Keine Stadt für Flaneure

Ich hatte mich auf Taiwan nicht vorbereitet. Im Internet suchte ich nach einem Frühstückscafé, kulinarisch und atmosphärisch europäisch angehaucht. Nicht einfach, dachte ich, schließlich gilt Asien traditionell eher als Kontinent der Teetrinker.

Der Siegeszug der braunen Bohne aber ist nicht aufzuhalten. In Thailand gibt es inzwischen Kondome mit Kaffeegeschmack. Bestverkaufte Nuance laut GI (Gummi-Index): Latte. Macchiato.

Taipeh ist noch nicht ganz so weit. Im Netz fand ich zumindest, was ich suchte: „Urban Core Café & Bookshelf“, Lonely Planet zufolge „a chic little coffee shop with an art-gallery feel, excellent espresso, tea and desserts, as well as free wireless and a small selection of art periodicals free.“ Adresse: 89-6 Zhonghua Rd, Sec 1. Also rein in die Metro, prima Netz, Beschriftungen freundlicherweise auch in Englisch, Umsteigen Taipei Main Station, Aussteigen Station Ximen. Sechs Ausgänge.

Gerade oder ungerade?

Es dauerte, bis ich die Zhonghua Road als mehrspurige Hauptstraße identifiziert hatte und das Hinweisschild „No. 50 – 102“. Taipeh ist keine Stadt für Flaneure. So eilte ich los, ab und an einen flüchtigen Blick auf die Hausnummern werfend. Als zwischen der 88 und der 90 die 89 fehlte, wusste ich: Ich war auf der Seite für die geraden Hausnummern.

Also rüber auf die andere Seite. In der Hoffnung, dort stünden die korrespondierenden ungeraden Zahlen. Es war jedoch die 33. Also zurück in die Gegenrichtung, irgendwann über die Metrostation hinweg, insgesamt 16 Blocks, und schon stand ich, die Hacken wund und die Füße blutig, vor dem Urban Core Café & Bookshelf. Es war ein kleiner Glaskasten mit einem noch kleineren Plakat an der Front: Bye bye, friends.

Das Ding war dicht. Geschlossen. Für immer. Dies nur als Info an Lonely Planet.

Glücklicherweise hatte ich mir ein weiteres Café notiert: Fong Da, Chengdu Street, am Eingang der Altstadt, zu meinem Glück ebenfalls im Stadtteil Ximen, keine acht Blocks von der Schimäre Urban Core entfernt. Ein Katzensprung. Inzwischen ging ich barfuß.

Zunächst sah ich zur Linken einen achteckigen, europäisch anmutenden Ziegelbau. So geriet ich ins Red House, das kulturelle und kreative Zentrum Taipehs. Seit hundert Jahren Theater, Kino und Bühne für Peking-Oper, Popkonzerte, Tanzshows, Modenschauen, Komödien, Dramen; nicht zuletzt auch Museum, das einen Blick auf das alte Formosa ermöglicht. Der Hollywood-Kriegsfilm „The Longest Day“ wurde in den Sechzigern im Red House gezeigt; selbst Adolf Hitler war dort zu Gast. Zumindest auf der Leinwand. Details dazu konnte ich wegen der chinesischen Schriftzeichen nicht ausmachen.

131010_Fong-DaDie Kaffee-Karte im Fong Da holte mich zurück in die Jetzt-Zeit. Capuccino, Espresso Macchiato etc.:  In der Inneneinrichtung mag der Laden auf halbem Weg zum europäischen Kaffeehaus stehen geblieben sein, das Getränkeangebot aber deckt alle zeitgenössischen Kreationen ab. Und der Kaffee genügt höchsten Ansprüchen.

Die Bedienung wirkte ein wenig bärbeißig, aber das konnte auch Unsicherheit sein; den freundlichen Taiwanern ist es mitunter peinlich, dem ‘Wai Goa Ren’, dem weißen Menschen, dem Ausländer also, nicht auf Englisch begegnen zu können.

Ich nahm das Fong Da als willkommenen Beleg dafür, dass sich in Taipeh langsam eine echte Cafeteria-Szene etabliert. Bis ich die Inschrift sah: Fong Da – since 1956. Schon damals verkaufte der Laden Kaffeemaschinen, ein veritabler Missionar in der Diaspora. Reisen bildet.

131010_Junges-Publikum

Heute weiß ich: Ich hätte in der Nähe meines Hotels Cafés im Dutzend finden können. Laut „USA Today“ zählt Taipeh zu den Top Ten der besten Kaffeestädte weltweit. Als einzige asiatische Stadt. 260 Starbucks-Filialen auf Taiwan stehen für das internationale Kontingent, die lokale Kette 85-c verkauft 80 Millionen Becher Kaffee jährlich. Zudem kann man zwischen vielen originellen Läden wählen. Zwei Tipps aus dem Netz: Im Minimal Cat Café lassen sich die Vierbeiner auf den Stühlen, der Theke oder auf den Tischen von den Gästen streicheln. Vermutlich wird dort auch Kaffee getrunken. Wer es akademischer mag, ist im Café Philo gut aufgehoben, dort gibt es neben zahlreichen Büchern auch regelmässig Vorträge. Und Kaffee.

Nicht vergessen: Vor dem Besuch anrufen, ob es das Café noch gibt.

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