen das Paradies winkt, weil sie die Zivilisation und ihre Hast und Bürden hinter sich gelassen haben.

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Mythos Mandalay: Mit Rudyard Kipling fing alles an. Der britische Schriftsteller dichtete die Stadt ins Bewusstsein der Welt. Er war zwar nicht dort, aber im Gegensatz zu späteren Epigonen zumindest mal in Burma. 24-jährig, sein „Dschungelbuch“ war noch nicht geschrieben, reiste Kipling per Schiff von Indien nach London, im Frühjahr 1890. Bei einem ungeplanten Zwischenstopp in Moulmein, dem heutigen Mawlamyine, inspirierten ihn Burmas schöne Frauen zu einem Klassiker: The Road to Mandalay.

Und so fing es an, das Gedicht, in der deutschen Übersetzung:

160529_Burmesin_MythosBei der alten Moulmein-Pagode,

Ostwärts zum Meer blickend

Sitzt ein Burma-Mädchen

Und ich weiß: sie denkt an mich.

Denn der Wind weht durch die Palmen

Und die Tempelglocken rufen mir zu

Komm zurück, Britischer Soldat

Komm zurück nach Mandalay

Wo einst die alte Flotte lag.

Kiplings „Road to Mandalay“, das ist Burmas große Wasserstraße, der Ayeyarwaddy oder Irrawaddy, der „rutschige, schwammige Fluss“. Elefanten stapeln Teakholz, das Mädchen „nennt sich Supi Yaw Lat“, „ihr Petticoat war gelb und grün ihre Mütze.“

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Und das ist die ganze Geschichte: Boy meets Girl. Ein Schuss Exotik, ein Spritzer Erotik, fertig. Ein Anfang vielleicht, aber ein Mythos?

Womit niemand rechnete: Berühmte Musiker wandelten auf den Spuren des Originals. Bis heute. Frank Sinatra sang in „The Road to Mandalay“ noch eng am Originaltext entlang. Bei Robbie Williams schafft es Mandalay nicht nur in den Songtext, sondern sogar in den Titel: „Road to Mandalay“. Warum, kann ich nur vermuten. In den kryptischen Liedtext hätte auch jede andere Straße gepasst. Mandalay geht irgendwie immer: Hat jeder schon mal gehört, kann keiner was mit anfangen, klingt gut, macht nix kaputt – verkauft sich.

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Daher haben sich, wie Wikipedia weiß, neben Frankie-Boy und Robbie noch andere Musiker mehr oder weniger sinnvoll an diesem Ort versucht:

Kurt Weill – Der Song von Mandalay

Daniel Lavoie – High road to Mandalay

Blackmore’s Night – Way to Mandalay

Colin Hay – Road to Mandalay

Electric Light Orchestra – Mandalay

The Eagles – Long Road Out Of Eden

Midnight Oil – Mountains of Burma

Elton John & Leon Russel – Mandalay Again

Und Erdmöbel. Eine deutsche Band, wie ich jetzt erfahren habe. Titel, na klar: „Der Weg nach Mandalay“. Wobei Erdmöbel einen eher zeitgenössischen Einstieg wählt:

Hilf mir aus dem Meer an Land

Schlag mich zusammen auf dem Strand

Was für ein süßer Schicksalsschlag

So ein schöner Urlaubstag

Doch selbst Erdmöbel trägt so dazu bei, dass der Begriff „Mandalay“ nicht aus der Mode kommt und seine diffuse Faszination behält.

Reality-Check

Moench Mandalay

Mönch auf der U Bein-Brücke von Mandalay nach Amanapura

Dem realen Mandalay spielt diese vage Faszination natürlich ins PR-Konzept. Die Touristen kommen, seit der Öffnung Myanmars mehr und mehr, angezogen von einem Mythos, den sie nach Ankunft gar nicht mehr benötigen. Schön ist Myanmars zweitgrößte Stadt nur hier und da. Aber spannend und immer wieder überraschend. An einigen wenigen Plätzen spielt der Ort mit dem Klischee. In der Kipling`s Bar zum Beispiel, im Mandalay Hill Resort Hotel (Foto oben).

Die romantischen Elogen von Kipling und Co. haben auch mich nach Mandalay gelockt. Danke dafür! Burmas spirituelles Zentrum lebt im Heute und pflegt sein reales historisches und buddhistisches Erbe. Das ist des Sehens würdig und ökonomisch wichtig für eine Stadt, deren Menschen nach fünfzig Jahren Militärdiktatur eher an eine Verbesserung des Lebensstandards denken als an Gedichte.

Und noch ein Mythos

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Foto: colin houston – originally posted to Flickr as Road to mandaly sunset, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12070890

Je öfter ich in Myanmar bin, desto öfter will ich wieder hin. Vielleicht fahre ich ja beim nächsten Mal mit einem Luxus-Schiff über den großen Fluss, von Mandalay nach Bagan. Es gibt so viel zu sehen an den Ufern. Der Name des Schiffes: Natürlich „Road to Mandalay“. Wen stört es schon, dass die „Road to Mandalay“ über Jahrzehnte als „MS Nederland“ und „Elbresidenz“ auf Rhein und Elbe zuhause war.

Mythen werden überschätzt.

Fotos: B. Linnhoff (3), Colin Houston/Flickr (1), Flickr (1),  LIPortal (1). Karte: ezilon

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