Eine Liebe auf den zweiten Blick

“Schön warm, oder?” Sokkay haut die Frage raus, als hätte er in den letzten drei Jahren keine andere gestellt. Auf Deutsch. Dabei ist es heute nicht warm bei den Tempeln, sondern heiß. „Wie schon zuvor erwähnt“, fährt unser Führer nach kurzer Pause fort, „war es König Suyarvaman der Zweite, der Angkor Wat erbaute.“

Sokkay San – oder korrekter San Sokkay, denn in Kambodscha steht der Familienname voran – profitiert von seinen Sprachkenntnissen. Er geleitet deutschsprachige Touristen durch die Anlagen von Angkor Wat, Angkor Thom, Banteay Srey, Pre Rup. Für die Besucher ist das Areal nahe Siem Reap eines der Wunder dieser Welt, für den Mann mit der hohen Stirn historischer Alltag.

Was ist so besonders an einem Kambodschaner, der Deutsch spricht?

Drehen wir das Thema einmal auf links. Stell dir vor, du wolltest Khmer lernen, die Sprache Kambodschas. In Wort und Schrift. Letztere sieht so aus:

140503_Sokkay-Schrift

„Diese Schrift“, vermutet der Sprachführer von Wikitravel, „dürfte für die meisten Europäer ein ewiges Geheimnis bleiben.“

Beschränken wir uns also auf das gesprochene Wort, besser noch: auf die Vokale, nein, auf einen einzigen Vokal, in unsere lateinischen Buchstaben übertragen: aä. Dazu Wikitravel:

„Der Ton liegt irgendwo zwischen einem ‚a‘ und einem ‚ä‘.“

Irgendwo. Nun such mal schön. GPS wird hier nicht helfen.

Einfacher ist die Khmer-Grammatik. Es gibt keine Konjugationen und nur eine Zeit. Die Worte sind unveränderlich. Man reiht sie einfach aneinander: Gehen Restaurant gestern. „Gestern“ definiert die Zeit. Oder eben: Gehen Restaurant morgen. Oder du setzt ganz allgemein ein „ban“ hinzu für Vergangenheit und ein „nöng“ für Zukunft.

Falls dir mal ein Wort fehlt, greifst du aus Gewohnheit zum Wörterbuch. „Khmer – Deutsch, Deutsch – Khmer.“ Leider gibt es keins. Im  allwissenden Internet findest du wenig zum Thema. „Falls doch“, sagt Sokkay, „ist es meist falsch.“ Ohne externe Quellen besteht seine Weiterbildung ausschließlich in Gesprächen mit Touristen.

140503_Sokkay-Fortbildung

San Sokkay hat den Beruf des Polizeibeamten erlernt.  Er hat Deutsch gelernt, in Wort und lateinischen Buchstaben. Ich spreche, du sprichst, er spricht. Mit leuchtenden Augen behauptet er: „Ich liebe die deutsche Sprache.“ Es gibt Geliebte, die leichter zu erobern sind.

Sokkay wurde am 5. Mai 1980 geboren, in eine Nachkriegsära hinein. Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer war gerade vorbei. Von seinen 15 Geschwistern überlebten zehn. Kambodscha war damals eines der ärmsten Länder der Welt. Daran hat sich wenig geändert.

Wer mit einer solchen Biografie und unter diesen Rahmenbedingungen die germanische Sprache lernt, bringt deutsche Tugenden mit: Ehrgeiz, Eigenmotivation, Fleiß, Kampfgeist, Durchhaltevermögen.

Und wahre Liebe. Es war eine auf den zweiten Blick.

San Sokkay (2) – Der stolze Hausbesitzer

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Ein schöner Arbeitsplatz: Angkor Wat