Skrupellose Klickjagd: Beweise werden überschätzt

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Die Hmong-Kinder am Wat Doi Suthep (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Kinder vom Bergvolk der Hmong sind ein beliebtes Fotomotiv am Fuß des Wat Doi Suthep, dem wichtigsten Tempel  Chiang Mais im Norden Thailands. Touristen posieren mit den Kleinen, die auf diese Weise – an schulfreien Tagen und am Wochenende – ein wenig Geld beisteuern können zum familiären Lebensunterhalt. So jedenfalls war es bisher. Die Kinder sind nicht mehr da – ein globaler Shitstorm zerstörte ihren Ruf.

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Foto: Reddit/Daily Mail

Reddit ist ein so genannter Social-News-Aggregator, eine Website, auf der registrierte Benutzer Inhalte einstellen/anbieten können (Wikpedia). Genau das machte Reddit-Nutzer „medardboss“ Ende September.

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Der „Beweis“

Er postete das obige Bild, versehen mit der Unterschrift „Girlfriend in the progress of having her watch stolen“ (Freundin, der gerade die Uhr gestohlen wird). Zu sehen ist eine britische Touristin mit den Mädchen Thidaret (10 Jahre, links) und der siebenjährigen Kanlayanee (rechts, Quelle: Daily Mail).

„medardboss“ weiter: “This pic solved the mystery of the missing watch… We were a bit drunk and those girls are absolute pros.” („Dieses Bild löste das Rätsel der vermissten Uhr. Wir waren ein wenig betrunken und diese Mädchen absolute Profis“).

Tausende Reddit-User kommentierten den Beitrag. Z. B.: „Diese Kids… sind Experten… Pech für das Mädchen, dass das Foto genau in diesem Moment geschossen wurde.“ Ein anderer Kommentar beschuldigte die Kinder, Mitglieder einer organisierten Bande zu sein, der Touristen zum Opfer fallen. Wieder andere erkannten die „Technik professioneller Taschendiebe“.

Chiang Mais Touristenpolizei musste unter öffentlichem Druck Ermittlungen aufnehmen, als der Fall internationale Schlagzeilen machte. So berichteten die Daily Mail, Daily Telegraph, New Zealand Herald, Yahoo News und New York Post u. a. über den angeblichen Diebstahl.

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Foto: Nick McGrath/MailOnline

Die angeblichen Opfer meldeten den Vorgang nie bei der lokalen Polizei. Dort jedoch erschienen die verstörten Eltern, Vater Phujaras Chiapaporn and seine Frau Lu Nithiworephob. Sie wiesen die Vorwürfe zurück und erklärten: „Unsere Tochter würde niemals stehlen.“ Sie baten die Polizisten, die britischen Touristen ausfindig zu machen und zu einem persönlichen Kennenlernen einzuladen. Der Aufruf blieb ohne Erfolg.

Der Rest ist schnell erzählt:

Chiang Mais Gouverneur Prawin besuchte die Familie zur moralischen Unterstützung in ihrem Dorf.

Die Mutter versuchte, mit einem traditionellen Ritual das Selbstvertrauen der Töchter zu stärken.

Bild, Text und Reddit-Konto „medardboss“ wurden kommentarlos gelöscht.

Die britische Touristin behauptete, das Foto sei unerlaubt von ihrem Facebook-Konto heruntergeladen worden.

Die Armbanduhr wurde wiedergefunden.

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Aufgang zum Wat Doi Suthep, wo die Hmong-Mädchen zuvor mit Touristen für Fotos posierten (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)

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Wat Doi Suthep (Foto: Faszination Fernost/B. Linnhoff)