Im Krieg übersehen, heute der Hit

Herzlich willkommen in Hoi An! (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

 

 

1. Einstimmung

Auch Städte, groß oder klein, haben eine Identität, eine Seele. Auch Orte wollen, wie wir Menschen, wahrgenommen und gewürdigt werden. Manchmal aber werden selbst ganze Städte übersehen, und das kann ein großes Glück sein, wie wir gleich festellen werden.

Dank seiner Lage an der Seidenstraße war Hoi An im 16. Jahrhundert der größte Hafen Südostasiens. Mehr und mehr chinesische und japanische Händler siedelten sich an, die Stadt wuchs stetig und im 17. Jahrhundert kamen die europäischen Händler hinzu, vor allem aus Frankreich, Holland und Portugal. Sukzessive aber verlagerte sich der Handel danach in Richtung Norden zum Großhafen nach Danang – Hoi An verlor an Bedeutung. 

Ein Blick zurück im Museum

 

Die kleine Stadt wurde derart unwichtig, dass sie während der kriegerischen Auseinandersetzungen  – mit Frankreich und später mit den USA – nie in Gefahr geriet, zum Ziel zu werden. Keiner der Aggressoren interessierte sich für diesen Ort – nur deshalb erleben wir heute die historische Altstadt unversehrt.

 

Mit der Einstufung als UNESCO-Weltkulturerbe 1999 wurde die touristische Stufe gezündet. Lantern City nennt sich Hoi An nun, Laternenstadt. In der Altstadt trägt jeder Anwohner dafür Sorge, dass es an Lampions und Lichtern nicht mangelt. Die Aggressoren von heute sind friedlich, Touristen eben, und was sie sehen, erfreut ihre Augen.

 

2. Ocker dominiert im farbenfrohen Mix

Die Japanische Brücke – das Wahrzeichen von Hoi An (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

 

Hoi An liegt gut geschützt an der Mündung des Flusses Thu Bon. Es hat nur 75000 Einwohner, aber ein Depot mit Millionen Bildern auf Instagram. Gezählt habe ich die Fotos natürlich nicht, ich halte mich nur an die Wahrscheinlichkeitstheorie. Hoi Ans historisches Viertel, in dem das allgegenwärtige Ocker einen farbenfrohen Mix dominiert, wirkte auf mich, als sei es von einem hellsichtigen Architekten vor Langem für den Tag erbaut worden, an dem es ein weltweit einsehbares Fotoalbum geben würde.

Qualifying (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Je nach Einstellung ist dieses Städtchen romantisch, kitschig, pittoresk, verspielt. Vielleicht auch bequem, kompakt, charismatisch. Zum Gemisch der Stile und Epochen gehören chinesische Shophouses und Tempel aus Holz, Gebäude aus der französischen Kolonialzeit und die schmalen Stadthäuser, die für Vietnam so typisch sind. Stehen sie allein, wie am Rande von Hoi An, wirken sie trotz kunstvoller Fassaden ein wenig verloren.

 

Viele Städte Asiens werden erst am Abend wach. Es sind die Lichter, die ganz gewöhnliche  Orte in Sehenswürdigkeiten verwandeln. Da ist die Nähe zum Äquator von Nutzen – es wird früh dunkel. Zeit für Magie.

 

3. Anreise und Hoteltipp

Von unserem Wohnort Chiang Mai in Nordthailand gibt es einen täglichen Direktflug nach Danang mit Air Asia. Hoi An liegt knapp 30 Kilometer vom internationalen Flughafen Danangs entfernt; die Fahrt mit Taxi (knapp 20 Euro) oder Bus dauert zwischen 30 und 50 Minuten. Von allen größeren Städten Vietnams ist Hoi An problemlos mit Flugzeug, Bus oder Bahn zu erreichen.

Mit dem „Little Hoi An Beach Hotel“ hatten wir ein gutes Händchen. Großzügiges Zimmer, geräumiges Bad, erstaunliche Auswahl beim Frühstückbuffet (probiert den Mangosalat!), gute Küche à la carte am Abend, freundliches, kompetentes Personal.

Kompliment an den Koch (Foto: Kesorn Chaisan)

Nachmittags fuhren wir mit dem Taxi (4,7 km, 10 Minuten) in die Altstadt, der Fahrpreis lag stets um die 100 000 Dong, vier Euro also. Viele leihen sich ein Fahrrad, eine sinnvolle Entscheidung angesichts der geringen Distanzen hier.

 

Trotz des touristischen Andrangs blieben die Hotelpreise in Hoi An bisher moderat. Vielleicht auch deshalb, weil es in allem Kategorien ein relevantes Angebot gibt. Wir bezahlten für unser Zimmer gut eine Million Dong pro Nacht, was dann freundlichen 40 Euro entsprach.

Zugabe – die luxuriöse Empfehlung eines Freundes lautet: Le Pavillon Hoi An.

 

In der Lobby unseres Hotels: Zuckerbäcker-Nachbildung der Japanischen Brücke von Hoi An (Foto: Kesorn Chaisan)

 

4. Wir Touristen

Schwerer als vermutet, aber tragbar (Foto: Kesorn Chaisan)

Hoi An bedeutet laut Wikipedia „ruhige Gemeinschaft oder friedvoller Versammlungsort“. Das mag mal so gewesen sein, das ist vorbei. Dennoch war es trotz aller Prognosen nicht so voll, dass meine Frau Toey und ich Platzangst bekommen hätten.

Die Auszeichnung als Weltkulturerbe der UNESCO bedeutet stets Chance und Risiko. In Hoi An droht wohl bald Übertourismus, erst recht, seit die Chinesen die Freiheit des Reisens für sich entdeckt haben und auch die Mittel dazu. In 2018 verreisten weltweit 100 Millionen Chinesen; ein ansehnliches Stück vom Kuchen gebührt Vietnam, Chinas unmittelbarem Nachbarn im Süden.

Alte, sorgsam gepflegte Häuser, friedliche Stimmung, keine hohen Gebäude, die den Himmel verdecken, und abends das Ganze mit Beleuchtung: Nicht einmal notorische Nörgler finden in Hoi An etwas zum Meckern.

Den Streit darüber, was heute an populären Reisezielen noch authenthisch ist und nicht nur kommerziell, finde ich zumehmend langweilig. Viele Reisende erwarten allüberall eine Ursprünglichkeit, die es vielleicht noch in versteckten Dörfern am Mekong gibt. Bis die ersten Touristen einfallen.

Hoi Ans Bewohner wollen vom Boom profitieren – das ist nicht nur legitim, sondern normal und in Rothenburg ob der Tauber nicht anders. Und wer weiß – ohne das UNESCO-Prädikat würde die Stadt vielleicht noch immer übersehen.

 

Sind wir auf Reisen, blicken Toey und ich blicken nach wie vor mit Kinderaugen auf alles, was wir nicht kennen oder so noch nie gesehen haben. Wir würdigen ausgiebig, was uns an neuen Gerichten schmeckt und unseren Magen-Darm-Trakt in Ruhe arbeiten lässt. Eingedenk der Gefahren, die Kabarettist Bruno Jonas mal so formuliert hat: Andere Länder, anderer Durchfall.

Die Früchte des südchinesischen Meeres (Foto: Kesorn Chaisan)

Vor allem aber freuen wir uns darüber, einfach nur unterwegs zu sein in unbekannten Gefilden. Wohl wissend, dass wir die Menschen und ihr alltägliches Leben auch nach unserem Besuch nicht kennen werden. Doch irgendetwas nehmen wir immer mit. Und sei es nur die Erkenntnis, dass wir uns gar nicht groß von den Touristen aus anderen Ländern unterscheiden. Wir alle wollen unser Leben um neue Eindrücke bereichern. Wir sehnen uns nach Schönem oder vielleicht auch nur nach schönen Bildern. Aber diese Sehnsucht leben wir im friedlichen Nebeneinander mit den Chinesen, Australiern, Ägyptern, Indonesiern, Chilenen und Kataris und und, die neben uns durch die Gassen treiben.

Ihr fragt, ob wir Hoi An empfehlen können: Unbedingt!

Aber: Ihr seid dort nicht allein!

5. Am Fluss

Der Spaziergang über die Uferpromenaden des Song Thu Bon ist Anfang, Höhepunkt und Ende eines jeden Trips nach Hoi An. Dort stehen die besten Restaurants, dort spielt das Leben, und vom Tisch am Straßenrand oder gar von einer Dachterrasse ist das wuselige Lichtspiel am Abend ein Genuss.

 

Auf dem Fluss schwimmen kleine Papierboote mit einer Kerze, als wäre hier das ganze Jahr über Loi Krathong, das Lichterfest, das in Thailand in jedem November gefeiert wird. Dort sollen die „Krathongs“ die Sünden des abgelaufenen Jahres abtransportieren, in Hoi An symbolisiert jedes zu Wasser gelassene Papierschiffchen ein Stück vom Glück.

6. Essen+Trinken

Wenn es denn stimmt, dass das Auge mitisst, bist du in Hoi An schon satt, bevor du die Speisekarte auch nur in der Hand hast. Die Stadt ist bekannt für ihre schmackhafte Küche, da segelt das Hüftgold elegant heran und meist in großzügigen Portionen. Cao Lau heißt das lokale Spezialgericht: Reisnudeln mit Schweinefleisch, Sojasprossen, Croutons und Kräutern in einer Brühe.

 

Einige Restaurants, die wir aus vollem Herzen und mit vollem Magen empfehlen können:

Morning Glory: Sieht nach Masenbetrieb aus. Das Personal hat tasächlich alle Hände und Füße voll zu tun, die Gerichte werden erstaunlich schnell nach der Bestellung serviert, ohne dass die Qualität leidet (Foto: Kesorn Chaisan)

„Morning Glory“: Davon gibt es zwei Versionen in Hoi An, eines wird zu unserer absoluten Überraschung auf der eigenen Facebook-Seite schlecht bewertet wird. Wir hingegen waren begeistert.

Tadioto Hoi An: Japanisches Lokal, best sushi in town.

Chefkoch und Eigentümer Duc Tran, US-Vietnamese, bestimmt das Geschehen in den Küchen von Mango Mango, Mango Rooms und Mai Fish.

Die Lieblingsgerichte der Einheimischen gibt es vor allem im Home Hoi An.

Stets gut besucht ist der Cargo Club, ein französisches Café mit quirliger Atmosphäre.

 

Banh Mi heißt das vietnamesische Sandwich, das viele Verehrer auch unter den ausländischen Gästen hat. Derzeit läuft ein Duell zwischen der selbsternannten „Königin des Banh Mi“, Madame Khanh und dem Restaurant in Nähe des Marktes, Banh Mi Phuong.

Lauwarmer Cappucino, authetnisch unfreundliche Bedienung, nicht einmal die Eiskreme schmeckte und das bei einem so verpflichtenden Namen wie Casa Italia – das Lokal steht nun als einsamer Eintrag auf unserer schwarzen Liste.

„Hidden Hoi An“ nennt sich ein Blog, der sich unter anderem um das Nachtleben der Stadt und um die Barszene speziell kümmert: Best Bars in Hoi An

Wer immer sich an den Mini-Ständen des zentralen Marktes niederlässt und unbekannten Speisen vertraut, wird nicht enttäuscht. Die reichlich bemessene, wohlschmeckende Portion Cao Lau kostet hier 1,15 Euro.

 

7. Shopping

Vor Jahrhunderten war Hoi An ein Drehkreuz für den Transport von Textilien und Leder – die heutigen Boutiquen stehen in dieser Tradition und interpretieren sie zeitgenössisch. Viele Reisende kaufen sich hier hochwertige Schuhe oder lassen sich Kleider, Hemden, Anzüge nach Maß fertigen – der Ruf des lokalen Schneiderhandwerks ist Legende. Selbst das, was überall unter dem Sammelbegriff Souvenirs firmiert, sieht in Hoi An besser aus als anderswo angebotener, dekorativer Schrott. 

 

Fazit: Fast alles scheint hier von besserer Qualität zu sein und liebevoller präsentiert zu werden als in anderen Touristenhochburgen.

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

8. Aktivitäten

Hier lernt der Gast, auf nackten Vorlagen Masken zu kreieren (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Wir waren nur drei Tage da und das Wetter strich uns exakt den Tag, an dem wir Ausflüge geplant hatten. Zu den hinduistischen Tempeln von My Son wollten wir – die sehr gut erhaltene Anlage der Cham gehört ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe und stammt aus der Ära zwischen dem 7. und 13. Jahrhundert. Als zweites Ziel hatten wir uns die Höhlen von Phong Nga ausgeguckt, auch sie von der UNESCO geadelt.

My Son (Foto: Luxury Travel Vietnam)

Die Strände Hoi Ans liegen ein wenig außerhalb der Stadt. Ein Ausflug lohnt sich, da sie bei weitem nicht so überlaufen sind wie in den größeren Küstenorten. An den von Palmen gesäumten Sandstränden von Cua Dai sowie An Bang findet man immer ein gemütliches und  auch schattiges Plätzchen. Die Strände erreicht man gut mit dem Taxi, aber spannender ist eine kleine Fahrradtour dorthin. In den Strandrestaurants kommen vor allem – was sonst? – die fangfrischen Meeresfrüchte auf den Tisch.

Cua Dai Beach (Foto: S Vietnam Travel)

In der Altstadt bieten diverse Restaurants Kochkurse an, bei denen der Gast in die Raffinessen der hemischen Küche eingeweiht wird. Die abenteuerlustigen sch wingen sich auf den Motorroller und erfahren die Gegend auf einer Tour, organisiert von Vietnam Vespa Adventures. In Vietnam fährt man rechts, und der wichtigste Teil eines jeden motorisierten Fahrzeugs ist die Hupe. 

In Hoi An wird jeder zum Fotografen, ohne dass das Resultat immer den eigenen Erwartungen entspräche. Hier kommt der französische Fotograf Etienne Bossot ins Spiel. Bossots Hoi An Photo Tour and Workshop kostet eine Million Dong, um die 40 Euro je nach Tageskurs.

 

9. Chinesische Tempel und Versammlungshäuser

Japaner, Inder, Franzosen, Poprtugiesen und Holländer – sie alle haben ihren kulturellen Fingerabdruck in Hoi An hinterlassen. Vor allem aber die Chinesen. Die Quang Trieu Versammlungshalle, gebaut 1885 von eingewanderten chineischen Kaufleuten, ist eines der berühmtesten historischen Gebäude der Stadt und damit auch eine der begehrtesten Sehenswürdigkeiten. Die einzelnen Teile des Gebäudes wurden in China gefertigt, anschließend nach Vietnam transportiert und dort zusammengesetzt.

 

Die einstigen Versammlungsplätze der Chinesen verteilen sich über die gesamte Altstadt.

10. An der schönen blauen Donau in Hoi An

Auf jeder Reise gibt es mindestens einen Moment, da spontan sage: Gibt`s doch nicht! Der halbstündige Bootsausflug, den wir für neun Euro pro Person noch vor Sonnenuntergang gebucht und absolviert hatten, verlief noch unspektakulär und entspannt.

 

Danach kamen wir gerade recht zu einer Vorführung im Traditional Arts Performance House. Ein kleines Theater, eher eine Puppenstube, aber mit Platz für immerhin 60 Zuschauer.

Wir waren gefasst auf traditionellen Tanz zu traditioneller Musik, gespielt mit traditionellen Instrumenten von einer kleinen Band.

An dieser Stelle darf ich kurz das Dan Bau oder Monochord erwähnen, das typischste aller vietnamesischen Instrumente. Der Korpus wurde früher aus Bambus gefertigt, als Resonanzkörper dient eine getrocknete Kürbisschale. Das muss im Moment reichen. Im Hintergrund der Bühne entdeckte ich eine Flöte, und ich kann nicht ausschließen, dass auch eine Dinh Goong (Röhrenzither) verteten war oder die bekannte „sprechende Geige“ K`ny.

Angesichts dieser instrumentalen Ausstattung mussten mich die ersten Töne des dritten Musikstücks überraschen. Vor meinem geistigen Auge erschien Johann Strauss (Sohn), ihn hätte ich in Hoi An nicht erwartet. Mein Smartphone schwenkte ich im Walzertakt, was den Videoclips nicht so gut bekam, und genau da rief ich: Gibt´s doch nicht!

Aber seht und hört selbst:

Fotos: Faszination Fernost/B. Linnhoff, Kesorn Chaisan

Video: B. Linnhoff; Schnitt: Moritz Linnhoff

Zum Abschluss ein wunderschönes Drohnenvideo vom nächtlichen Hoi An auf Facebook (Video: Luxury Travel Co.)