Keine Antwort – das Handy war tot

Anek Nurak, Nok (Vogel) gerufen, hätte Modell stehen können für das Markenzeichen „Thai Smile“. Sie war smart, von natürlichem Charme, außergewöhnlich hübsch und 28 Jahre jung, als wir uns zu Beginn des Jahrtausends erstmals trafen. In jenen Jahren erholte ich mich alljährlich an den Stränden Khao Laks (nördlich von Phuket) von den realen oder gefühlten Strapazen meines Berufs.

Die erste Woche wohnte ich gewöhnlich im Pascha Resort am Bang Niang Beach, die zweite auf Koh Phi Phi. Für mich damals einer der schönsten Plätze auf unserem Planeten, wie die Bilder mühelos belegen.

Nok führte damals seit kurzer Zeit eine eigene Reiseagentur. Nach ihrem Studium in Bangkok und Chiang Mai setzte sie auf den Tourismus im Süden Thailands. Ihr kleines Unternehmen florierte recht flott, was niemanden verwunderte.

Nok - immer im Dienst

Nok – immer im Dienst

Denn unter dem Begriff professionell verstand die junge Unternehmerin in erster Linie, für ihre Kunden von morgens bis zum späten Abend parat zu stehen. Nebenbei gehörte ihr noch ein kleiner, von ihrer Mutter geführter Supermarkt an der Straße von Khao Lak nach Takua Pa.

Da ich in Bang Niang nicht nur am Strand herumliegen wollte, buchte ich 2001 eine Tour zum Ratchaprapa-Stausee. So lernte ich Nok kennen, sie fuhr den Pick-up zum See.

Nok mit Pick-up

Khao-Sok_Nationalpark

Khao Sok Nationalpark

Mit der Zeit wurden wir Freunde. 2002 nahm ich, diesmal zusammen mit meinem Bruder Wolfgang, erneut im „Pascha“ Quartier. Bei Nok buchten wir einen Ausflug in die überwältigende Natur des Khao Sok-Nationalparks. In den Tagen danach trafen wir uns auch privat, zum Barbecue mit ihren Freunden am Strand oder zum Abendessen im Strandrestaurant unseres Hotels.

Singlefrau Nok beherzigte die einst allgemeingültigen Anstandsregeln Siams. Als Alleinstehende kam sie nur in Begleitung zu unseren Treffen. Mit ihrer Freundin, manchmal auch mit ihrem Bruder Jakkree.

 

2003 und 2004 reiste ich wie gewohnt nach Khao Lak; Weihnachten aber feierte ich traditionell bei meiner Familie im westfälischen Hamm. So auch 2004. Am zweiten Feiertag beendeten die Bilder der TV-Nachrichten schlagartig unsere Gespräche.

Die Monsterwellen eines Phänomens namens Tsunami trafen auch mein geliebtes Khao Lak mit der vollen Wucht. Im selben Moment wusste ich, was die Katastrophe für „mein“ Pascha Resort bedeuten musste und für Nok und andere bedeuten konnte. Ich setzte mich sofort ins Auto und fuhr zu meiner Wohnung in Meerbusch.

Die nächsten Tage saß ich nahezu bewegungslos vor dem Fernseher und verlor mich in der Berichterstattung der Nachrichtensender. Ab und an durchforstete ich die im Internet kursierenden Vermisstenlisten. Für Tausende Angehörige und Freunde Dokumente einer verzweifelten Hoffnung, von der binnen Stunden oder Tagen oft nur die Verzweiflung blieb. Einmal pro Stunde versuchte ich, Nok unter ihrer Handynummer zu erreichen. Doch das Handy war stumm, tot, und mit jedem Tag wuchs die Furcht, dass auch sie zu den schließlich knapp 6000 Opfern in ihrer thailändischen Heimat zählen würde.

An Silvester 2004 drohte eine traurige Jahreswende; ohne Pause fixierte ich den Bildschirm, mal TV, mal PC, und zu jeder vollen Stunde wählte ich Noks Handynummer.

Nok II – Bilanz: Verluste und das Leben danach