Drei Kinder sind genug

Sokkay hätte es einfacher haben können. Von 2003 bis 2007 studierte er mit einem staatlichen Stipendium Maschinenbau in Deutschland. „Ich habe das Land schätzen gelernt“, sagt er, „deutsche Qualität wird nicht umsonst gelobt.“ In den vier Jahren in Freiburg lernte er eine Menge. Außer Deutsch. Er verbrachte seine Zeit mit italienischen, amerikanischen, asiatischen und einem deutschen Kommilitonen – die Umgangssprache blieb Englisch.

Zu dieser Zeit war der Student aus Kambodscha bereits Ehemann und Vater. 2000 hatte er mit 20 seine Hea Hoy geheiratet: „Bei uns ist es üblich, jung zu heiraten und früh Kinder zu bekommen.“ So feierte das Paar die Geburt des Sohnes San Sophea Reak im Januar 2002 als schönes, aber keineswegs ungewöhnliches Ereignis.

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Nach seiner Rückkehr aus Deutschland besann sich Sokkay auf seine Pflichten als Ehemann. Das Ergebnis: Tochter Yim Sokanha (Yim hieß der Ur-Opa) wurde am 10. Oktober 2008 geboren. Für den immer noch jungen Vater Anlass genug, über seine Zukunft nachzudenken und die seiner Familie: „Mein Gedanke war: Kambodscha ist ein wunderschönes Land, mit einer alten Kultur und vielen außergewöhnlichen Tempeln. Diese Vergangenheit müsste Zukunft haben.“ Also erwarb er die Fremdenführerlizenz für das Weltkulturerbe Angkor Wat.

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Mit seiner Spezialisierung auf Deutsch hoffte Sokkay auf größere Chancen in einer kleineren Zielgruppe. 2009 flog er noch einmal nach Freiburg, zu einem Intensivkurs für drei Monate. Viel Einsatz, aber wenig Zeit für deutsche Sprache, schwere Sprache.

Zuvor sprach er auch leidlich Englisch, Thai und ein wenig Französisch. „Doch seit ich neben Khmer nur noch Deutsch spreche, haben sich die drei anderen Sprachen verabschiedet“, sagt er und lacht.

Inzwischen ernähren Sokkay und Hoy drei Kinder. Sohn Has Panha Sak (13. Juni 2013) trägt als Nachnamen den seines Großvaters väterlicherseits. Die unterschiedlichen Familiennamen der Kinder beziehen sich meist auf die Altvorderen; so ist es Tradition in Kambodscha. Frauen behalten ihren Mädchennamen auch nach der Heirat. Keine leichte Aufgabe für Kambodschas Einwohnermeldeämter. Wenn es denn welche gäbe.

Unsere Tagestempeltour im Tuk-Tuk von Sokkays Bruder San Sela endet am Rande Siem Reaps. Nicht weit vom Tonle Sap-See, ein paar Meter weg von der Hauptstraße, bei Sokkays Familie. Voller Besitzerstolz zeigt er nach vorn: „Ich habe jetzt mit meiner Familie ein eigenes Haus.“

Sophea Reak, der Älteste, schaut ernst drein bei unserer Invasion, die fünfjährige Sokanha fragend. Der kleine Panha Sak hält engen Kontakt zur Mutter. Ein Schwager Sokkays schaut aus einigen Metern Entfernung schüchtern herüber. Nur langsam gewöhnt sich die Familie an die ungewohnten Gäste. Sokkay verrät derweil, dass er seinem 2010 verstorbenen Vater beim Nachwuchs nicht nacheifern will: Drei Kinder sind genug.

Tourguide ist ein Saisongeschäft, in der Regenzeit eines mit beschränktem Einkommen. Wieder einmal überdenkt der noch junge Khmer seine Zukunft: „Wer weiß, wie lange meine Knie noch halten. Das Rauf und Runter in den Tempeln geht auf die Knochen. Vielleicht muss ich in meinen erlernten Beruf als Polizist zurückkehren.“

Vielleicht wächst sogar eine andere Laufbahn. Seit einiger Zeit beschäftigt sich der unruhige Geist mit der politischen Landschaft Kambodschas. Sie hat sich seit dem Auftreten einer echten Opposition stark verändert, Spannungen eingeschlossen. Sokkay schaut genau hin. „Im Moment“, sagt er, „sehe ich mich noch in der Mitte, bin unentschieden.“ Ist dies eine diplomatische Aussage? Schwer zu sagen. Fest steht, dass er es nicht beim Beobachten belassen will: „Noch in diesem Jahr werde ich erneut an der Uni studieren, Politik diesmal.“

Prioritäten setzt er schon heute. „Wenn ich dann Präsident bin in Kambodscha“, sagt er mit seinem typischen Breitwand-Lächeln, „dann ist meine erste Amtshandlung klar: Deutschsprachige Touristen – also Deutsche, Österreicher, Schweizer – brauchen künftig kein Visum mehr!“

Bis dahin werden wir uns hin und wieder Mails schreiben. Und ich hoffe, dass er meine Frage nach dem Wohlergehen seiner Familie wie immer beantworten wird: „Alle sind schön!

San Sokkay (1) – Angkor Wat auf Deutsch