…in der Stadt der Engel

Christmas Bangkok

Kürbis oder Christkind, Halloween oder Weihnachten: Hauptsache Feiertag. Denn fürs Feiern nehmen die Thais jede Vorlage volley. Auch dann, wenn die kulturellen oder spirituellen Anstöße aus dem Westen kommen oder aus Nahost. Hauptsache „Sanuk“ – Spaß. Und wenn sich dann noch Umsatz machen lässt: Perfekt!

Die Kathedralen des Konsums

Nüchtern betrachtet ähnelt die Vorweihnachtszeit im buddhistischen Bangkok der im katholischen Köln stärker als vermutet. Hier wie dort stehen die wahren Tempel in der Einkaufsmeile, hier wie dort stürzen sich Einheimische und Besucher mit religiösem Eifer in die Kathedralen des Konsums. Besser als im „Emporium“ an Bangkoks Sukhumvit Road bringt es kein Dekorateur auf den Punkt:

Christmas Bangkok

Lieber Weihnachtsmann, es reicht, wenn Du Deine Kreditkarte unter den Baum legst (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Christmas Bangkok

Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Das ist direkt, das ist ehrlich. So ehrlich wie der von Tiffany & Co. gesponserte Baum vor dem Emporium mit freiem Blick auf den Schriftzug Cartier.

Im tropischen Bangkok beginnt die Vorweihnachtszeit nur wenig später als der Einmarsch der Dominosteine in deutschen Supermärkten. Vor den Cafés an der Thonglor Road berieselt ab Ende Oktober eine vertraute US-Combo den Latte Macchiato: Kitty Wells, Bing Crosby, Perry Como, Frank Sinatra auch. Begnadete Künstler in der Blüte ihrer Arterienverkalkung – sie waren schon alt, als ich noch kurze Hosen trug. Und das ist lange her.

Und, oh ja, wir kennen ihre Lieder: Jingle Bells. Frosty the Snowman. Winter Wonderland. Mindestens zweimal pro Stunde tänzelt Rudolph, das rotnasige Rentier frohgemut durch den Gehörgang. Da scheint es nur natürlich, dass man dem Little Drummer Boy schon Wochen vor der Heiligen Nacht die Trommelstöcke um die Ohren hauen will.

Auch in diesem Jahr feiere ich das Fest wieder in der alten Heimat, im Kreis meiner Familie im westfälischen Hamm. Thailands Weihnachtsparty in knalligen Farben vermisse ich nicht. Den deutschen Schnee hingegen, inzwischen nur noch flockige Erinnerung, den vermisse ich schon. Meine Familie weiß mittlerweile, dass während meines Aufenthalts absolute Schneefreiheit garantiert ist – von solch präzisen Prognosen kann das Wetteramt Essen nur träumen.

Doch warum sollte ich die Hoffnung aufgeben, wenn selbst Bangkok singt: Let it snow.

Etwa 85 Prozent der Thailänder kennen Schnee nur von Bildern. Also ist die Faszination groß; groß genug, um trotz der Außentemperaturen von schmächtigen 30 Grad Geschäft zu versprechen. Seit einigen Wochen feuern fleißige Kanonen die weiße Pracht auf vermummte Bangkokians. In der „Snowtown“, durchaus hoch gelegen, im fünften Stock des Kaufhauses „Gateway“ an der Skytrain-Station Ekamai.

Bangkok Snowtown

Snowtown Bangkok (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Erst shoppen, dann Schlitten fahren. Kommerz und Sanuk: Weihnachten in der Stadt der Engel.

Christmas Bangkok

Fotos: B. Linnhoff, Andi Tremmel (2)