Im Liegestütz zum Safe

„Lesen Sie gerne mal ein Buch?“, habe ich die Dame an der Rezeption gefragt. „Oh ja“, antwortete sie, „am liebsten abends nach der Arbeit.“ „Wir verstehen uns“, sagte ich, „dann kommen Sie mal mit auf mein Zimmer und zeigen mir, wie das geht.“

Was nur misstrauische Gemüter als zielstrebigen Flirt deuten würden, war aus der Not geboren. Denn das sparsam gestreute Licht in meinem Zimmer reichte nächtens gerade aus, um unfallfrei ins Bett zu gelangen. Lektüre war gestrichen.

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Wieder einmal war ich, auf eigenen Wunsch und bei vollem Bewusstsein, in einem dieser Hotels gelandet, die nicht nur in Singapur den Standard-Herbergen lebhafte Konkurrenz machen. Zimmerwände, die Falten werfen, reichlich schräge Ebenen, ein Friserstuhl, ein Kickertisch, Art Deco-Fliesen an der Fassade, Plastik-und Chrome-Lampen von Tom Dixon in der Lobby, und alles schreit: Design!

„We wish you a sweet escape“, lautet die Eigenwerbung des Hotels Wanderlust. Kaum ist man da, schon raten sie einem zur Flucht.  Wanderlust halt. Loh Lik Peng, eine der Schlüsselfiguren auf dem hart umkämpften Übernachtungsmarkt Singapurs, feierte schon mit dem Retro-Chic des New Majestic Hotels und im Hotel 1929 Erfolge. Das Wanderlust, eine renovierte Schule aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, war seine jüngste Kreation in 2010.

Singapur Hotel Wanderlust

Das Wanderlust liegt am Rande des – natürlich auf indische Art – quirligen Viertels Little India und zehn Minuten entfernt von Kampong Glam mit seinen malaysischen Restaurants und Shisha-Bars. Das Haus wurde vom Start weg gut gebucht, vor allem für Mode-Shootings. Wegen der „verspielten Ästhetik“, wie das bunte Durcheinander in der Lobby gerne genannt wurde. Mit anderen Hotels vergleichbarer Provinienz teilt das Wanderlust die Unlust, der Formel „Form follows Function“ auch nur einen Hauch von Ehre zu geben.

Schon Tucholsky äußerte sich vor fast hundert Jahren zeitlos gültig zum Thema Design: „Die Möbel des Hauses sind so konstruiert, dasss man sich beim Zahnarzt wie zuhause fühlt.“

Wenn Form und schöner Schein um Aufmerksamkeit buhlen, wird die Funktion mit Füßen getreten, bis sie am Boden liegt. Wie in meinem Zimmer zum Beispiel.

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Es gibt zwei Möglichkeiten, an den Safe zu gelangen. Für trainierte Naturen reicht der einarmige Liegestütz, ich hingegen musste mich flach auf den Boden werfen. Und da ich schon einmal dort war, habe ich mir auch gleich eine Cola aus der ebenfalls ebenerdigen Minibar gegriffen.

Wer Klimaanlagen nicht mag, stellt sie ab. Im Wanderlust allerdings wird die kühle Luft zentral für alle Zimmer gesteuert, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Schließlich wagte ich kaum noch, einen Blick in die geflieste Abteilung zu werfen. Was bedeutet verspielte Ästhetik für ein simples Klo? Und die Dusche – im Boden versenkt? Doch das Wasser kam von oben.

Auch das Restaurant Cocotte im Erdgeschoss ist stets gut besucht und ein angenehmer Ort zum Dinieren und Plaudern. Geboten wird zum manchmal erstaunlichen Preisniveau Singapurs rustikale französische Küche. Serviert auf Holztischen und unter Hängelampen, die in einem früheren Leben als Campari-Flaschen dienten.

(Nebenbei, genauer: zehn Meter vom Hoteleingang entfernt, findet der bodenständige Gourmet ein thailändisches Straßenrestaurant, auch dieses ist zu empfehlen).

Vier Kreativagenturen designten die vier Geschosse des Wanderlust. Ich erwischte das dritte aus der Reihe „Monochrom“. Im vierten wird es in den Zimmern geräumiger, extravaganter, witziger, aber auch stringenter in der Umsetzung.  Da finden sich ein Schreibmaschinensofa oder auch eine Badewanne, gegossen aus komplett transparentem Glas. Die Bilder auf der Homepage zeigen, dass das Hotel doch Beeindruckendes in Sachen Design zu bieten hat:

Um die Möbel also ein wenig gerade zu rücken: Es gibt viele Pluspunkte im Wanderlust. Jeden Morgen hängt, auf Wunsch, die Singapore Strait Times an der Türklinke oder eine internationale Gazette; stilles und sprudelndes Wasser sind in jedem Zimmer frei Haus wie auch der WLAN-Zugang; Flachbildschirm, iPod-freundliche Wecker und eine Espressomaschine ergänzen das großzügige Angebot.

Unschlagbar freundlich, hilfsbereit, um keine kompetente Antwort verlegen präsentiert sich das erstaunlich junge Personal. Noch bevor ich die Dame von der Rezeption zu Hilfe rief, um lesenswertes Licht ins Zimmer zu zaubern, hatte ich einen Schalter mit vier Druckknöpfen entdeckt, der kurzfristig Hoffnung suggerierte. Das Testergebnis brachte mich mich auf viele Gedanken, Lesen gehörte nicht dazu.

Doch wir fanden eine Lösung, um endlich Bettlektüre zu ermöglichen. Mir wurde eine Lampe auf den Nachttisch gestellt. Das Design ging in Richtung Ikea. Ein Triumph der Funktion: Es ward Licht.

Fotos: Faszination Fernost/B. Linnhoff und Homepage Hotel Wanderlust