Der faule Zahn am Chao Praya

Update September 2017:

Das passt: Der Ghost Tower ist nun Schauplatz eines Horrorfilms. Spezialist Sophon „Jim“ Sakdaphisit drehte Puen Thee Raleuk („Das Versprechen“) im 47. Stock der Ruine. Regisseur, Schauspieler und Techniker kletterten Drehtag für Drehtag in den 47. Stock; nur für schweres Gerät wurde ein kleiner Lastenaufzug installiert. Fazit des Regisseurs: „Dieses Gebäude ist schön und schrecklich zugleich.“

Ghost Tower Bangkok

2014 erhängte sich der schwedische Rucksacktourist Stig Johan Kristian Hammarsten im 43. Stock. Jahre zuvor saß der Architekt des Gebäudes in Haft, weil er angeblich plante, den Präsidenten des Obersten Thailändischen Gerichtshofs umzubringen.

Nahe am Eingang des Turms steht ein brüchiger Schrein, mit Räucherstäbchen und geöffneten Flaschen Roter Fanta, dem Lieblingsgetränk der Geister. Khun Suwaschai Dadaelor, der derzeit amtierende Wachmann, kennt sich aus. Täglich zollt er den Geistern Respekt, nachts suchen sie ihn dennoch heim. Einer, so sagt er, hat ihn beobachtet, hinter einer Säule stehend, ein kräftiger Mann im Lendenschurz mit glattem, schwarzen Haar.

Noch Fragen, warum die Ruine am Ufer des Chao Praya Ghost Tower genannt wird?

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Er ist hässlicher noch als hoch, dieser neo-klassizistische Steinhaufen. Doch jeder schaut hin. Auch ich. Oft genug trübten die 49 ruinierten Stockwerke meinen Blick, wenn ich am Fluss ein Bangkok-Wochenende einläutete. Nur wenige Meter entfernt liegt der Sathorn Pier unter der Taksin-Brücke, Ausgangspunkt für Touren durch die Klongs und Trips auf dem Chao Praya zum Mandarin Oriental Hotel. Gerne auch noch ein Stück weiter, zum alten Bangkok, nach Rattanakosin und Phra Nakhon. Jedes Mal habe ich mich gefragt, welche Geschichte im Gemäuer dieses Grusel-Turms wohnt. Und jedes Mal war ich zu faul, dem Thema nachzugehen.

„Sathorn Unique“, so der offizielle Name des Gebäudes, ist weltweit eines der meist-bestaunten Bauwerke, die nie fertig wurden. Bei 80 Prozent war Schluss; im Endspurt ging das Geld aus. In die Rudimente geplanter Luxuswohnungen, geplant für Thai-Yuppies, zogen Drogensüchtige ein. Streunende Hunde, Fledermäuse, Vögel und Penner. Mietfrei, versteht sich.

Bangkoks „Ground Zero“, so nennt der Amerikaner Jim Algie den Turm in seinem Buch „Bizarre Thailand“. Ein gewagter Vergleich. Doch auch der Ghost Tower erinnert als stummer Zeuge an ein Ereignis, das viele Menschen gerne vergessen würden.

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Pas de Deux Toilettes (Foto: Expertvagabond)

Nach beispiellosen Boomjahren stürzte Asiens Finanzkrise 1997 viele Thais in Verzweiflung und in den Ruin. Der Tanz der Baukräne endete abrupt. „Sathorn Unique“ blieb nicht das einzige Hochhaus ohne Happy End, aber das eindrucksvollste.

In der Folge erlaubte der Besitzer gegen 500 Baht Eintritt (etwa elf Euro) eine Kletterpartie im Geisterhaus, um Vandalismus und Einbrüche zu unterbinden. Abenteurer aus aller Welt huschten in das Denkmal der zerstörten Träume. Mit der Taschenlampe in der Hand, mit dem Herzen in der Hose oft, doch voller Adrenalin, so stiegen sie die Treppen hoch zum Wohle einer gepflegten Oberschenkelmuskulatur.

Den Fahrstuhlschächten fehlte Wesentliches – Türen und besonders Fahrstühle. Aus 185 Metern blickten die Schwindelfreien schließlich auf Bangkok. Und direkt auf den ebenfalls neoklassizistischen, vor allem aber kompletten Bruder des Ghost Tower, das Hotel Lebua State Tower.

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Ruine mit Aussicht (Foto: Expertvagabond)

Mittlerweile ist es verboten, im mehr und mehr verfallenden Ghost Tower herumzugeistern. Für eine ähnlich gute, ja bessere Aussicht müssen nun auch die Waghalsigen einen langweiligen, aber funktionierenden Lift nehmen. Dank der Sky Bar gegenüber im 63. Stock ist der Lebua State Tower heute eine der Attraktionen Bangkoks.

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Sky Bar mit Dome im 63. Stock (Foto: Lebua State Tower)

Anmerkung: Da ich nie die Chance hatte, den Ghost Tower persönlich heimzusuchen, habe ich bei den Fotos zum Innenleben externe Bilder verwendet; sie sind entsprechend ausgezeichnet. Das beeindruckende Titelfoto fand ich in dem Blog „The Adventurizer“ von Chris König.