„Waren sind für den Menschen heute Heimat. Jeder kauft Bruchstücke seiner Persönlichkeit. Die Menschen sollen Gefühle kaufen.“

Norbert Niemann, Schriftsteller

Luxus am Chao Praya

„Asiaten lieben den Reichtum, Europäer den Sozialneid“, schrieb die deutsche Tageszeitung Die Welt. Steile These? Das IconSiam liegt am Westufer des Chao Praya und versucht gar nicht erst, seine Absichten zu verschleiern. „IconLuxe – Top of the World“ nennt sich das Einkaufszentrum in Bangkok, wahlweise „Die Ikone des ewigen Wohlstands“ oder auch „Zentrum des Weltklasse-Luxus“. Wer noch nie über einen ähnlich sinnfreien Mega-Super-Ultra-Ausdruck gestolpert ist, hebe die Hand.

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Hier herrscht jetzt der internationale Oligarchen­stil, schrieben die Kritiker, ein Stil, nach dem überall dort gebaut wird, wo Investoren glauben, amerikanische, chinesische und russische Millionäre anlocken zu können. „Der Ort ist einer Vorstellung von Luxus und Modernität verpflichtet, die kalt und bombastisch zugleich wirkt, und die mit dem Versuch zusammen­hängen soll, Kosten­einsparungen der Bauherren durch spiegelnde Oberflächen zu kaschieren.“ Sagen die Kritiker.

Foto: CNN

Doch stört es den Baum, dass ein Hund das Bein an ihm hebt? Denn die Rechnung der Investoren ging auf. Nach der Eröffnung im November 2018 sahen wir Chinesinnen, die fast hinter ihren Einkaufstüten verschwanden. Mit großen Namen hatten sie sich Status eingekauft. Marken, mit deren Prestige sie in der Heimat wuchern konnten: Dior, Gucci, Louis Vuitton, Michael Kors, Prada natürlich, Christian Louboutin, Fendi, you name it. Auch Philipp Plein ist dabei, „The King of Bling“. Reiche Chinesen und reiche Thais: Für diese Zielgruppe wurde IconSiam gebaut.

Doch als im März 2020 das Covid-19 Virus zuschlug, blieben die betuchten Ausländer fern. Und die Werbedesigner merkten, dass man mit Claims wie „Die Ikone des ewigen Wohlstands“ vorsichtig umgehen sollte. Was währt heute schon noch ewig?

Es war ein Signal der Hoffnung, dass das Lifestyle-Projekt IconSiam mitten in der Pandemie, im September 2021, auf der Immobilien-Messe MIPIM in Cannes unter den vier besten Einkaufszentren der Welt landete. Bei 172 Bewerbern aus 36 Ländern!

Frau Chadatip, Chief Executive Officer des Eigentümers Siam Piwat Group, sah sich bestätigt: „Von Anfang an wollten wir einen Ort schaffen, der Thailands Attraktivität als Reiseziel weiter steigert. Einen Ort, an dem das Beste Thailands auf das Beste der Welt trifft.“ Und schon war der Werbesprech wieder da.

In den letzten Jahren gab es 13 weitere globale Auszeichnungen, darunter die für das „Best Design of the Year“ bei den World Retail Awards 2019 oder den VIVA Best-of-the-Best Design and Development Award 2020. .

Das IconSiam eröffnete 2018 mit einer Gesamtfläche von 750 000 Quadratmetern. Die Investoren sahen Mischnutzung vor, daher gehörten und gehören zum Komplex ein eigener Park, ein Wasserfall und zwei der mit 52 bzw. 70 Stockwerken höchsten Gebäude Bangkoks. Wer dort wohnt, greift nach den Sternen. Auch bei den Preisen.

Luxus und vorgetäuschte Authentizität

Schwimmender Markt, gezeichnet (Quelle: IconSiam)

Im Erdgeschoss des Einkaufszentrums befindet sich ein schwimmender Markt, wie es ihn im realen Thailand nur noch selten gibt. Luxus und vorgetäuschte Authentizität, das ideale Ambiente für „käufliche Identitätsprothesen“ (Kate Tempest) und für Instagram-Selfies. Ist es heute für Investoren leichter zu erahnen, was Menschen wollen? Leben wir in der „Schönen neuen Welt“, wie Aldous Huxley sie bechrieb? In einer Diktatur, „die ihre Untertanen zu Konsum und zur Kritiklosigkeit erzieht?“ 

Schwimmender Markt, real (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Die hohen Mieten im IconSiam können sich konsquenterweise nur die Top-Marken leisten. 525.000 Quadratmeter stehen dem Einzehlhandel zur Verfügung, sieben Restaurantzonen warten auf ewig hungrige Mäuler. In der Veranstaltungshalle können 3000 Menschen sitzen; 14 Kinos, ein Fitnesszentrum und ein Museum für thailändische Kulturgüter runden das Angebot ab. Draußen vor der Tür gibt es vier Anlegestellen für die Boote, die überwiegend Kundinnen und manchmal auch Kunden heranschippern.

Chinese New Year im IconSiam (Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Entlang der Straße, an der das IconSiam liegt, hat sich der Wert der Grundstücke innerhalb von fünf Jahren verdoppelt, und der Präsident der Einzelhandelsgeschäfte am Flussufer berichtete, dass Verkehr und Umsatz der Geschäfte und Restaurants in der Umgebung inzwischen um zwanzig Prozent gestiegen sind.

Das Einkaufszentrum ist groß genug, um mit großzügig dimensionierten und ständig wechselnden Ausstellungen immer wieder Medien und Interessenten anzulocken. Mich interessierte das Digital Art Festival. Digitale Kunst, käuflich zu erwerben mit NFTs, Non Fungible Tokens. In der Kunstszene sind NFTs der letzte heiße Scheiß.

Ein NFT ist ein „kryptografisch eindeutiges, unteilbares, unersetzbares Token. Es existiert nur ein einziges Mal und enthält meist nur einen Verweis (eine URL) auf einen digitalen Inhalt, nicht die Bilddatei selbst.“ Wer das verstanden hat: Kompliment! Wichtig für mich: Die Bilder waren sehenswert.

Die populärste Form des Terrors

Schon jetzt kämpfen in der Hauoptstadt über 120 große Einkaufszentren um Kunden, und es werden immer mehr. Shopping Malls, nicht Kunden. Im Geschäfts- und Finanzzentrum zwischen Sukhumvit Road 1 und 39 ballen sich Siam Paragon, „Central World“, „MBK“, „EMQuartier“, „Emporium“, „Terminal 21“, „Central Embassy“, „Siam Center“, „Gaysorn Village“ und „Central Chidlom“. Dazu kommen ganz in der Nähe die „Platinum Fashion Mall“ und das generalüberholte Elektronik-Paradies „Pantip Plaza“. Und am Chao Praya steht seit einigen Jahren das Einkaufs- und Entertainmentzentrum „Asiatique the Riverfront“: 1500 Geschäfte, 45 Restaurants und Bars, Show-Theater, Muay-Thai-Box-Stadion, Fünf-Sterne-Hotel mit 800 Zimmern plus Kongress- und Messezentrum.

Konsum bleibt die populärste Form des Terrors. Angesichts der bescheidenen Summen, die ich für gemischtes Eis und Espresso bei meinen seltenen Besuchen umsetze, gehöre ich jedoch nicht zur Pemium-ZIelgruppe. Die aber, die dazugehören, kommen im Sommer 2022 nur langsam zurück. Auch für das IconSiam ist die Pandemie noch nicht vorbei.

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff