Taiwans Nationalheld blickt auf sein Erbe

„Sein großes Verdienst ist doch“, sagt einer der Veteranen, die noch unter dem Generalissimus gekämpft haben, „dass Taiwan heute sicher ist vor den Kommunisten.“ Wie bitte? Wir sprechen über Taiwan, das autonom regiert wird, dennoch eine Provinz der Volksrepublik China ist, aber froh darüber, vor den Kommunisten sicher zu sein. Seltsame Konstellation. Die Taiwaner zucken nur mit den Schultern: Sonderstatus halt. Muss als Erklärung reichen. Hauptsache, sie sind sicher vor den Kommunisten. Die zugleich wichtigster Handelspartner der Inselrepublik sind.

Ohne Chiang Kai-shek gäbe es das heutige Taiwan nicht. Nicht seine Wirtschaftskraft, den Wohlstand, die Unterstützung der USA und das störrische Beharren auf Eigenständigkeit. Schon 1937 war der General im US-„Time“- Magazin Mann des Jahres, zusammen mit seiner Frau Song Mei-ling.

Sein Aufstieg zur Ikone der Insel Formosa, heute Taiwan, begann 1949 – mit einer Niederlage. Chiang Kai-shek verlor mit seinen Kuomintang-Truppen auf dem Festland gegen Maos Kommunisten und zog sich auf die Insel nach Taipeh zurück. Dort starb er 1975. Immer noch in der Hoffnung auf ein vereinigtes China; unter seiner Führung natürlich.

Die Chiang Kai-shek Memorial Hall steht im Zentrum Taipehs. Für Taiwaner in aller Welt ist sie das Monument der nationalen Identität, gefasst in weißen Marmor. Grundriss und bauliche Details weisen in ihrer Symbolik weit über die Funktion hinaus.

Die 89 Stufen hoch zum Eingang erinnern an das Todesalter von Chiang Kai-shek. Die Inschriften an der Wand über der Statue loben „Ethik, Demokratie und Wissenschaft“. An den Seitenwänden steht u. a.: „Die Berufung des Lebens ist die Verbesserung des allgemeinen Lebens der Menschheit.“ Loriot hätte diesen Satz geliebt – und ihm mit einem eleganten Schlenker noch den letzten Rest Sinn ausgetrieben.

Steine und Beine: Der Huldigungsboulevard

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Gegenüber der Memorial Hall am Ostende des Liberty Square endet der Huldigungsboulevard zwischen Nationaltheater und Nationaler Konzerthalle. Am Tor der „Großen Mitte und Aufrichtigkeit“. Der Platz der Freiheit dient wahlweise als Paradeplatz für ausländische Würdenträger, als Exerzierstätte für Soldaten und als Bühne für Tanz- und Kampfkunstveranstaltungen.

Am Tag meines Besuches übten Schüler (oder waren es Soldaten?) in Hundertschaften die Choreographien für den „Double Ten Day“, den Nationalfeiertag. Die Volksrepublik China feiert den Nationalfeiertag am 1. Oktober. Taiwan, die Republik China, feiert ihren am 10. Oktober. Sonderstatus halt.

Wie lange wird der Sonderstatus halten? „China wird bis 2020 die militärische Kraft für eine Invasion Taiwans haben“, erklärte der taiwanische Verteidigungsminister dieser Tage ganz offen. Eine erstaunliche Aussage. Denn mit der Wiederwahl des Präsidenten Ma Ying-jeou im Januar 2012 stimmte die Mehrheit auf Taiwan ganz offenbar für dessen Politik, die Bande zum großen Nachbarn noch enger zu knüpfen.

Trocken in Bangkok – Monsun in Taipeh
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