Kyaw Myo Tun – ein bewegtes Leben

Wer die Bedeutung von Visitenkarten in Asien unterschätzt, kann auch gleich im zerschlissenen Anzug und Flip-Flops zum Termin erscheinen. In Fernost können die Kärtchen die Anatomie eines Erfolges buchstabieren. Sie definieren Status und Rolle und können dabei so elastisch sein wie ein in Bambus geflochtenes Regierungsversprechen.

Würde Kyaw Myo Tun den Titel auf seiner Business Card abkürzen, wie es im Management so Usus ist, dann wäre der 61-Jährige CEO des Reiseunternehmens AsiaTrips. CEO sieht aus wie Chief Executive Officer und klingt nach Boss. Doch der Chef der Firma mit Sitz in Yangon heißt Christian Mosebach. Welche Rolle also spielt Kyaw?

Er ist Chief Experience Officer – das E steht für Erfahrung

Von dieser Erfahrung will ich ein paar Unzen abzapfen bei unserem Gespräch an einem Nachmittag in Yangon. Wir treffen uns in der generös dimensionierten Pfauen-Lounge des Sule Shangri-La Hotels.

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Die Pfauen-Lounge im Shangri-La Hotel zu Yangon (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Eine Drei-Mann-Kapelle intoniert in dezenter Lautstärke amerikanische Klassiker. Der Mann am Nebentisch könnte Ian Rush sein, die Mittelstürmer-Legende des FC Liverpool, in einer etwas älter gewordenen Version natürlich. Doch was sollte der hier?

„Die Shwedagon-Pagode ist unser Schutzengel“

10 Tipps für Yangon möchte ich gerne einholen von Kyaw Myo Tun, Empfehlungen eines Kenners. Sein Tipp Nr. 1 allerdings steht in jedem Reiseführer. Denn es führt kein Weg vorbei am wichtigsten Bauwerk Myanmars. „Ohne den Besuch der Shwedagon-Pagode“, sagt Kyaw, „bist du nicht hier gewesen. Sie ist unser Schutzengel, sie ist Anfang und Ende, wenn man unser Land verstehen will.“

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Die Shwedagon-Pagode (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Drei Minuten später sind wir beim Theravada-Buddhismus gelandet; mein eigentliches Vorhaben liegt schon jetzt in Trümmern. Dafür erlaubt mir Kyaw, auf seine ernsthafte, fast pädagogische Art, einen gebührenfreien Einblick in das Wesen der Burmesen, in sein eigenes Leben und seine Profession. Was sind dagegen 10 Tipps für Yangon?

Harter Einschnitt: Der Aufstand 1988

Länder mit unruhiger Historie bringen bewegte Biografien hervor, selten zur Freude der Betroffenen. Ab 1981 wirkte Kyaw als Reiseleiter, auch für japanische Partner. Das Jahr 1988 markierte eine gravierende Zäsur – für Burma und den jungen Kyaw.

Am 8. August demonstrierten Studenten im ehemaligen Rangun friedlich, so war es gedacht, für Demokratie. Das Vorhaben endete am 18. September mit der blutigen Niederschlagung durch das Militär und tausenden Toten, meist Mönche (!) und Zivilisten (hauptsächlich Studenten).

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Burmas Sehenswürdigkeiten – ohne Touristen (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Touristen blieben dem Land in der Folge fern, Reiseleiter ohne Job. Kyaw verließ seine Heimat, seine Frau und seine beiden Söhne. Für einen japanischen Auftraggeber arbeitete er ein Jahr lang im Land der aufgehenden Sonne, anschließend drei Jahre in New York, von 1992 bis 1995 erneut in Japan.

Er inhalierte Fleiß, Ehrgeiz, Effizienz und Professionalität – Eigenschaften, die in Japan und den USA Grundausstattung waren für Erfolg im Job. Heute spricht Kyaw neben seiner Muttersprache auch Japanisch, Englisch und ein wenig Französisch. 2003 hat er noch einmal geheiratet, eine Tochter komplettiert die Familie.

Eine gestandene Persönlichkeit – ein Lehrer

Kyaws komprimierte Erfahrung ist kostbar für ein Land, das sich erst seit kurzem wieder dem Tourimus öffnet: Ein gestandener Mann, der über Technik, Wissen, Disziplin und die Kunst der Kommunikation verfügt und diese Kompetenzen nun lehren kann.

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Burmas Schätze – mit Touristen

„Kyaw bringt alles mit, um die Mitarbeiter in unseren fünf Destinationen zu schulen, in Myanmar natürlich, aber auch in Laos, Vietnam, Kambodscha und Thailand“, sagt AsiaTrips-Geschäftsführer Mosebach, „er wählt die Guides aus und die Fahrer. Denn die lösen letztlich das Versprechen ein, welches unsere Kunden mit einer Buchung verbinden.“

„Der Tourismus boomt hier. Doch ein echtes Interesse der Reisenden an unserem Land“, weiß Kyaw, „hängt von denen ab, die ihnen Myanmar vermitteln. Ein Guide muss Verantwortung leben für sein Land und dessen Gäste, er muss die Menschen respektieren – erst auf der Basis kann er eine persönliche Beziehung aufbauen, aus der Reputation und Empfehlungen an andere Touristen folgen.“

„Alle achten nur noch auf den Preis – keiner auf den Wert“

Kyaws Rat an die Tourguides in seinem Heimatland:

– Sei du selbst
– Sei Myanmar
– Sei der Beste

„Wenn die Kollegen dies auf Dauer beherzigen, dann wird Myanmar top.“ Sein Wunsch an die Touristen: „Achtet nicht nur auf den Preis – schätzt auch den Wert.“

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Nach unserem Gespräch gehe ich die Treppe hoch zur Pool Bar im ersten Stock. Dort haben sich bereits die ersten Fans die besten Plätze gesichert, um später die Partie FC Liverpool – Manchester United live im TV zu verfolgen. Einer der Männer sieht schon wieder aus wie ein älterer, immer noch sportlicher Ian Rush.

Ian Rush

Das könnte daran liegen, dass er es ist. Wie ich am Abend der Website Yangon Life entnehme, repräsentiert Rush im Shangri-La an diesem Tag seinen Klub bei der Besiegelung des ersten Sponsorvertrages mit einem burmesischen Partner (Cobra).

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Ich setze mich an die Bar, um eine Zigarette zu rauchen. Das geht hier nämlich noch. Zwar ist das  Shangri-La nicht älter als 20 Jahre (und hieß bis vor kurzem noch „Traders“), aber ein wenig vom kolonialen Charme Burmas hat an dieser Tränke überlebt. Da darf sich political correctness auch mal in Rauch auflösen.

Fotos: B. Linnhoff, Homepage Sule Shangri-La Hotel, Yangon Life