Die Pagode – das UFO über der Stadt

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Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost

In ganz Myanmar prägen Mönche, aber auch Nonnen das Straßenbild wesentlich stärker als zum Beispiel in Thailand. Denn im ehemaligen Burma ist der Buddhismus noch nicht zum Ritual verkommen, sondern immer noch Leitmedium fürs Leben. Vielleicht auch deshalb, weil Glaube und Religion in Diktaturen den Menschen oft letzte Zuflucht bieten.

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Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost

Shwedagon bedeutet für die Buddhisten in aller Welt fast so viel wie Mekka für Muslime. Die Pagode ist das Wahrzeichen der ehemaligen Hauptstadt und des Landes Myanmar. Knapp 90 Prozent der Burmesen folgen Buddhas Lehre, obwohl sie, anders als in Thailand oder Kambodscha, nicht Staatsreligion ist.

Jede Religion oder Lebensphilosophie – als solche verstehen wir Westler den Buddhismus eher – kann im Alltag nur so gut sein wie von ihren Anhängern gelebt. So schrieb vor wenigen Tagen Sanitsuda Ekachai in der Bangkok Post: „Thailand hat die buddhistischen Ideale verraten.“ Das Land bezeichne sich fälschlicherweise als buddhistisch, die Landesreligion gerate zur reinen Show.

Für diese Wahrnehmung gibt es viele Gründe, den aktuellsten lieferte ein gewisser Amnart Buasiri. Er sagte sinngemäß: Wenn wir den Geschäftsleuten aus dem Westen den Buddhismus so schmackhaft machen, dass sie konvertieren, werden sie mehr Geschäfte mit uns machen und dadurch unsere Handelsbilanz verbessern. Wir müssen Buddhismus als Produkt begreifen und exportieren.

Herr Buasiri ist stellvertretender Direktor des thailändischen Buddhismus-Büros, seine Aussage hat also Gewicht. Mag er sich die Verbesserung der Außenhandelsbilanz auch recht simpel vorstellen, so dürfte Buddha angesichts der Kapitalisierung seiner Lehre gleichwohl unter dem Bodhi-Baum rotieren. Falls es dieses Gewächs im Nirwana geben sollte.

Eine seltsame Entwicklung: Im kapitalistischen Westen gewinnt der Budddhismus Anhänger, die eines Lebens überdrüssig sind, das auf materielle Werte fixiert ist; zeitgleich überlegen die Führer in einer buddhistischen Hochburg, wie sie die Relgion als Produkt materiell ausschlachten können.

Zurück nach Yangon: Spiritualität und Business praktizieren schon jetzt friedliche, profitable Koexistenz. Auf den letzten hundert Straßenmetern vor dem Aufstieg zur Shwedagon-Pagode werden sie mehr, die Buddha-Figuren, die Garküchen, die Stände mit Devotionalien. Schon läuft ein fröhliches kleines Mädchen neben mir her, in der Hand eine Plastiktüte. Keine Ahnung, was sie von mir will; meine abwehrenden Gesten ignoriert sie lächelnd.

Dann stehen wir am Fuße des Aufgangs. Ab sofort geht es nur noch barfuß weiter. Wohin mit meinen Schuhen? Jetzt bräuchte ich – eine Plastiktüte. Nur ein Dollar, Sonderangebot, gekauft. (Drei Stunden später, nach meiner Rückkehr, sehe ich das Mädchen, als ich mir gerade die Schuhe wieder anziehe. Ich gebe ihr die Plastiktüte zurück. Lautes Lachen, High Five, tolle Geschäftsidee, und auch noch nachhaltig).

Der Weg zur Hölle sei, so heißt es, mit guten Vorsätzen gepflastert. Der Aufstieg zur Shwedagon-Pagode gerät zum merkantilen Fegefeuer. Auf den vier steilen Treppen, nach den Himmelsrichtungen angelegt, sieht sich der gemeine Pilger mit einem Angebot konfrontiert, als hätten alle Teilnehmer der Champions League (Gruppenphase) ihre Fanartikel dort platziert. Die Produkte haben zwar wenig mit Fußball gemein, doch die Verbindung zum Buddhismus erschließt sich nur mit Mühe.

Hier zwei Holz-Esel, dort zwei Zebras, ebenfalls aus Holz geschnitzt: Nähern wir uns der Arche Buddha? Ein ferngesteuerter Radfahrer im Phantasietrikot, nimmermüd im Kreis fahrend: Modernes Gleichnis für das Darmachakra (Rad der Lehre)? Symbol für das Leben als Hamsterrad? Angesichts des verführerischen Angebots verdrängen auch Nonnen und Mönche das edle Gebot der Bedürfnislosigkeit. Zumal sie auch religiös korrekte Ware vorfinden: Bücher, Glücksbringer, Buddha-Statuen und -Bilder, Kerzen, Blumen, Räucherstäbchen, Blattgold und andere Opfergaben, Gebetsfahnen.

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Ein paar Stufen noch, dann ist es geschafft. Ich habe die Plattform (60 000 qm Marmorplatten) erreicht. Vor mir glitzert, nur wenige Meter entfernt: Die Pagode.

Yangon 1: Aung San Suu Kyi – Im Lager der Ikone
Yangon 2: Thanaka und Garküchen
Yangon 3: Vom Altbau zum Neuhaus
Yangon 4: Arsenal in der Seitenstraße
Yangon 6: Spirituelles Kehren im Gebirge der Pracht