Bedarf schlägt Romantik

Yangon bringt optisch eine Menge mit, um Touristen anzuziehen. Viel Grün, dazu ein augenfälliges Erbe kolonialer Architektur, zwei Seen, Pagoden. Bitte, so hofft der Romantiker in mir, konserviert das koloniale Erbe! Hegt und pflegt die grüne Lunge! Und keine Hochhäuser!

Denn die Metropolen Asiens ähneln einander immer mehr. Stahl, Beton, Glas geben den materiellen Rahmen vor, globale Trends drängen Tradition ins Abseits. „Kulturelle Verflachung und wachsende Uniformität“, konstatiert der Waliser Stephen Pimbley, Gründungsdirektor des Architekturbüros Spark in Singapur, womit die Herausforderung für Architekten definiert ist:  „Wie erkennen wir wieder die Identität eines Ortes, ihren Charakter – und bewahren ihn oder schaffen ihn neu?“

Für die Yangoner ist die Diskussion über Ästhetik und lokale Identität ähnlich wichtig wie das Bruttosozialprodukt von Ecuador. Unsere, die westliche Perspektive ignoriert den aktuellen Bedarf. Die Stadt benötigt Wohnraum für Einheimische und Hotels für Gäste, und zwar zackig. Es fehlt jedoch an vielem, vor allem an Baumaterial. So kann Neues nur gebaut werden, wenn das Alte zuvor abgerissen wird. Manchmal buchstäblich Hand in Hand – verzögert sich der Abriss, muss der Neubau warten. Bis zu 65 Prozent des alten Gebäudes stemmen das neue.

Fünf Millionen Menschen leben derzeit in Yangon. Tendez steigend. Gebrauchte japanische Autos dominieren den lokalen Verkehr, Tendenz außerordentlich steigend. Ein ernstzunehmendes öffentliches Nahtransportsystem fehlt. Hier wachsen die Herausforderungen, wollen die Burmesen die Goldgräberstimmung ausländischer Investoren nutzen.

Mit der Währungsreform am 1. April schaffte die seit 2011 formal zivile Regierung zumindest die praktische Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft. Der Wechselkurs des einheimischen Kyat wurde dem bisherigen Schwarzmarktkurs angepasst, für einen US-Dollar gibt es nun auch offiziell ca. 800 Kyat (sprich: tschat). Unter der Militärjunta wucherte bis Anfang 2011 ein babylonisch anmutendes Devisenregime mit mindestens acht staatlich fixierten Wechselkursen. Diese galten indes als ausgesprochen realitätsfremd, sie betrugen manchmal 6 Kyat für einen Dollar. Angesichts des geringen Vertrauens in den Kyat etablierte sich der Dollar als Parallelwährung.

1204006_Business digital-Umgebung analogDa man wegen internationaler Sanktionen seit 2003 nicht mehr mit ausländischen Kreditkarten bezahlen konnte und Geldautomaten ein Thema für die Zukunft sind, musste der Tourist das gesamte Reisebudget in Dollar und bar mit sich herumtragen. Das fördert die Achtsamkeit; auch ich frage meine Scheine von Zeit zu Zeit: Seid ihr noch alle da?

Die Banknoten müssen nagelneu, frisch gewaschen und gebügelt sein, sonst werden sie weder von Taxifahrern noch anderen Dienstleistern angenommen. Weil sie sonst, so die Argumentation, von der Bank nicht akzeptiert würden. Das klang bei unserem ersten Myanmar-Aufenthalt im April 2011 nach Märchen, stimmte aber leider.

Etwas lockerer ist es inzwischen geworden. Meine Dollarnoten, vor dem Abflug am Flughafen in Bangkok gewechselt, waren zwar zum Teil geknickt oder ließen die Eselsohren hängen, aber sie wurden  immerhin agenommen. Begleitet von mißbilligendem Zähneknirschen. Seit der Währungsreform ist das Vertrauen in die Landeswährung so gewachsen, dass nun viele Händler, Gastronomen etc. Kyat verlangen statt Dollar.

Also tauschte ich 200 Dollar zum offiziellen Kurs von 1 USD – 800 MMK (Myanmar Kyat). In einem Straßenrestaurant, wo der letzte Tisch dem Schwarzmarkttausch reserviert war. Legal? Geduldet? Keine Ahnung. Ein Foto jedenfalls schien nicht opportun.

Erst recht nicht an der Polizeistation nahe der Sule-Pagode. Aber da war es schon passiert.

120407_Yangon-3-Polizeistation