Spirituelles Kehren im Gebirge der Pracht

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Hier ist tatsächlich alles Gold, was glänzt. Lieber`n bissken mehr, aber dafür wat jutet, wie der Berliner sagt. Und welche Pagode hat schon eine eigene Homepage?

Besser als Jacob Strobel y Serra in der FAZ kann man die Shwedagon und das tägliche Gewusel zu ihren Füßen nicht schildern:

„Vor 2600 Jahren, drei Wochen nach der Erleuchtung des Erleuchteten, wurde der Grundstein gelegt. Zwei Brüder kehrten damals mit acht Haaren Buddhas aus Indien zurück und schenkten sie ihrem König, der sofort einen Tempel errichten ließ. Zweieinhalbtausend Jahre später ist daraus ein ganzer Tempelberg geworden, ein Gebirge der Pracht und Herrlichkeit aus Dutzenden von Pagoden und Pavillons, Skulpturenspalieren und Monumentalglocken, Opfersteinen und Devotionalienständen rund um eine goldglänzende Haupt-Stupa, die wie Gottes Zepter für alle Ewigkeit in einem Hügel steckt.

Es ist ein buddhistisches Tohuwabohu aus Tausenden mythologischer Wesen vom fliegenden Elefanten bis zur züngelnden Himmelsschlange, aus Hunderten Opferschalen, in denen Sesamöl flackert, aus Dutzenden Verkaufsständen, an denen Frauen Blattgoldspenden wie Marktweiber ihre Heringe anpreisen. Und auch sonst ist bei aller Heiligkeit genug Platz für Profanes und Skurriles – etwa für haushaltsübliche Fußmatten an Tempeleingängen, auf denen ein herzhaftes „Welcome“ steht, oder für Leuchtreklamen-Buddhas, um deren Köpfe rote und blaue Neonlichter als Symbol der Erleuchtung blinken und die doch eher an amerikanische Tankstellenwerbung erinnern.“ Zitat Ende.

120410_Yangon-6-spielendes-KindSpielende Kinder sind hier ebenso alltäglich wie der Megaphon-bewaffnete Führer einer munter schnatternden, in strenger Formation vorbei eilenden Gruppe aus Korea oder Japan.

Ein höchst lebendiges Heiligtum erlebe ich auf dem Singuttara-Hügel in Yangon. Das genaue Gegenteil katholischer Gotteshäuser, die mich als Kind mit ihrer einschüchternden Stille und ihrem Zwang zum Stillstehen, Stillsitzen und andächtigen Stillknieen zur Tür hinaus getrieben haben. Die 2600-Jahr-Feier der Shwedagon-Pagode im März 2012 hingegen gestaltete sich so quietschfidel und laut, dass selbst für Geübte an Meditation nicht zu denken war.

Fünf Dollar kostet der Eintritt für Ausländer, für Einheimische ist er frei. Die ersten Birmaner treffen schon morgens um vier Uhr ein, für die Gäste aus aller Welt werden die Tore um Sechs geöffnet. Wer die Anlage zum Sonnenaufgang besucht oder aber zum Sonnenuntergang, genießt stimmungsvolles Licht und halbwegs moderate Temperaturen. Doch nur wer gegen fünf Uhr nachmittags eintrifft, wird Zeuge eines täglichen und doch außergewöhnlichen Schauspiels. Denn dann heißt es: Auf die Bäume, ihr Touris, die Plattform wird gefegt!

In Reih und Glied treten sie an, die Damen, einen Besen in der linken und einen in der rechten Hand. Wen haben wir denn da? Schwäbische Hausfrauen auf Abwegen, Kehrwochen gestählt? Hausfrauen, die in ihrem Urlaub im Zweistundentakt den Fußboden des Flughafens Changi in Singapur sauber lecken, wie Kabarettist Horst Schroth einmal vermutete? Oder doch eher einen Esoterik-Leistungskurs: Spirituelles Kehren in der Gruppe?

Es ist vielmehr so: Jeden Tag melden sich Freiwillige zum Säubern der Marmorplatten. Gewünschte Voraussetzung, aber nicht Pflicht: Sie sollten an diesem Tag Geburtstag haben. Auch Ausländerinnen mischen sich ins Putzgeschwader. Neben mir stand ein Engländer aus Stoke-on-Trent, nennen wir ihn Carl. Er wollte den Blick nicht mehr wenden von seiner Lebensgefährtin, die auf Linksaußen fegte und vor lauter Stolz auf den größten Aktionsradius rote Bäckchen bekam. „Why don`t you do that at home?“, rief Carl ihr zu, was ihm als Antwort ein verspieltes “Shut up!” eintrug. “Sounds familiar”, murmelte Carl, diesmal mehr für sich.

Irgendann war genug gekehrt. Es dämmerte, wurde Nacht. Erneut wechselten Licht und Stimmung. Immer mehr Menschen bevölkerten die Plattform, umkreisten die Pagode, immer links herum, das gehört so. Mönche meditierten, Weihrauch lag in der Luft. Scheinwerfer tauchten das Figurenkabinett der Pilger, die Hauptstupa, die 64 kleineren Tempel und Pagoden, die 1485 Glocken und zahllosen Buddhas in warmes Glühen. „Wie ein goldener Hoffnungsschimmer in der Seele dunkler Nacht“, schrieb Somerset Maugham überwältigt.

Bis zehn Uhr ist die Pagode am Abend geöffnet. Mit all den Schnörkeln und Verzierungen, dem Blinken und Leuchten, mit all dem Gold und den mythischen Gestalten mag die Anlage manchem Westler erscheinen wie ein Disneyland für Buddhisten. Denen ist das egal – ihre so einfache wie direkte Verbindung zu diesem Zentrum spiritueller Kraft hält sich nicht mit Marginalien auf.

Update am 6. Juli 2015: Neues Goldgewand für die Shwedagon-Pagode

Yangon 1: Aung San Suu Kyi – Im Lager der Ikone
Yangon 2: Thanaka und Garküchen
Yangon 3: Vom Altbau zum Neuhaus
Yangon 4: Arsenal in der Seitenstraße
Yangon 5: Buddhas weisen den Weg