Mönche sind auch Menschen

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Erleuchtung wäre zuviel gesagt. Aber mir ging ein Licht auf. Gerade noch hat mein Freund Matthew gefragt: „Weißt du eigentlich, dass die Mönche in diesem Tempel 2000 Baht Strafe zahlen müssen, wenn sie beim Rauchen erwischt werden?“ Minuten später biege ich auf dem weitläufigen Gelände um eine Ecke, die Kamera wie immer im Anschlag, und vor mir wedeln drei Mönche erschrocken mit den Händen: „No photos, no photos, please!“

Ich kann nicht beschwören, dass es Rauch ist, was sich da zwischen den heftig wedelnden Händen kräuselt. Um die Situation zu entkrampfen, zeigte ich auf den unterernährten Sitzriesen nebendran: „Wer ist das?“ „Na Buddha, wer sonst?“, sagt einer der Mönche.  Der schwarze Mann stellt Buddha in seiner asketischen Phase dar. Als er (vergebens) versuchte, dem Nirwana durch Enthaltung und Entbehrung näher zu rücken.

Mittlerweile atmen die Mönche wieder normal, ich darf fotografieren.

Einer der schönsten Tempel der Stadt

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Karte: Langeasy – zum Vergrößern auf die Karte klicken

Es gibt etwa 330 Tempel in und um Chiang Mai herum, doch nur zwei vedienen das Prädikat Waldtempel: Wat Palad und Wat U Mong. Tempel in der Natur scheinen dem Wesen der buddhistischen Lehre näher als die oft prächtigen Bauwerke in der Stadt. Der Wat U Mong liegt am Fuß des Berges Doi Suthep, am westlichen Stadtrand. Mit Tuk-Tuk, Taxi oder Motorroller ca. 15 Minuten vom Zentrum entfernt – das sind 15 Minuten, die sich lohnen.

Erstaunliche 60.000 Quadratmeter, großenteils Wald, umschließen den Wat U Mong; unweit der diversen Gebäude wartet ein großer Teich mit Fischen, Schildkröten und Vögeln auf Besucher.

Unterirdische Gebete

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Die Luft wird sofort kühler, Räucherstäbchen bestimmen das Aroma. Es sind die Tunnel mit ihren buddhistischen Statuen, die den Wat U Mong einzigartig gestalten. Ich habe keine offizielle Erklärung gefunden für die umgewöhnliche Bauweise, aber eine Legende.

Bild mit Chedi (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Es gab da einen „Mad Monk“, hoch angesehen, aber wohl ein bisschen verstrahlt. Für ihn wurde unter dem Chedi ein Tunnelsystem angelegt; es sollte den ruhelosen Mönch davon abhalten, sich in die Wälder zu verirren. Stattdessen wanderte er nun, so heißt es, stundenlang innerhalb der Tempelanlage umher, bestaunte die Wandmalereien in den Tunneln und blieb so den Kollegen erhalten.

Drei Eingänge zum Tunnelsystem (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Wer diese Version für überzeugend hält – bitte schön! Zugestanden: Es ist in der Tat faszinierend, unter der Erde von Buddha zu Buddha zu wandern. Stundenlang muss jedoch nicht sein.

Location für Novizen und Hochzeitsfotos

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Schon in der Vor-Instagram-Ära war der Waldtempel ein fotogenes Ziel für Einheimische und Besucher. Fast täglich posieren hier Pärchen für Bilder im traditionellen Lanna-Stil – sie sollen die baldige Hochzeit garnieren. Vor allem aber zieht der U Mong junge Männer an, die in attraktiver Kulisse die orangene Mönchskutte überstreifen wollen, wie es seit Jahrhunderten Brauch ist in Thailand.

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

So auch heute: Es ist ein Samstag im August, sieben Männer werden ordiniert. Darunter auch einer der vielen Söhne unserer Freundin Orr. Freunde und Familie sind eingeladen zur Zeremonie, wir alle erscheinen gegen zehn Uhr morgens. Die nächsten vier Stunden verteilen sich auf Frühstücken, Ordinierung und Warten.

Mit der Betonung auf Warten. Für Thailänder, für Asiaten generell kein Problem. Ich aber wurde im Westen auf Effizienz getrimmt, mein inneres Tempo neigt zur Ungeduld. Gerade jetzt geht es mir wie bei einer Oper von Richard Wagner: Ich schaue nach einer Stunde auf die Uhr und sehe: es sind erst zehn Minuten rum.

Plötzlich aber kommt Bewegung in die wartenden Familienverbände, es wird laut. Klare Indizien dafür, dass Geld im Spiel ist.

Die angehenden Mönche werfen, so vermute ich, Kamelle ins Publikum. Handelt es sich hier um die karnevalistische Phase auf dem spirituellen Weg? „Nein“, sagt meine Frau, „it`s for lucky.“ Liebevoll verpackt, regnen Ein-Baht-Münzen auf die begeisterte Gemeinde herunter. Reich kann damit keiner werden, aber vielleicht glücklich. Als Orrs Sohn der gierigen Menge gar 50-Baht-Scheine zeigt (ca. 1,25 Euro), hebt ein Gekreische an, dass ich zuvor nur aus sicherer Distanz im deutschen Sommerschlussverkauf am Wühltisch erlebt habe.

Ui ist nun Mönch auf Zeit

Orrs Sohn heißt Ui. Thai ist eine tonale Sprache, da dominieren die Vokale. Für westliche Ohren klingt mancher Satz wie Lautmalerei. Ui ist nun Mönch auf Zeit. Er kann selbst entscheiden, wie lange er im Kloster bleibt. Sieben Tage allerdings sind das Minimum für seine Klausur.  Wie seine Mit-Novizen hat er eine nur vage Vorstellung von dem, was auf ihn zukommt. Ob das Dasein im Tempel sein Leben verändern wird, liegt ganz allein an ihm. In den nächsten Tagen wird er viele Touristen sehen auf der Anlage. Sie suchen das Gespräch mit den Mönchen; manche checken sogar ein, um ein paar Tage zu meditieren.

 

Orr (rechts, stehend) mit dem frischgebackenen Mönch Ui und Freundinnen

Zum Abschluss gehen die neuen Mönche mit dem Klingelbeutel herum. Eine Ordinierung kostet um die 20 000 Baht (um die 500 Euro). Für viele Familien eine stolze Summe, da wird die Großzügigkeit der Freunde zur Pflicht.

700 Jahre Wat U Mong

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Chiang Mai war einst die Hauptstadt des Lanna-Reiches. Offiziellen Angaben zufolge ließ König Mangrai den Tempel 1297 erbauen. Irgendwann im 15. Jahrhundert sollen die Mönche das Gelände verlassen haben, schnell verschwand der Tempel im wuchernden Dschungel. Erst um 1948 herum wurde er wiederentdeckt und von Schülern des berühmten Mönchs Buddhadasa Bhikku bewohnt.

Für Besucher ist der Wat U Mong Suan Phutthatham – nicht zu verwechseln mit dem Wat Umong Maha Therachan in Chiang Mais Altstadt – von sechs Uhr morgens bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt frei. Wie in allen buddhistischen Anlagen gilt für Besucher: Keine kurzen Hosen, keine schulterfreien Tops.

Video und Fotos: Bernd Linnhoff

Auch diese Geschichte spielt am Tempel:

Am Wat U Mong zockt der Hunde-Mob

Stefan Wagner hat am Wat U Mong diese Entdeckung gemacht:

Der Friedhof der Buddha-Statuen

Ein weiterer Waldtempel in Chiang Mai:

Wat Palad – der magische Tempel