This is Thailand: Jeder Tag eine Lektion

German All Stars Bangkok

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Ich bin ein bisschen spät dran mit dieser Art Tagebuch. Ich hätte am 29. September 2008 damit beginnen sollen, als ich am Bangkok-Flughafen Suvarnabhumi ankam und mit dem Taxi zu meiner neuen Wohnung in der Thonglor Road fuhr. Es war der Beginn eines Abenteuers, das sich Auswandern nennt. Ich kam in eine unruhige Phase Thailands geflogen. Das war mir natürlich nicht bewusst, ich musste mich erst einmal zurechtfinden. Die Phase dauert immer noch an, politisch, sozial.

Chiang Mai von oben

Chiang Mai von oben (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Bald werden es acht Jahre; ich lebe nicht mehr in Bangkok, sondern in Chiang Mai. Und fühle mich immer noch wohl, sonst wäre ich längst weitergezogen. Die Thais haben mich aufgenommen – ich werde nicht müde, es zu betonen – wie einen Freund. Es waren und sind die ganz normalen Menschen, mit denen ich zu tun habe, die weniger Begüterten also und die Mitglieder einer langsam wachsenden Mittelschicht.  Mit der einflussreichen Oberschicht gibt es keine Berührungspunkte. Doch, Moment mal, eine gab es:

Es muss um 2009 gewesen sein, ich saß allein an meiner Lieblingsstraßenbar und betrachtete das abendliche Treiben in der Sukhumvit Soi 11. Zwei attraktive Frauen winkten mich an ihren Tisch, etwa 28, 29 Jahre jung. Ihr American English war perfekt, offensichtlich hatten sie an einer US-Uni studiert wie viel Töchter und Söhne der wohlhabenden Thais. Die Frauen fragten mich, ob ich in Thailand lebte und wie es mir hier gefiele.

Zu diesem Zeitpunkt war ich schon lange genug im Land, um das in der Frage lauernde Minenfeld zu kennen. Ich wusste, was die Damen hören wollten. Und vor allem, was nicht. Dachte ich zumindest. Minutenlang schwärmte ich nun vom Leben in Thailand, was mir nicht schwer fiel, meine Worte entsprachen meinen Empfindungen. Zum Schluss erwähnte ich noch Vorfälle, die mir nicht so gefallen hatten: „Aber welches Land ist schon perfekt?“, fragte ich rhetorisch zum Abschluss.

„Piss off!“, sagten die Hübschen, „if you don`t like it here, go back where you belong.“ Dann drehten sie mir den – in beiden Fällen – wohlgeformten Rücken zu.

Seither weiß ich, dass hier 99 Prozent Zustimmung und ein Prozent angedeuteter Kritik eine Beleidigung darstellen können. Selbst bei Menschen, die Jahre im westlichen Ausland verbracht haben. Teil der thailändischen Erziehung ist es, den Kleinen das Gefühl zu vermitteln, Angehörige eines auserwählten Volkes zu sein. Dieser Teil der Erziehung ist sehr erfolgreich.

Integration? Mein Job!

Mir wäre nie in den Sinn gekommen, meine Gastgeber müssten sich um meine Integration kümmern. Das war und ist allein mein Job, wie auch die Befolgung der Spielregeln, die hier gelten. Beides ist nicht immer einfach, wenn man Jahrzehnte in einer westlichen Kultur sozialisiert wurde und in einer Demokratie westlichen Zuschnitts.

Wie sollte es auch einfach sein? Somerset Maugham schrieb einst über Franzosen und Deutsche, über Nachbarn also (!): „Die Franzosen haben die Handlungsfreiheit. Sie können tun und lassen, was sie wollen, solange sie denken wie alle anderen. Die Deutschen haben die Gedankenfreiheit. Sie können denken, was sie wollen, solange sie das machen, was alle machen.“

Und hier sprechen wir über Asien! Über das Königreich Thailand! In jeder Hinsicht weit weg von meiner Heimat Europa.

Davon bin ich inzwischen überzeugt: Am westlichen Wesen wird Siam nicht genesen. „Unsere Kultur ist eine des Wissens, die asiatische eine Kultur des Erlebens“, sagt mein Freund Bodo Jens Förster, Elefantentrainer nahe Chiang Mai, seit 1992 hier und profunder Kenner Südostasiens.

TIT: THIS IS THAILAND!

Das ist die Antwort, mit der sich alle Expats trösten. Die Ausländer, die hier leben, wenn sich Verständnis und Toleranz wieder einmal mit Windstärke 10 der natürlichen Schmerzgrenze nähern. Man muss nicht alles verstehen in Thailand, siehe Förster, aber man muss damit leben. Und mein Freund John Fengler, New Yorker von Geburt und Asien-erfahren seit mehr als 30 Jahren, bringt die Vorteile eines Lebens in Thailand auf den Punkt: „Natürlich stehst du manchmal kurz vor der Explosion. Aber jeder Tag ist neu, aufregend, erhellend – wer wollte so etwas aufgeben?“ Ich nicht, und er auch nicht.

Mit meinem west-östlichen Tagebuch mag ich ein bisschen spät dran sein, aber das macht nichts. Denn noch immer lerne ich jeden Tag dazu. Durch das Zusammenleben mit meiner Freundin Toey; immer mal wieder auch mit Hilfe der unterhaltsamen, kenntnisreichen Bangkok-Thriller von John Burdett und der sensiblen Essays großartiger Autoren wie Christopher G. Moore (Interview „Schlaf- und zeitlos in Bangkok“). Vor allem aber lerne ich dazu durch die alltäglichen Konfrontationen mit diesem großartigen, spannenden, seltsamen Land: Amazing Thailand.

Beitragsfoto: Citylife Chiang Mai

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Cartoon: Wumo