Auf den paar Kilometern nach Nyaung-U beginne ich trotz nachlassender Hitze zu verstehen, warum unterstützende Mittel im Profi-Radsport eine gewisse Popularität genießen. Doch ich bleibe sauber – keine Apotheke weit und breit. Nyaung-U entwickelt sich gerade vom alten birmanischen Dorf zur Kleinstadt, wirkt bei diesem Prozess allerdings noch unentschieden. Erste Pensionen und Hostels ziehen bereits Backpacker an, ein paar Internetcafes gibt es auch schon, dazu genügend Restaurants. Die Basis zu einer touristischen Infrastruktur also steht, nun warten sie dort auf den Boom.

Inzwischen überrascht es mich nicht mehr, dass ich auch hier der First Lady des Landes in die Augen schaue. Auf der einen Seite der Straße lockt „High Class“, zumindest auf einem Plakat, auf der anderen liegt ein Haufen Sand vor der Tür. Willkommen im Parteibüro der National League for Democracy – Politik in Myanmar bleibt eine Baustelle. Aung San Suu Kyi hat auch hier ihre Anhänger besucht, im Juli 2011.

Mein Damenfahrrad zwinkert mir zu; zum krönenden Abschluss eines bewegten Tages warten nun noch die sieben Kilometer zum Hotel in Alt-Bagan auf mich. Versehen mit drei Anstiegen, über die mich niemand informiert hat. Vermutlich deshalb, weil sie mit bloßem Auge kaum als Steigungen zu erkennen sind. Meine Beine jedoch melden die Gipfel-Profile der Tour de France, von Galibier, Tourmalet und  Mont Ventoux. Bei Dunkelheit erreiche ich das Ziel meiner ganz persönlichen Königsetappe: Bagan Hotel River View, Zimmer 102, Bett.

Den Sonnenaufgang vom nächsten Morgen, der mir zur weiteren Tempelbesichtigung ans Herz gelegt wurde, kenne ich nur aus Erzählungen. Am späten Vormittag wache ich auf mit einem Muskelkater, der sich in seiner historischen Dimension harmonisch der Umgebung anpasst. Pflege ist angesagt, Pool, Massage. Den Sonnenuntergang auf dem Tempelfeld aber will ich nicht verpassen, als Transportmittel erscheint mir das Pferdefuhrwerk nun absolut konkurrenzlos.

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Der junge Droschkenführer, intelligent und ein perfekter Guide, stellt sich vor mit einem Namen, der sich anhört wie „Neitinei“. Sein Spitzname, wie sich herausstellt. Denn der Karren fährt mit der Lizenz Nummer 99, Ninetynine. Viele Asiaten, so auch Birmanen und Thais, sprechen die harten Silbenendungen eines Wortes nicht aus.

Den Sonnenaufgang über den Tempeln von Bagan habe ich zwar verschlafen, beim Untergang aber bin ich zur Stelle, das zieht sich so durch mein Leben. Die meisten Touristen besteigen am frühen Abend die Shwesandaw-Pagode, die den besten Blick auf den Sonnenuntergang bieten soll. Ninetynine und sein Zosse jedoch trotten zu einem kleineren Tempel in der Nähe. Von dort haben wir dann den besten Ausblick auf die Shwesandaw-Pagode. Und auf viele Tempel mehr, die langsam wegdämmern. Aber am nächsten Morgen sind sie alle wieder da.

Bagan 1 –  Flug ins Reich der Tempel
Bagan 2 – Orwell, die Hitze und das Zweirad
Bagan 4 – Mit der „Ruby“ auf Zeitreise
Bagan 5 – Auf Wiedersehen, Myanmar!