„U Po Kyin, Distriktrichter in Ober-Burma, saß auf seiner Veranda. Es war erst halb neun, aber man schrieb den Monat April, und in der Luft lag eine Schwüle, eine Drohung der langen, stickigen Mittagsstunden…“ Die Warnung kommt für mich zu spät. Als ich George Orwells „Tage in Burma“ anlese, habe ich zuvor schon ein paar Kilometer auf einem alten Damenfahrrad ohne Gangschaltung weggestrampelt, auf sandigen Pisten, es ist leider bereits Mittag und April sowieso.

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Nach dem Frühstück und vor der Tempeltour entschied ich mich für das Rad und gegen den Pferdekarren. Denn in letzterem sitzt du wie der Trabrennfahrer im Sulky, aber bei hohem Seegang. Das Orwell-Buch entdecke ich nahe dem Tempel Ananda Phaya an einem Verkaufsstand. In der deutschsprachigen Ausgabe von Diogenes, damit muss man nicht rechnen in Birmas Savanne. Über seine Nachbarin im Regal kann Orwell nicht klagen, es ist Lady Suu Kyi. 15 Dollar will die Verkäuferin haben für Orwell („No copy!“), ich biete acht, und sie sagt: Okay.

Vertreter der Fraktion „Haste einen Tempel gesehen, haste alle gesehen“ können sich den Ausflug nach Bagan sparen. Je nach Quelle zwischen 2000 (wahrscheinlich) und 4000 (eher nicht) Tempel stehen hier in der Gegend herum. Wenige kann man bis zum ersten oder zweiten Level besteigen, die meisten zumindest betreten. Vorher gilt „Schuhe und Socken ausziehen“, mithin heißen die praktischen Lösungen Slipper, Flip-Flops oder Crocs. Die Abteilung Schnürschuh hat frei.

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Das Tempelareal von Bagan (erbaut im 11. bzw. 12. Jahrhundert) darf sich fraglos vergleichen mit den Azteken- und Maya-Bauwundern in Mexiko oder mit Angkor Wat in Kambodscha. Warum aber wurde gerade hier ein Guinness-Buch der Rekorde in Stein gehauen? Jede Pagode, jede Stupa, jedes Kloster belegt die einst blühende Wirtschaft in dieser Region; sie belegen zugleich, wie tief die birmanische Kultur schon damals vom Buddhismus durchdrungen wurde.

Könige, ihre Frauen und Nachkommen, Minister, reiche Kaufleute, betuchte Bürger errichteten mit jedem Tempel ein Mahnmal ihrer Religiosität, verbunden mit dem Wunsch, zu Lebzeiten Verdienst zu erwerben für eine angemessene Wiedergeburt.

Mit jedem Tempel mehr erscheint es unbegreiflicher, dass dieses Areal noch immer auf den Titel „UNESCO Weltkulturerbe“ wartet. Sie finden keinen Kompromiss, die Puristen der UNESCO und die Pragmatiker Myanmars.  Tempel oder Bauwerke, die zu zerfallen drohen oder bereits in Bröckchen am Boden liegen, werden manchmal mit Materialien hochgepäppelt, die es zur ursprünglichen Bauzeit gar nicht gab. Oder mit brandneuen Ziegeln. Das sieht manchmal, ich kann es nicht anders sagen, wirklich scheiße aus. Doch meine Sichtweise ist die eines Reisenden aus dem fernen Westen: Wenn wir schon alte Steine besuchen, wollen wir Patina – das Original, bitte schön.

Asiaten jedoch haben grundsätzlich ein unbefangenes Verhältnis zum Original. (Und damit auch zur Kopie, wie westliche Unternehmen immer wieder erfahren müssen, wenn es um geistiges und anderes Eigentum geht). Geprägt von Religionen, die das Leben im Hier und Jetzt predigen, zählt die Gegenwart in Asien und nicht die Vergangenheit.

Als in China die berühmte Terrakotta-Armee entdeckt und ausgegraben wurde, begannen die Chinesen sofort mit der Instandsetzung der Ton-Soldaten. Der Reiz kaputter Figuren wollte sich ihnen einfach nicht erschließen. So kitteten sie die Risse in den Köpfen. Und die Archäologen in aller Welt erlitten einen kollektiven Herzkasperl.

Später schickte China die Terrakotta-Armee in internationale Museen. In kleinen und größeren Gruppen, gegen beträchtliches Honorar. Das Hamburger Museum für Völkerkunde musste kurz nach Beginn der Ausstellung Ende 2007 zerknirscht eingestehen, dass es sich bei den Exponaten um Kopien handelte. Sind halt Schlitzohren, die Chinesen. Seither marschieren Teile der Armee unter dem politisch korrekten Namen „originalgetreue Repliken“ durch die Kunsthallen der Welt.

Mein kulturellen Ansprüche lassen schnell nach an diesem frühen, heißen Nachmittag. Die größeren Tempel wie Thatbinnyu, Ananda Phaya mit den vier goldenen Buddhas oder Htilominlo steuere ich an wie ein Tour de France-Fahrer – als Verpflegungsstationen. Hier gibt es kalte Getränke und Obst. Denn die Tagesetappe ist noch nicht zu Ende.

Nach dem eleganten Umrunden kleinerer Pagoden gönne ich mir die asphaltierte Straße, die nach Nyaung-U führt. Es mögen noch fünf Kilometer sein, ein Klacks! Ein Klacks? Bald überholt mich ein Pferdefuhrwerk. Der Gaul in lockerem Trab, die Passagiere im lockeren Schnack.

War eine gute Wahl, das Damenfahrrad. Am Mittag. Im April. In Burma.

Lesetipp: „Tage in Burma“ von George Orwell, Diogenes Verlag. Orwell diente als Polizeioffizier der britischen Kolonialmacht in Burma. Für dieses Leben war er nicht geschaffen. Im englischen Heimaturlaub quittierte er 1927 den Dienst und wurde Schriftsteller. Bevor Orwell mit „Farm der Tiere“ und dem Zukunftsroman „1984“ Weltruhm erlangte, erschien 1935 „Tage in Burma“. Großartig geschrieben, schildert es in präzisen Porträts den Alltag in Ober-Burma zu Zeiten der englischen Kolonialherrschaft, als die weißen Herren den Farbigen die Segnungen der Zivilisation brachten. Die Kinematographie etwa oder Syphilis.

Bagan 1 –  Flug ins Reich der Tempel
Bagan 3 – Muskelkater bis zum Sonnenuntergang
Bagan 4 – Mit der „Ruby“ auf Zeitreise
Bagan 5 – Auf Wiedersehen, Myanmar!