Koh Samui. Oliver und ich zogen durch die Nacht in Chaweng. Reggae Pub, Green Mango Club, diverse Etablissements zwischendrin, das Standardpaket also. In einer kleinen Kneipe auf dem Weg zum Reggae Pub spielten wir Poolbillard, von Minute zu Minute konsequenter an allen Löchern vorbei. Die Wartenden begleiteten unsere Stümpereien mit aggressiver Häme. Seither habe ich keinen Queue mehr angefasst.

Foto: kosamui.com

Gegen ein Uhr bestellte ich irgendwo einen Fernet Branca, damit ich mein Bier nicht so trocken runterwürgen musste. Ein Fernet nach Mitternacht war – in früheren Zeiten – das gefürchtete Signal an meine Freunde, dass es spät werden könnte. Beziehungsweise werden würde. Um drei Uhr verfügte sich der Freund auf sein Hotelzimmer. Nicht ohne zu fragen: „Warum willst du eigentlich immer noch nicht ins Bett?“ „Ganz schlecht besucht“, antwortete ich. Eine zeitlos grandiose Replik, ich habe sie keinem Geringeren abgelauscht als dem späten Harald Juhnke in einer Kölner Hotelbar.

Es muss kurz nach vier gewesen sein, ich wollte mich gerade nach vorne zum Tresen beugen, um einen Absacker zu bestellen, als etwas an meiner linken Schulter zerrte. Manchmal sitzt da ja ein kleines Männchen und spricht: „Ist gut jetzt. Ab nach Hause.“ Und auf der rechten Schulter flüstert der Kollege: „Einer geht noch. Mindestens.“ Ich wendete den Blick zu meiner linken Schulter, doch da war kein Männchen.

Ich guckte direkt in die Augen eines Seeadlers. Das Tier schaute zurück. Noch heute danke ich dem lieben Gott, dass ich damals nicht im Vollbesitz meiner mentalen Kräfte war. So gelang mir sogar ein Lächeln, als der Besitzer des Raubtiers mit seiner Polaroidkamera auf uns anlegte. Anstandslos bezahlte ich die hundert Baht fürs Bild. Der Vogel stürzte sich auf den nächsten Gast, und ich brauchte den Absacker dringender denn je.

Als ich am folgenden Nachmittag mit Oliver frühstückte, sagte ich so nebenbei: „Letzte Nacht saß ein Adler auf meiner Schulter.“ „War es sehr spät, als du die Flasche Bacardi auf ex getrunken hast?“, fragte er zurück.

Manchmal ist es ganz hilfreich, wenn man seine Geschichten optisch belegen kann.

Soi Green Mango, Koh Samui (Foto: t-globe)