Silvester 2004: Hier spricht Nok

Jakkree

Jakkree (Foto: Bernd Linnhoff)

Als ich wieder einmal zur vollen Stunde ihre Nummer wählte, hörte ich am anderen Ende eine weibliche Stimme. Ein wenig schleppend, wie in Trance. Nok lebte, war unversehrt. Ihr Büro stand noch, der Minimart an der Straße nach Takua Pa auch, und ihrer Mutter ging es gut.

Meine Anspannung der letzten Tage löste sich, auf in Erschöpfung nach all dem Hoffen und Bangen. Dann sagte Nok: „Erinnerst du dich an Jakkree, meinen Bruder? Er ist tot.“ Natürlich erinnerte ich mich. Noks Stimme verriet weder Trauer noch Zorn, Thailänder zeigen nur ungern ihre Gefühle. Und wer an Wiedergeburt glaubt, geht mit dem Tod anders um.

Auch in den Tagen nach unserem Gespräch suchte ich in den Vermisstenlisten nach Freunden, nach Bekannten. Telefonierte mit Überlebenden. Die Bilanz: Nicht nur Jakkree war tot. Auch „Jeans“, so ihr Spitzname, die langjährige Managerin des Pascha Resorts, eine alleinerziehende Mutter mit kräftigen Narben am Hals – der Vater ihres Kindes hatte sie in einem seiner Eifersuchtsanfälle mit kochendem Wasser begossen.

Franz lebte nicht mehr, der alte Österreicher, der seinen Ruhestand im Pascha genoss – ein blendender Erzähler. Schon in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts reiste er als Impresario mit einer Artistentruppe um die Welt. Persönliches Highlight: Der Auftritt seiner Trapezkünstler am 67 m hohen Obelisken auf der Avenida 9 de Julio in Buenos Aires, vor den leuchtenden Augen Evita Perons.

Die 18, 19 Jahre jungen Kellnerinnen und Kellner des Pascha-Strandrestaurants lebten nicht mehr. Wenn ich zuvor als Gast nachmittags allein an einem Tisch saß, aufs Meer schaute und die Ruhe genoss, setzte sich nach spätestens 30 Sekunden eine(r) vom Service zu mir. Denn „allein“ ist in Asien nur ein anderer Begriff für „unglücklich“, und so leisteten sie mir im Wechsel Gesellschaft: „Khun Ben, you not happy?“

Noch heute steht das Patrouillenboot 813 der Königlichen Thailändischen Marine dort, wo es eigentlich nicht hingehört: Etwa zwei Kilometer vom Bang Niang Beach entfernt, vom Tsunami an Land geschmettert. Als die Wellen kamen, ankerte das Boot vor dem La Flora Resort. Auch diese Anlage wurde wieder aufgebaut, schöner und komfortabler denn je. Eine Betonwand schützt heute die unmittelbar dem Meer zugewandten Bungalows – die Mauer ist weniger Schutz als Eingeständnis menschlicher Ohnmacht im Angesicht natürlicher Gewalt.

Mail vom 8. Januar 2005: Mir ist langweilig

hi ……     bernd how  are you now  I am very boring   can not work  no  job  how I  found some job?

Diese Mail schrieb mir Nok am 8. Januar 2005. Sie lebte, aber ihr Business war tot. Es dauerte etwa ein Jahr, bis sich die ersten Touristen wieder nach Khao Lak trauten. Thais und Ausländer hatten aus den Ruinen mit verzweifelter Zuversicht neue Hotels, Restaurants, Kneipen gebaut und gezimmert, ungeachtet der Prophezeiungen der Geologen, die weitere Seebeben und Tsunamis für wahrscheinlich hielten.

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Bang Niang Beach in Khao Lak (Foto: Faszination Fernost/Bernd Linnhoff)

Heute liegen die Strände Khao Laks den wieder zahlreichen Besuchern goldfarben und breit zu Füßen. Nur die Reihen der einst dicht an dicht stehenden Palmen, Kasuarinen und Tamarinden-Bäume haben sich ein wenig gelichtet.

Wenn es Freunde oder Verwandte nach Khao Lak zieht, ist Nok noch immer meine erste Ansprechpartnerin. Sie betreute meinen Bruder Walter und seine Tochter Britta; später auch Lisa und Anika, Freundinnen aus Hamm.

Zuletzt gesehen habe ich Nok im Mai 2010. Bangkok versank damals im Chaos der Straßenschlachten im Finanz- und Geschäftsviertel. Zusammen mit Freund Disco entfloh ich der unberechenbaren Lage nach Khao Lak.

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Sudala Beach Resort Khao Lak (Foto: Faszination Fernost/Bernd Linnhoff)

Dort, wo einst das Pascha stand, residiert nun das Sudala Beach Resort. Mit 78 Zimmern deutlich größer als der Vorgänger. Luxuriöser, teurer, wunderschön und einen Steinwurf weit entfernt vom Meer. Als wir dort ankamen, waren gerade mal zwei der Zimmer belegt. Denn Schlagzeilen wie „Krieg in Thailand“ in den europäischen Medien verrieten nicht, dass sich die Auseinandersetzungen auf Bangkok beschränkten – so blieben auch Hotels und Strände in Khao Lak unverschuldet verwaist. Eine neue Delle auch für Noks Geschäft.

So hatte sie immerhin Zeit für uns, wir feierten zusammen mit ihr, ihren Schwestern – eine hatte gerade mit 39 Jahren ihr erstes Kind geboren – und ihren Freundinnen, ehe wir wenig später nach Bangkok zurückkehrten.

Am zweiten Weihnachtstag 2014 ging Nok mit ihrer Familie zum Tempel. Zum Gedenken an ihren verstorbenen Bruder Jakkree und zum Dank dafür, dass der Tsunami ihr das Leben ließ und die Existenz.

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Fotos: Bernd, Britta und Walter Linnhoff; Uwe „Disco“ Wojatzek; Homepage des Keereewarin Chiewlarn Resorts 

Teil I: Nok – Mein Gesicht des Tsunami
Gedenkfeiern in Khao Lak: 10 Jahre Tsunami